+
Christen in der Geburtskirche in Bethlehem.

Heiligabend

"Nicht nur Christen kennen eine Heilige Nacht"

  • schließen

Im Gespräch erzählt Theologe Karl-Josef Kuschel, dass die "Heilige Nacht" kein Privileg der Christen ist.

Herr Kuschel, Sie beschreiben in Ihrem aktuellen Buch ein besonderes Erlebnis zwischen Alt-Kanzler Helmut Schmidt und Ägyptens ehemaligem Präsidenten Anwar as-Sadat. Worum ging es?
Der Bundeskanzler wurde anlässlich eines Staatsbesuchs im Dezember 1977 vom damaligen ägyptischen Staatspräsidenten Anwar as-Sadat zu einer Fahrt auf dem Nil von Luxor nach Assuan eingeladen. Sie dauerte einen Tag und eine Nacht. Und während die beiden in der Nacht die Sterne am Himmel über Ägypten betrachteten, erklärte Sadat dem ahnungslosen Deutschen, dass die drei großen monotheistischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam, gemeinsame Wurzeln haben. Das Christentum kann nicht ohne das Judentum, und der Islam kann nicht ohne Judentum und Christentum verstanden werden. Davon hatte der Protestant Helmut Schmidt bis dahin keine Ahnung.

Welche Konsequenz zog er?
Zwei. Zum einen ist Helmut Schmidt derart beeindruckt, dass er sich noch auf dem Nilschiff ausführlich Notizen macht und von 1978 bis in seine letzten Lebensjahre immer wieder öffentlich von dem berichtet, was er diesem tiefgläubigen und hochgelehrten Muslim verdankt. Schimdt beginnt, in Sachen Religion zu informieren, sich für die Heiligen Schriften, die Tora, das Neue Testament und den Koran, zu interessieren und begreift, dass die so verschiedenen Religionen durchaus gemeinsame Überlieferungen miteinander teilen. So hatte Sadat ihm zum Beispiel bewusst gemacht, dass Juden, Christen und Muslime in Abraham den gemeinsamen Vater ihres Glaubens verehren und sich folglich als „Kinder Abrahams“ verstehen können. Das war für Sadat keine fromme Floskel, sondern ein Vermächtnis, ein Auftrag zu mehr Geschwisterlichkeit. Zweitens kommt dem Kanzler auch nach seiner Amtszeit immer wieder der Zorn auf die Vertreter der Religionen. Sie hätten alles getan, um den Menschen dieses Wissen von den gemeinsamen Überlieferungen vorzuenthalten. Stattdessen hätten sie weithin negativ über je Andersglaubende geurteilt und die Menschen gegeneinander gehetzt. Doch Sadat hatte Schmidt überzeugt: Wenn die Menschen in allen Religionen um die gemeinsamen Wurzeln und Werte wüssten, dann hätte das enorme Auswirkungen für eine Menschenrechts- und Friedenspolitik weltweit.

Mit Blick auf die politische Weltlage mag diese Begegnung aber nicht mehr als eine persönliche Erleuchtung gebracht haben …
Keineswegs. Es steckt ein uneingelöstes Potential in der Schmidt-Sadat-Geschichte. Das soll man nicht klein machen. Sadat ist nicht irgendwer. Nicht zuletzt aus religiöser Überzeugung hatte er im selben Jahr seine sensationelle Friedensreise nach Israel angetreten, hatte vor der Knesset gesprochen, Israel die Hand zum Frieden gereicht und 1978 dann einen Friedensvertrag mit Israel geschlossen, der bis heute hält. Dieser persönliche Einsatz für den Frieden, für den Sadat am Ende mit seinem Leben bezahlt hat, bleibt ein leuchtendes Vorbild, wenn man unsere Weltlage betrachtet.

Die Friedensbotschaft steht nun auch wieder im Zentrum der „Heiligen Nacht“ der Christen. Da scheint wenig Platz zu sein für diese Friedens-Losung …
Nur dann nicht, wenn man mit Tunnelblick nur auf seine eigene Religion starrt. Aber nicht nur Christen kennen eine „Heilige Nacht“. Es gibt drei weitere in der Religionsgeschichte der Menschheit. Buddhisten feiern mit dem Fest Vesak die Nacht der Erleuchtung des Buddha, Juden die Nacht vor dem Pessach-Fest zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten, Muslime in der „Nacht der Bestimmung“ die Herabkunft des Koran. Gerade das Wissen um die jeweiligen „Heiligen Nächte“ könnte so etwas wie ein vernetztes Denken stimulieren.

Was heißt das konkret?
Aus einer Kultur der Achtsamkeit würde eine Kultur der Anteilnahme. Wer seine „Heilige Nacht“ feiert, sollte sich zugleich verbunden wissen mit all denen, die mit derselben Offenheit für das wahrhaft Göttliche ihre „Heilige Nacht“ feiern. 2019 werden Buddhisten Vesak am 19. Mai feiern, Juden die Pessach-Nacht am 20. April, Muslime die „Nacht der Bestimmung“ am 1. Juni und Christen die „Nacht von Bethlehem“ wie immer am 24. Dezember. Eine Chance für friedensstiftende Achtsamkeit auf das Leben der je Anderen.

Was sagen Sie in Richtung jener, die mit dem „christlichen Abendland“ argumentieren und gerade vom Islam nichts wissen wollen, schon gar nicht an Weihnachten?
Solche Leute haben noch vor sich, was Helmut Schmidt von Sadat gelernt hat. Wer „christliches Abendland“ pauschal gegen „den Islam“ ausspielt, hat keine Ahnung von den gemeinsamen Wurzeln, von denen während des Nachtgesprächs auf dem Nil die Rede war. Dabei spielt die Geburt Jesu auch im Koran eine große Rolle. Jesus erscheint hier als der „Gesandte Gottes“.

Wo liegt die Bringschuld „der anderen“ Religionsvertreter?
Wie Sadat aus den eigenen Heiligen Schriften und den eigenen großen Überlieferungen den Andersglaubenden Raum geben vor Gott. Zeigen, dass die Andersglaubenden immer auch die Andersglaubenden sind und dass Gott nicht der Privatbesitz einer Religion ist.

Ist die Weltgemeinschaft dahingehend auf einem guten Weg?
Jedenfalls gibt es in allen Religionen Menschen, die aus den Quellen ihrer eigenen Religion einen guten Weg gefunden und gewiesen haben: der Hindu Mahatma Gandhi gehört dazu, der Buddhist Dalai Lama, der Jude Martin Buber, der Christ Martin Luther King und im Islam sind es die grossen Mystiker: Rumi, al-Gazzali und Muhammad Schams ad-Din Hafis.

Interview: Simon Berninger

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion