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Robert De Niro und Anne Hathaway am 27. September bei der Europa-Premiere von "The Intern" in London.

Anne Hathaway und Robert de Niro

"Nicht auf das Wissen von Älteren verzichten"

Die Hollywoodstars Anne Hathaway und Robert de Niro über die Vorzüge des Älterwerdens, gute Ratschläge und die Kunst, im Hier und Jetzt zu leben.

Ein Interview mit Hollywood-Legende Robert de Niro lief früher oft so, als wollte man Blut aus einem Stein pressen. Er war zwar immer freundlich und sehr höflich, aber eben auch wortkarg und verschlossen. Nicht so bei diesem Interview: Gut gelaunt sprach er über seinen neuen Film „Man lernt nie aus“ (ab 24. Sept. im Kino) und was ihm sonst noch im Leben wichtig ist. Das lag sicher auch an Anne Hathaway, seinem charmanten und lebenslustigen Co-Star. Wir trafen die beiden zu einem gemeinsamen Interview im Crosby Hotel, in Manhattans Stadtteil NoLita. Und da letztes Jahr von vielen Medien gemeldet wurde, dass Robert de Niro angeblich Anne Hathaway bei einem Dinner vor dem Erstickungstod gerettet hat, wollten wir natürlich erst mal die genauen Umstände dieses Dramas wissen…

Mrs. Hathaway, waren Sie mit Ihrem Lebensretter Robert de Niro wieder mal Fisch essen?
ANNE HATHAWAY: Ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen.

Es ging groß durch die Presse, dass Sie bei einem Abendessen mit Robert de Niro fast an einer Fischgräte erstickt wären…
H.: … was? Tatsächlich? Das ist mir neu…

… und Sie, Mr. de Niro, ihr mit dem Heimlich-Handgriff das Leben gerettet haben…
ROBERT DE NIRO: Das habe ich nicht. Ich weiß nicht, wovon Sie reden.
H.: (Lacht) Das war sicher eine andere Brünette.
d.N.: (Schüttelt den Kopf) Da sehen Sie mal, was im Internet für ein Blödsinn verbreitet wird.

Sie trauen den Nachrichten im Netz nicht?
de Niro: Nicht sehr. Ich halte lieber die New York Times in Händen.

In „Man lernt nie aus“ zeigt man Ihnen, wie Facebook funktioniert…
d. N. … das wusste ich schon vorher. Allerdings halte ich privat nichts von Facebook oder Twitter und dergleichen. Dafür hätte ich auch gar keine Zeit. Natürlich sehe ich die Vorteile dieser neuen Medien. Sie sind sehr schnell und effektiv. Und gerade die jüngeren Leute sind darin sehr versiert. Wenn ich mal Probleme mit meinem Computer habe, dann wende ich mich an meinen Sohn und – klick-klick-klick-klick – läuft das Ding wieder wie geschmiert. Ich habe keine Ahnung, wie er das macht.

Sie spielen Ben, einen 70-jährigen Praktikanten, der Jules, eine 30-jährige, sehr erfolgreiche Unternehmerin – gespielt von Anne Hathaway – als Boss hat. Wie realistisch ist das im wirklichen Leben?
d. N.: Leider ist das sehr unwahrscheinlich. (Lacht) Aber vielleicht startet der Film damit ja einen neuen Trend. Vor allem bei uns in den USA werden ältere Menschen schnell aus dem Arbeitsprozess aussortiert und zum alten Eisen geworfen. Da grassiert in fast allen Bereichen ein furchtbarer Jugendwahn. Ich finde das schändlich.
H.: Das finde ich allerdings auch. Denn wie man im Film sieht, kann ein einzelner Mensch das Klima innerhalb einer Gruppe sehr beeinflussen. Ich glaube wirklich, dass ein guter Mensch in einer Firma oder im Privatleben die Stimmung total ins Positive kehren kann, wenn man ihn lässt. Ich würde es wirklich sehr begrüßen, wenn Unternehmen ältere Menschen nicht abschieben, sondern sie auch weiterhin beschäftigen würden. Warum nicht von der großen Erfahrung profitieren, die sie im Laufe eines langen Arbeitslebens gesammelt haben? Zwei meiner besten Freunde sind 83 und 87 Jahre alt. Und sie geben mir oft die besten Ratschläge überhaupt.

„Erfahrung wird nie alt“ ist also eine der Botschaften des Films?
H.: Ein tolles Mantra!
d. N.: Dahinter stehe ich voll und ganz. Es ist doch – auch ökonomisch gesehen – ziemlich dumm, auf das Know-how älterer Menschen zu verzichten.

Mr. de Niro, Ben ist ein Gentleman alter Schule, der mit seinen sehr viel jüngeren Arbeitskollegen sehr respektvoll, ja sensibel umgeht. Wie viel Ben steckt denn in Robert de Niro?
d. N.: Sie werden lachen: ziemlich viel. Als Schauspieler versuche ich natürlich bei jeder Rolle etwas in mir zu finden, auf das ich dann die Figur aufbauen kann. Diesmal musste ich nicht lange suchen. Mir ist es tatsächlich sehr wichtig, freundlich und respektvoll mit meinen Mitmenschen umzugehen.
H.: Bob ist auch abseits der Kamera ein echter Gentle-man. Er ist der liebenswürdigste und großzügigste Schauspieler, den man sich vorstellen kann. Ihm ist weder sein Ruhm noch sein Erfolg zu Kopf gestiegen. Und das ist bei seinem Status als Filmlegende gar nicht selbstverständlich. Er ist sehr warmherzig, was ich übrigens sehr attraktiv finde. Und das half mir ungemein. Ich musste ja für die Rolle der Jules ein paar Mal bei unserer Regisseurin Nancy Meyers vor-sprechen.
d. N.: … ja, du musstest hart dafür kämpfen…
H.: … und er hat mich vom ersten Tag an ganz wunderbar unterstützt. Auch während der Dreharbeiten strahlte er eine geradezu Zen-gleiche Ruhe und Gelassenheit aus. Dadurch wurde auch ich sehr relaxt und entspannt…
d. N.: … das lag vielleicht auch an den Pillen, die du immer geschluckt hast…
H.: … das waren Vitamin-Pillen! Ich habe da einen eisernen Vorsatz: Beim Drehen nie Drogen – nur jede Menge Alkohol! (Lacht)

Mrs. Hathaway, vermissen Sie echte Gentlemen in Ihrem Privatleben?
H.: Nein, denn ich bin mit einem verheiratet! (Seit drei Jahren mit dem Schauspieler Adam Shulman) Ich habe also großes Glück gehabt. Aber im Berufsleben vermisse ich schon oft eine gewisse Rücksicht und Umsicht. Damit meine ich aber nicht, dass mir ein Mann die Tür aufhält oder in den Mantel hilft, sondern dass man mich freundlich und respektvoll behandelt. Und zwar nicht aus Kalkül, sondern aus echter Herzenswärme heraus.

Wenn der Filmtitel Programm ist – was haben Sie beide bei den Dreharbeiten gelernt?
d. N.: Nichts. Für mich genügt es voll und ganz, wenn ich die Dreharbeiten unfallfrei überstehe.
H.: Ich habe schon etwas gelernt. Denn ich habe diesmal etwas Neues versucht. Früher habe ich Filme oft aus einer sehr großen Unsicherheit heraus gemacht. Dieses Mal war ich viel relaxter. Ich konnte – vielleicht zum ersten Mal – einzelne Szenen richtig genießen.

Das überrascht. Immerhin machen Sie schon seit fast 15 Jahren einen Kinofilm nach dem anderen, wurden einmal für den Oscar nominiert und haben ihn für Ihre Rolle als Fantine in „Les Misérables“ auch bekommen…
H.: Und trotzdem war ich bis vor kurzem immer wahnsinnig angespannt beim Drehen. „Man lernt nie aus“ habe ich in einer sehr viel besseren seelischen Verfassung gemacht. Das ist der Film, der mir das Gefühl gab, dass ich ein bisschen erwachsener wurde…

Lag es vielleicht auch daran, dass Ihnen Mr. de Niro viele gute Ratschläge geben hat?
d. N.: Das musste ich gar nicht.

Sind Sie ein guter Ratgeber?
d. N.: Ich hoffe doch. Allerdings dränge ich mich niemandem auf. Aber wenn ich gefragt werde, gebe ich gerne mein Wissen weiter. Immerhin habe ich ja schon ein paar Filme gemacht. Wenn ich also zum Beispiel beim Drehen sehe, dass das Licht ungünstig gesetzt wird oder sich die Kamera in eine falsche Richtung bewegt, dann frage ich schon mal, ob das wirklich so richtig ist. Auf der anderen Seite lasse ich mir natürlich auch gerne etwas sagen. So wie es unsere Regisseurin Nancy Meyers getan hat. Die Dreharbeiten zu „Man lernt nie aus“ waren überhaupt sehr nach meinen Geschmack.

Was bedeutet das genau?
d. N.: Zum einen hatten wir Zeit. Ich habe ganze 15 Wochen lang gedreht. Das ist heutzutage – wo Filme aus Kostengründen oft wahnsinnig schnell abgedreht werden – ein echter Luxus. Das lag vor allem daran, dass Nancy ihre Sache als Regisseurin eben sehr genau genommen hat. Das kommt mir sehr entgegen. Da wurde am Set nicht gehudelt. Stattdessen wurde geprobt und diverse Takes auch fünfzehnmal wiederholt, wenn es sein musste. Als ich zum Beispiel mal zwei Worte verdrehte, sagte sie zu mir: „Bob, du musst es richtig sagen, denn sonst killst du den Gag“. So etwas liebe ich. Und diese Präzision sieht man dem Film auch an.
H.: Ganz genau. Es konnte schon mal vorkommen, dass ich 15 Mal durch eine Tür ins Zimmer treten musste. Und wenn Nancy das will, dann fragt man nicht warum – man macht es einfach, weil man weiß, dass es Sinn macht.

Welcher Rat war der wichtigste, den Sie je bekommen haben?
d. N.: Ich habe im Laufe meiner gut 50-jährigen Karriere viele gute Ratschläge bekommen, die mir allerdings zum einen Ohr hinein und zum anderen gleich wieder hinaus sind. Einen „guten Rat“ kann jeder geben – viel schwerer ist es, auch hundertprozentig dahinter zu stehen. Das aber habe ich von meinem Vater gelernt. Er ist sich sein Leben lang treu geblieben und hat sich nie und von irgendjemandem korrumpieren lassen. Und das war in seinem Beruf als Kunstmaler alles andere als einfach. Diese Sehnsucht nach Echtheit und Integrität hat er mir wohl vererbt. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar.
H.: Den besten Rat haben mir meine Eltern gegeben. Sie haben mich schon von Kindesbeinen an dazu ermuntert, mich auszuprobieren, mich der Welt zu stellen. Sie sagten immer: „Annie, du kannst alles sein, was du willst!“

Was glauben Sie: Haben es Frauen schwerer sich im Beruf durchzusetzen als Männer?
H.: Da hat sich in den letzten Jahren viel zu Gunsten der Frauen verbessert. Aber ich glaube schon, dass an Frauen – zumal wenn sie erfolgreich sind – immer noch viel höhere Ansprüche gestellt werden als an Männer. Man kann als Frau noch so hart arbeiten und jeden Job so gut wie ein Mann machen – trotzdem sollte man darauf vorbereitet sein, dass man weniger Geld dafür bekommt. Das ist noch schwer verbesserungswürdig. Aber das ist nicht nur in Hollywood der Fall, sondern in jedem Business überall auf der Welt. Bis zur Gleichberechtigung der Frau ist es noch ein weiter Weg.
d. N.: Wir sind da mit gutem Beispiel vorangegangen: Anne und ich haben für den Film gleichviel Gage bekommen.

Im Film geht es auch um die Kunst, in der Gegenwart zu leben. Im Hier und Jetzt. Fällt Ihnen das im Privatleben leicht?
H.: Nein, das fällt mir ganz und gar nicht leicht. Ich trage immer sehr viel Vergangenheits-Gepäck mit mir herum. Oder mache mir Gedanken um die Zukunft. Aber wenn ich mal ganz im Hier und Jetzt bin, macht mich das sehr zufrieden und glücklich. Das ist dann aber eher selten. Daran muss ich noch arbeiten.
d. N.: Ich lebe immer in der Gegenwart. Ich habe ja keine andere Chance.

Mr. de Niro, für viele Schauspieler sind Sie das große Vorbild…
d. N.: … na ja. Jeder Schauspieler sollte so schnell wie möglich seinen eigenen Weg finden. Sicher, auch mich haben Schauspieler wie Marlon Brando, James Dean oder Montgomery Clift am Beginn meiner Karriere beeinflusst – immerhin haben sie die Schauspielerei für immer verändert. Aber mir war schnell klar, dass ich meinen eigenen Stil finden musste.

Sehen Sie Schauspieler wie zum Beispiel Leonardo DiCaprio oder Matt Damon als Ihre Nachfolger?
d. N.: Das würde ich mir nicht anmaßen zu denken. Aber den ein oder anderen Ratschlag habe ich ihnen natürlich auch schon mal gegeben. Die beiden sind auf jeden Fall sehr ambitionierte und hochtalentierte Schauspieler, die ihren Beruf sehr, sehr ernst nehmen, was mir ausgesprochen gut gefällt. Es macht mir eine große Freude, ihnen beim Spielen zuzuschauen. Ich würde sehr gerne noch einmal einen Film mit Leo machen. Als wir vor über 20 Jahren „This Boy’s Life“ gemacht haben, war er ja noch sehr jung. Aber auch Bradley Cooper, mit dem ich ja schon öfter zusammengearbeitet habe, ist ein ganz ausgezeichneter Schauspieler.
H.: Ich glaube auch, dass das mit dem Vorbild-sein gar nicht wirklich funktioniert. Und ehrlich gesagt würde ich so eine Vorbildfunktion gar nicht übernehmen wollen. Ich bin doch selbst noch auf der Suche und habe noch kein gefestigtes Weltbild. Natürlich bewundere auch ich Frauen wie zum Beispiel Emma Thompson oder Meryl Streep. Aber jemanden anzuhimmeln – damit allein ist es ja nicht getan. Man muss aus seinen Fähigkeiten selbst etwas machen. Und das ist harte Arbeit.

Haben Sie eigentlich – als echter method actor – vor den Dreharbeiten ein Praktikum in einer Online-Mode-Firma gemacht?
d. N.: (Lacht) Nein, das war nicht nötig. Ich konnte auch so sehr viel in meine Rolle einbringen. Stichwort Lebenserfahrung.

Waren Sie im wirklichen Leben jemals ein Lehrling oder Praktikant?
d. N.: Ich war Schauspielschüler… Aber ich erinnere mich noch gut an mein erstes selbstverdientes Geld. Das habe ich vor über 50 Jahren für den Film „The Wedding Party“ von Brian de Palma bekommen. Es waren genau 50 Dollar. Den Scheck musste ich mir sogar noch von meiner Mutter quittieren lassen, denn mit 19 galt ich damals noch als minderjährig. Ich dachte übrigens, dass es 50 Dollar pro Woche wären. Aber meine Mutter sagte: „Nein, das ist die Gage für den ganzen Film!“
H.: Ich spiele ja die Chefin eines Online-Modeversands und zur Vorbereitung habe ich mich da schon über die Branche informiert. Ich habe mich sogar mit Sophia Amoruso von dem Online-Versand Nasty Gal getroffen, die mir viele nützliche Tipps gab. Und zur Vorbereitung auf „Der Teufel trägt Prada“ habe ich eine Zeitlang bei Christie’s (ein weltberühmtes Aktionshaus) gejobbt.

Mr. de Niro, verzeihen Sie die Frage, aber haben Sie mit 72 schon mal daran gedacht in Rente zu gehen?
d. N.: Nein, noch nie. Ich hoffe doch, dass ich noch ein paar Filme in mir habe. Was sollte ich denn sonst den ganzen Tag lang machen? Golf spielen? Kreuzworträtsel lösen? Nein, danke.

Wie wäre es mit Chinesisch lernen? In „Man lernt nie aus“ sprechen Sie einen Satz auf Mandarin…
d. N.: … den ich leider nicht mehr wiederholen kann. Chinesisch ist sehr schwer zu erlernen. Obwohl meine Enkel schon versucht haben, mir etwas auf Chinesisch beizubringen. Sie können nämlich „Happy Birthday“ auf Chinesisch singen. Das haben sie in der Schule gelernt.

Es fällt auf, dass Sie nicht mehr so verschlossen im Interview sind wie früher. Woran, glauben Sie, liegt das?
d. N.: Vielleicht sehe ich die Dinge in den letzten Jahren tatsächlich etwas entspannter. Allerdings passe ich auch heute noch auf, was ich im Interview sage. Denn ich will eben nichts Falsches sagen, das ich im Nachhinein etwa bereuen müsste. Ich antworte auf alle Fragen auch immer so ehrlich, wie ich nur kann. Aber manchmal habe ich eben auch keine Antwort. Und dann gibt es Dinge, die sind mir einfach zu privat, als dass ich sie im Interview ausbreiten würde. Das ist mir dann zu persönlich. Das ist aber nicht gegen Sie als Journalisten gerichtet, sondern eher zum Selbstschutz.

Beschreiben Sie sich doch bitte zum Schluss einmal selbst.
H.: Ich stehe mit beiden Beinen auf der Erde. Ich bin manchmal etwas verkopft, dann wieder total kindisch. Und außerdem sehr wählerisch – was meine Agentin gelegentlich zur Weißglut treibt -, begeisterungsfähig, und ich habe einen guten Sinn für Humor. Hoffe ich zumindest.
d. N.: Mich beschreiben – das überlasse ich anderen. Aber ich kann ihnen einen guten Rat geben: „Nehmen Sie mich so, wie ich bin!“

Interview: Ulrich Lössl

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