Adventskalender

Nur nicht aufs falsche Feld kommen

  • schließen

FR-Adventskalender, 18.12.: Hinter Türchen Nummer 18 wird gerätselt.

Als ich klein war, spielten wir „Mensch ärgere Dich nicht“, und eine Lektion habe ich sehr schnell gelernt: Wenn der Kopf meines Vaters einen bestimmten Rot-Ton angenommen hatte, war es nicht hilfreich, ihn noch einmal mit dem Titel des Spiels zu konfrontieren. Ein wütendes „Ich ärgere mich nicht“ in der Lautstärkte eines getunten Motorrads, das direkt am weihnachtlich beleuchteten Wohnzimmerfenster vorbeifährt, wäre noch die mildeste aller möglichen Reaktionen gewesen.

Ich konnte damals nicht ahnen, dass es Jahre später Situationen geben würde, in denen ich wahrscheinlich mindestens so wutrot losbrüllen würde wie er. Aber die gab es. An jenen langen Abenden in einem elsässischen Naturfreundehaus, in das ich mich mit ein paar Freunden zurückgezogen hatte, um gemeinsam zu entspannen und „Trivial Pursuit“ zu spielen. Es blieb beim Spielen, Entspannen war nicht.

Meistens dauerte es nicht lange, bis ich zunächst leise murmelte, ich hätte aber ganz schön Pech beim Würfeln. Nach meiner sicheren Überzeugung hinderte mich das fehlende Glück daran, rechtzeitig auf diejenigen Themen-Felder zu kommen, denen ich mich wenigstens einigermaßen gewachsen fühlte. Das waren vor allem die gelben und die blauen, also Geschichte und Erdkunde. Geschichte, weil da oft Politiker vorkamen, und Erdkunde, weil wir als Kinder mal ein Buch hatten mit lauter Landkarten, in die sehr schöne Tiere eingezeichnet waren (die Tiere halfen natürlich bei Erdkunde wenig, aber die Kontinente schon). Braun („Kunst und Literatur“) ging manchmal, „Sport und Vergnügen“ (orange) nur bei Sport, „Unterhaltung“ (pink) wegen chronischer Gedächtnisschwäche bei Film und Musik überhaupt nicht und „Wissenschaft/Technik“ (grün): reiner Horror.

Für alle, die das Spiel nicht kennen: Je nach Farbe des Felds, auf dem der Spielstein nach dem Würfeln steht, lesen einem die Gegner Fragen zum passenden Wissensgebiet vor. Es hat eine gewisse Logik, dass sie unter den vorgeschlagenen Fragen diejenigen nahmen, die ich ihrer Meinung nach am schlechtesten beantworten konnte (und da lagen sie meistens richtig). Das machte ich umgekehrt auch, aber unfair fand ich es nur, wenn sie es machten. Wenn man oft genug Fragen richtig beantwortet hat, muss man die Mitte des wagenradförmigen Spielfelds erreichen und eine letzte Frage beantworten. Das Themenfeld suchen die Gegner aus.

Kurz gesagt: Im weiteren Spielverlauf schwoll mein Murren kontinuierlich an. Meine Nervosität führte dazu, dass ich selbst an relativ einfachen Erdkunde-Fragen scheiterte, was wiederum meine Nervosität steigerte. Und hatte nicht einer der Freunde/Gegner/Feinde gerade überlegen gelächelt, als ich wieder falsch gelegen hatte? So verfestigte sich bald der unwiderlegbare Eindruck, dass sowohl das Würfelglück als auch die nun schon fast ehemaligen Freunde sich aufs Übelste gegen mich verschworen hatten.

Es ist schwer, wütend zu werden, wenn alle anderen sich an die Regeln halten und nicht einmal die Möglichkeit haben, zu betrügen. Aber es geht: Ich erreichte fast an jedem dieser Abende eine Lautstärke, die meinem Vater alle Ehre gemacht hätte.

Er ist übrigens mit zunehmendem Alter deutlich milder geworden, mein Vater. Nicht einmal nur, weil wir nicht mehr „Mensch ärgere Dich nicht“ spielten, sondern wahrscheinlich aus Weisheit. Ich rege mich auch nicht mehr so leicht auf (glaube ich). Und ich hätte mal wieder wahnsinnig Lust auf „Trivial Pursuit“. Aber komisch: Niemand will es mit mir spielen.

„Trivial Pursuit“ gibt es in der „Classic“-Version für knapp 30 Euro im Handel.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion