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Unwortschöpfer und verbaler Brandstifter: CSU-Landesgruppenchef Dobrindt sprach 2018 von der "Anti-Abschiebe-Industrie".

Unwort des Jahres

"Nicht nur perfide, sondern widerlich"

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Alexander Dobrindt benutzte als einer der Ersten den Begriff "Anti-Abschiebe-Industrie". Damit hat sich der politische Diskurs sprachlich nach rechts verschoben. Ein Gespräch mit Jess Jochimsen über das Unwort des Jahres.

Für eine zielführende öffentliche Debatte braucht es nicht nur streitlustige Geister oder Parteien, sondern eben „auch zugespitzte Begriffe“. Mit diesen Worten kommentierte gestern CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt die Entscheidung der Darmstädter Unwort-Jury, die von Dobrindt lancierte „Anti-Abschiebe-Industrie“ zum Unwort des Jahres 2018 zu ernennen. Der CSU-Mann hatte die nun gekürte Wortschöpfung im Mai 2018 während einer Rede im Bundestag genutzt, in deren Verlauf er die Klagen gegen die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber als Sabotage des Rechtsstaats und Gefährdung der öffentlichen Sicherheit bezeichnet hatte.

Während Dobrindt gestern noch betonte, es sei eine „Debatte in der Sache“ gewesen, bezeichnete die Unwort-Jury die „Anti-Abschiebe-Industrie“ als DAS Unwort des Jahres, „weil die Tatsache, dass ein solcher Ausdruck von einem wichtigen Politiker einer Regierungspartei prominent im Diskurs platziert wird, zeigt, wie sich der politische Diskurs sprachlich und in der Sache nach rechts verschoben hat, und sich damit auch die Sagbarkeitsregeln in unserer Demokratie in bedenklicher Weise verändern“. Die Jury habe das insgesamt zehnmal eingesandte Wort zum Unwort des Jahres gekürt, weil „mit diesem Begriff das geltende Gesetz verhöhnt wird, welches Grundlage unserer Wertegemeinschaft ist“. Auf den zweiten Platz wählte die Jury den Begriff „Menschenrechtsfundamentalismus“, der Ausdruck „Ankerzentrum“ kam auf Platz drei.

Der Autor und Kabarettist Jess Jochimsen, der in diesem Jahr von der Jury als Gastjuror berufen worden war, sagte der FR, er sei „sehr, sehr froh“, dass Dobrindts Wortschöpfung auf den ersten Platz gewählt wurde. Denn die sei „nicht nur perfide, sondern widerlich“. Zum einen, weil durch den Begriff Industrie der Eindruck vermittelt werde, da würden Asylberechtigte produziert. Zum anderen, weil sie „das verbriefte Recht eines jeden, gegen eine Behördenentscheidung vorzugehen, infrage stellt“. Immerhin könnten wir doch alle Widerspruch einlegen, wenn eine Behörde etwas entscheide, womit wir nicht einverstanden seien.

Ebenfalls ein wichtiger Aspekt sei laut Jochimsen, dass die „Anti-Abschiebe-Industrie“ – genau wie der auf den zweiten Platz gewählte „Menschenrechtsfundamentalismus“, den Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) kritisiert hatte – eben „keineswegs Begriffe sind, die aus dem rechten Spektrum kommen“. Hier trieben keine Extremen irgendwelche Säue durchs Dorf, sondern Vetreter demokratischer Parteien, die genau wüssten, was sie tun, polarisierten mit bewusst gesetzten Begriffen.

Aus diesem Grund sei es wichtig, dass die Unwort-Jury solche Wortschöpfungen in den Fokus stellt und zeigt, „welcher Missbrauch mit Sprache getrieben werden kann“. Das habe überhaupt nichts mit Ideologisierung zu tun, wie von rechter Seite immer wieder kritisiert werde, betont Jochimsen, denn: „Die Jury verbietet das Wort ja nicht, sie zeichnet es aus – und wer offen ist, der erkennt die Perfidie – weil dieses Wort eben abbildet, wie man nicht sprechen sollte.“

Auch wenn es beim in Darmstadt verkündeten Unwort „um die Sprache geht, nicht um Politik“, wie Jochimsen betont, so sieht er die Suche nach dem sogenannten Alternativen Unwort des Jahres, die Anfang Januar auf rechten Internetplattformen initiiert worden war und schließlich die Worte „Hetzjagd und Zusammenrottungen“ zum alternativen Sieger kürte, als Beleg dafür, dass die Wahl des Unworts immer noch Gewicht habe. Denn: „Viel Feind, viel Ehr’.“ (mit dpa)

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