Im September vergangenen Jahres ist Mamoudou Gassama nach Paris gekommen.
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Im September vergangenen Jahres ist Mamoudou Gassama nach Paris gekommen.

Mamoudou Gassama

Nicht der Rede wert

  • Axel Veiel
    vonAxel Veiel
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Mit einer waghalsigen Kletteraktion entlang eines Pariser Wohnhauses rettete Mamoudou Gassama einem vierjährigen Jungen das Leben. Ganz Frankreich redet jetzt über den Helden - nur er selbst sagt nicht viel.

So sind Helden eben. Sie reden nicht viel. Sie lassen Taten sprechen. Der 22-jährige Mamoudou Gassama, sowas wie Frankreichs neuer Spiderman, macht da ganz und gar keine Ausnahme.

Nicht einmal für den französischen Präsidenten macht er eine, der den ohne Aufenthaltspapiere in Frankreich weilenden Migranten aus Mali am Montag im Elysée-Palast empfängt. Aus erster Hand würde Staatschef Emmanuel Macron gern Genaueres erfahren über die vom Gast am Vorabend vollbrachte Heldentat.

Gewiss, in groben Zügen weiß Macron Bescheid. Ganz Frankreich redet schließlich über nichts anderes mehr. Am Sonntagabend gegen 20 Uhr ist Gassama demnach im von Armut gezeichneten 18. Pariser Arrondissement die Fassade eines Wohnhauses hinaufgeklettert, hat einen im vierten Stock am Balkongitter über der Straße baumelnden vierjährigen Jungen gerettet.

Aber was hat Mamoudou Gassama dabei empfunden? Wie hat der im September vergangenen Jahres in die Hauptstadt gekommene, in einem Heim lebende Migrant das Ganze erlebt?

„Ich bin hochgeklettert, weil es ein Kind war, ich mag Kinder, an die Zahl der Stockwerke, an das Risiko habe ich nicht gedacht.“ Viel mehr war dem Retter nicht zu entlocken gewesen. Auf seine außergewöhnliche Kraft und Geschicklichkeit angesprochen, hatte er lediglich hinzugefügt: „Ich spiele Ball, jogge und gehe ins Fitnesszentrum.“

In Bluejeans und kurzärmeligem Hemd sitzt der junge Mann mit dem zerzausten Schopf nun zwischen Goldstuck, Samt und Seide, vor sich den Präsidenten, neben sich Fernsehjournalisten. Und wie nicht anders zu erwarten, bewahrt der Afrikaner auch in dieser Situation die Ruhe.

Der Staatschef erfährt, dass Gassama nicht lange überlegt habe, dass alles sehr schnell gegangen sei, dass der sich ans Balkongitter klammernde Junge geweint habe. „Haben Sie das Kind anschließend noch einmal wiedergesehen?“ fragt Macron. „Ja“, sagt Gassama. Weiterer Worte bedarf es aus seiner Sicht offenbar nicht, großer Worte schon gar nicht. Es folgen Momente des Schweigens. „Bravo“, sagt Macron dann noch. „Merci“, antwortet sein Gegenüber nur.

Nach Gassama ist es nun der Staatschef, der zur Tat schreitet, sie zumindest ankündigt. Macron verspricht dem Retter die französische Staatsbürgerschaft und einen Job, der den am Vorabend bewiesenen Fertigkeiten Rechnung trägt: Als Feuerwehrmann soll der Migrant eingestellt werden. Große Worte fallen dann doch noch. Regierungssprecher Benjamin Griveaux bemüht sie. Er preist die „immense Tapferkeit“ Gassamas, der mit „heldenhaftem Verhalten und in treuer Verbundenheit mit den Werten der Solidarität unserer Republik das Leben eines Kindes gerettet hat ohne an das eigene zu denken“.

Währenddessen macht in den sozialen Netzwerken ein Video von Gassamas Rettungsaktion die Runde. Am Montagnachmittag verzeichnet es bereits mehrere Millionen Klicks. Es zeigt, dass Frankreichs Spiderman dem Original in nichts nachsteht. Mit bloßen Händen zieht sich Gassama von einem Balkon zum nächsten die Fassade hinauf. Die Bewegungen des Kletterers sind zielstrebig und geschmeidig zugleich. Klimmzug für Klimmzug kommt er der vierten Etage näher. Ganze 30 Sekunden, nachdem seine Hände am Sockel des ersten Balkons Halt gesucht haben, schwingt er sich auch schon über die Brüstung des vierten, greift schließlich nach dem Kind.

Nach Auskunft der Ärzte ist der Junge bis auf einen ausgerissenen Fingernagel mit dem Schrecken davongekommen. Für den Vater, der zum Einkaufen gegangen war und den Vierjährigen allein in der Wohnung zurückgelassen hatte, sieht es hingegen weniger gut aus. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Vernachlässigung der elterlichen Aufsichtspflicht.

Und Gassama? Er hat ein paar Kratzer abbekommen – nicht der Rede wert.

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