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Der US-Amerikaner Telfar Clemens hat es aus der Nische auf den großen Laufsteg geschafft.
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Der US-Amerikaner Telfar Clemens hat es aus der Nische auf den großen Laufsteg geschafft.

Queere Mode

„Nicht für dich, sondern für alle“

Eine neue Generation an Designerinnen und Designern will marginalisierte, queere Körper nicht nur einkleiden, sondern endlich sichtbar machen. Auch der Mainstream will mitmischen - und scheitert dabei kläglich. Von Quynh Tran.

Zu den aufsehenerregenden Mode-Momenten im vergangenen Jahr gehörte die Ausgabe der US-amerikanischen „Vogue“ mit Harry Styles als Cover-Boy – nicht nur, weil es sich um den ersten Mann handelte, der solo auf dem Titel des bekanntesten Modemagazins der Welt gelandet war.

Er posierte im Kleid, wurde so zum Vorkämpfer queerer Communities verklärt, während konservative Stimmen eine Missachtung heteronormativer Bekleidungsstandards als Niedergang der Männlichkeit deuten wollten. Überraschend an dem Ganzen war eigentlich nur die Überraschung darüber. Kleider trugen schon andere Männer – man denke an David Bowie oder Pharrell Williams.

Die Musiker kokettierten damit, brachen mit maskulinen Vorstellungen von Schönheit, artikuliert aus einer privilegierten Position von Ruhm und Reichtum heraus allerdings. Dass ebendiese Art der Koketterie nun auf der „Vogue“ landet, ist letztlich nur Ausdruck der verzweifelten Suche nach dem Sinn der Mode. Selbst ihr Mainstream streckt seine Fühler auf identitätspolitische Terrains von Geschlecht und Ethnie aus.

Ein Mann im Kleid mag Sinnbild des Ausbruchs aus dem Konformismus sein und macht selbst eine Grande Dame wie die „Vogue“ ein bisschen „woke“ - auch große Modehäuser wie Dior, Prada oder Gucci üben sich in geschlechterübergreifenden Kollektionen und lassen queere Models für sich laufen. „Wokeness“ - die politische und gesellschaftliche „Wachheit“ – und die Verheißung von Diversität sind fast zur Marketing-Attitüde geworden, die den sehr rellen Kampf marginalisierter Gruppen in den Hintergrund drängt.

Entwürfe aus dem Jahr 2016 …

Modemarken und Medien schwenken die Regenbogenfahne und schwören auf die Prämissen der Inklusion. Eine tatsächliche Auseinandersetzung mit dem marginalisierten Körper allerdings findet kaum statt. „Lasst euch nicht täuschen, Trans-Frauen aus Minderheiten haben damit angefangen und werden weiterhin dafür angefeindet“, schreibt die gendervariante AutorIn und KünstlerIn Alok Vaid-Menon zur Debatte um Harry Styles und seine Kleider, „unsere Ästhetik mag es in den Mainstream geschafft haben, nicht aber unsere Körper.“

Auch wenn Gender-Bending und Androgynie nichts Neues in der Mode sind bleiben die Körper derjenigen unterdrückt, die sich als nonkonform identifizieren und nicht dem Archetyp des schlankem Models entsprechen. Dass eine nonbinäre Protagonistin wie Sasha Velour tatsächlich die Bühne einnimmt, wie bei der Modenschau des Labels Opening Ceremony im Jahr 2019, bleibt eine Seltenheit, dass sich die Kleider und Produkte selbst diesem Körper annähern ist noch rarer.

Echte Queer Culture bleibt in der Mode ein Untergrundkampf, trotz historischer Ikonen wie den Designern Rudi Gernreich oder Dorian Corey. Zu den wenigen, die es aktuell auf große Defilees in Paris oder New York schaffen, gehört auch Shayne Oliver, der schon als Teenager Outfits zwischen Straßenkultur und Luxus, zwischen maskulin und queer entworfen hat. 2014 gründete Oliver sein Label Hood by Air, das ästhetischer und inhaltlicher Ausdruck seines queeren Außenseitertums in einer maskulin dominierten Umgebung ist. Nach zwei Jahren als Kreativdirektor bei Helmug Lang wird Hood by Air in diesem Jahr neu lanciert.

… vom Label Hood by Air.

Aus dem gleichen Umfeld stammt auch Telfar Clemens, der wie sein Freund Oliver Teil einer bestimmten queeren Subkultur von BIPOCs (Black, Indigenous and People of Color) ist. Sein Label Telfar gründete er schon vor 15 Jahren , um für seine Freundinnen und Freunde, auch für sich selbst entsprechende Kollektionen zu entwerfen, als sich noch kaum jemand dafür interessierte. Vor drei Jahren dann gewann er einen renommierten Preis des Council of Fashion Designers of America, sein Taschenmodell „Bushwick-Birkin“ wird nun von Prominenten wie Oprah Winfrey, Solange Knowles und Aexandria Ocasio-Cortez zur getragen.

Oliver und Clemens gehören zu den ersten Designerinnen und Designern, die es mit echtem Kampfstoff aus der Nische auf den großen Laufsteg geschafft haben. Vielleicht ebnen sie damit auch für andere Kolleginnen und Kollegen den Weg, die sich bis in ihre tiefsten Fasern hinein mit identitätspolitischen Fragen auseinandersetzen. Labels wie Pierre Davis, Gogo Graham oder LaQuan Smith etwa, die entsprechende, auch persönliche Themen gewissermaßen in ihre Stoffe einweben.

Seit zwei Jahren gibt es in New York zumindest schon mal einen „Safe Space“ für sie: Das Modegeschäft The Phluid Projects, das zu einer der Topadressen der Metropole geworden ist. „Nicht für dich, sondern für alle“ - das ist Gestaltungsprämisse und Motto von Telfar Clemens. Und genau dieses Credo trägt vielleicht auch eine neue Generation von Designerinnen und Designern mit, denen es um radikale Inklusion geht.

von Quynh Tran

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