Konsequentes Ignorieren kann den Tätern Grenzen setzen.
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Konsequentes Ignorieren kann den Tätern Grenzen setzen.

Stalking

„Nicht reagieren, nie antworten“

  • Steffen Herrmann
    vonSteffen Herrmann
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Therapeut Ortiz-Müller berichtet über seine Arbeit mit Tätern und Opfern von Stalking.

Herr Ortiz-Müller, wer wird zum Stalker?

Das kann man nicht pauschalisieren. Aber es gibt bestimmte Muster. Stalker sind leicht kränkbar oder können schwer mit Zurückweisung umgehen. Bei vielen Stalkern sehen wir ein schwach ausgeprägtes Selbstwertgefühl. Für diese Menschen ist Bestätigung ganz wichtig: Werde ich geliebt? Bin ich etwas wert?

Gefährdet das Ende einer Beziehung dieses Selbstwertgefühl?

Ja, für Stalker geht mit der Trennung eine Welt unter. Sie fühlen sich häufig selbst als Opfer einer ungerechten Behandlung. Daraus legitimieren sie ihr Handeln.

Die Täter nehmen das Leid der Opfer also nicht wahr?

Das kommt darauf an. Manche sind tatsächlich nicht in der Lage, die Perspektive des Stalking-Opfers einzunehmen. Das eigene Ich steht im Mittelpunkt: mein Schmerz, meine Wut. Andere Stalker sinnen auf Rache. Sie spielen ihre erlebte Ohnmacht zurück auf die andere Person. Ein typischer Satz: ‚Die soll mal erleben, wie das ist!‘ Im Stalking fühlen sie sich mächtig. Diese Stalker versuchen, die eigene Verletzung zu bewältigen, indem sie anderen schaden. Sie vermeiden die notwendige Konfrontation mit der Realität.

Und hier kommt „Stop Stalking“ ins Spiel: Sie helfen Stalkern, die Realität anzunehmen?

Am Anfang zeigen wir häufig erst einmal Verständnis für die Verletzung: ‚Ja, die Trennung war nicht schön.‘ Bevor das Aber kommt: „Das berechtigt Sie nicht, das Leben eines anderen Menschen zur Hölle zu machen.“ Der Gedanke dahinter: Verurteile die Tat, aber nicht den Täter. Nimm den Täter als vollwertigen Menschen wahr.

Wie genau tun Sie das, viel mit den Tätern sprechen?

Ja, wir versuchen sie dort abzuholen, wo sie stehen. Wir konfrontieren Sie mit ihren Taten und den Folgen ihres Handelns. Wichtig ist, dass die Stalker lernen, sich selbst zu beobachten, zum Beispiel wann der Drang zu stalken stark ist, und wann sie abgelenkt sind. Dann können wir die Muster identifizieren, die ihrem Handeln zugrunde liegen. Dann suchen wir nach Alternativen: Wie könnte ein anderes Leben aussehen? Was können sie tun, um nicht zu stalken?

Wie erfolgreich ist das?

Psychotherapeut: Wolf Ortiz-Müller.

Wir kriegen von der Polizei keine Meldung, wenn jemand wieder gestalkt hat. Aber wenn die Stalker sich auf einen längeren Beratungsprozess einlassen, dann sind wir oft erfolgreich: In ungefähr drei Viertel der Fälle stalken diese Menschen nicht mehr in größerem Maße. Vielleicht schicken sie noch mal eine SMS zum Geburtstag, aber es ist kein Vergleich zu den Exzessen vorher.

Erste Hilfe für Opfer und Täter

Auf der Seitestop-stalking-berlin.de finden Menschen, die gestalkt werden und die stalken, erste Hilfe. Die Informationen sind auch unter anderem erhältlich in Englsich, Polnisch, Russisch, Arabisch, Türkisch, Spanisch.

Vermutlich schicken Polizei oder Rechtsanwälte Stalker zu Ihnen, oder kommen die Täter aus Eigeninitiative?

Und das ist das Schöne und Neue. Bislang ging man davon aus, dass Stalker beratungs- und therapieresistent seien. Aber es gibt viele, die unter ihrem eigenen Tun leiden und sagen: „So kenne ich mich nicht. Ich brauche Hilfe.“

Warum ist es so wichtig, nicht nur den Opfern, sondern auch den Tätern zu helfen?

Erst wenn der Täter aufhört, ist das Opfer nachhaltig geschützt. Täterarbeit ist Opferschutz – das ist die einfachste Formel, auf die man es herunterbrechen kann. Ein Opfer kann natürlich alle möglichen Schutzmaßnahmen ergreifen, aber oft gelingt es den Tätern, die zu durchbrechen. Bei einem starken Willen, dem Opfer nachzustellen, hilft selbst die Strafandrohung wenig. Stalker*innen können oft ihre Impulse nicht kontrollieren: Die schicken eine SMS – egal ob eine Strafe droht. Strafverfolgung ist natürlich wichtig, aber man muss eben auch mit den Täterinnen und Tätern arbeiten.

Sie arbeiten seit 2008 mit Tätern wie Opfern. Was ist die größte Erkenntnis?

Die Arbeit ist schwierig, aber auch schön. Es ist sehr berührend, wenn man über Monate mit einem Stalker arbeiten, und dann irgendwann der Anruf kommt: Jetzt habe ich es geschafft.

Und in Bezug auf die Opfer?

Wie belastend Stalking sein kann, auch wenn es scheinbar harmlos daherkommt. Es muss nicht immer die Morddrohung sein. Es kann auch das Zermürbende von Tausenden einzelnen kurzen Nachrichten sein. Eine andere wichtige Erkenntnis ist, dass sich Opfer von Stalking oft ambivalent verhalten: Sie antworten dem Täter auf seine Nachrichten oder initiieren den Kontakt nach einiger Zeit erneut. Dabei gilt für die Opfer: nicht reagieren, nie antworten.

Vor welchen strukturellen Problemen stehen Sie bei Ihrer Arbeit?

Die Strafverfolgung ist zäh und wenig fruchtbar. Zwischen einer Strafanzeige und einem Urteil liegt oft ein halbes Jahr oder mehr. Oft wird das Verfahren dann aber eingestellt, weil die hohe Schwelle des Nachstellungsparagraphen nicht überschritten ist: die schwerwiegende Beeinträchtigung der Lebensgestaltung, wie es im Gesetz heißt. Für die Täter ist das ein Triumph, für die Opfer eine Belastung.

Was würde Ihre Arbeit verbessern?

Wir müssen schnell und proaktiv mit den Tätern und Opfern arbeiten können. Wir müssen beide Gruppen Beratungen anbieten dürfen. Dafür wäre es schön, wenn die Polizei sich von Tätern und Opfern das Einverständnis holt, ihre Telefonnummer an uns weiterzugeben. In Holland oder Nordirland erreichen Hilfsorganisationen auf diese Weise bis zu 70 Prozent der Betroffenen, in Deutschland sind es nicht einmal zehn Prozent.

Interview: Steffen Herrmann

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