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Was für eine Pandemie? Die Schlangen vor dem berühmten Hot Dog Stand Nathan’s zeugen vom erfrischten Unternehmungsgeist der Leute.
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Was für eine Pandemie? Die Schlangen vor dem berühmten Hot Dog Stand Nathan’s zeugen vom erfrischten Unternehmungsgeist der Leute.

USA

New York nach der Corona-Pandemie: Steht die Stadt vor dem Abgrund?

  • Sebastian Moll
    VonSebastian Moll
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Sonnen im Park, Feiern im Club: In New York kehrt das Leben zurück, für das die Stadt vor Corona bekannt war. Unter der Oberfläche schwelen die Probleme weiter.

New York City – Betrachtet man allein die Oberfläche, gibt es in New York seit Monaten wieder ganz viel Normalität. Die U-Bahn Züge an den Strand in Coney Island sind an heißen Sommertagen so voll, als hätte es nie eine Corona-Pandemie gegeben. Und am berühmten Nathan’s Hot Dog Stand an der Surf Avenue musste man im Juli schon wieder eine halbe Stunde anstehen, um sein Würstchen zu bekommen.

Im Washington Square Park in der Mitte des Boheme Viertels Greenwich Village, herrscht schon seit Juni Party Stimmung. Geboren aus den „Black Lives Matter“-Protesten des vergangenen Sommers, die sich hier versammelten, hat sich der Park zum Treffpunkt junger Menschen aus der ganzen Stadt und zur angesagten Szene-Party entwickelt.

Der große Treppenaufgang des Metropolitan Museum an der Fifth Avenue ist wieder wie vor der Corona-Pandemie schwarz vor Menschen, die vor oder nach ihrem Besuch in der Sonne sitzen, ein Eis von einem der vielen am Museum geparkten Trucks essen und die Sonne genießen. Im Inneren windet sich die Eintritts-Schlange kreuz und quer durch die monumentale Eingangshalle und vor den Gemälden der beliebtesten Ausstellungen wird geschoben und gedrängelt wie eh und je.

Die ersten Jazz-Clubs im Village bieten wieder Live-Konzerte an, in den Nachtclubs in Chelsea wie dem Marquee oder dem Tao wird wieder bis vier Uhr morgens aufgelegt. Und an der Ninth Avenue in Hell’s Kitchen, dem schwulen Bardistrikt der Stadt, wurde am Gay Pride Wochenende ausgelassen gefeiert.

Corona in den USA: Leben in New York nimmt Fahrt auf – doch es ist noch lange nicht „alles beim Alten“.

Doch wenn man genauer hinschaut, dann wird deutlich, dass in New York noch lange nicht alles wieder so ist, wie es vor Covid einmal war.

An den Times Square etwa, dem geographischen und symbolischen Zentrum Manhattans ist zwar einiges der hektischen Betriebsamkeit zurückgekehrt. Die große Kreuzung von Broadway und Seventh Avenue, die auf dem Höhepunkt der Pandemie vor einem Jahr gespenstisch leer gefegt war, ist wieder voller Leben. Doch das Publikum ist ein deutlich anderes geworden.

Die große Plaza zwischen den monumentalen LED Werbungen wird beherrscht von schwarzen und Latino-Jugendlichen aus den Außenbezirken, die sich hier treffen, Musik hören, tanzen und flirten. Touristenmassen aus aller Welt, die Selfies machen, auf eine Stadtrundfahrt warten oder versuchen, ein günstiges Ticket für eine Broadway Show zu ergattern, gibt es hingegen nicht mehr. Für die meisten europäischen und asiatischen Länder gibt es noch Einreisebeschränkungen und die Broadway Theater bleiben bis zum Herbst geschlossen.

Auch im Stadtteil Bronx steht man Schlange. Allerdings nicht für teure Hot Dogs, sondern für Lebensmittelspenden.

Und wie es dann mit dem Broadway weiter geht, ist noch immer ungewiss. Auch im Herbst werden Reisegäste noch lange nicht in vollem Umfang zurück kommen und die Theater dürfen noch lange nicht mit voller Kapazität arbeiten. Wie die Theater-Branche, die vor Covid jährlich 1,7 Milliarden Dollar eigespielt hat und ohnehin in den Knien ist, das übersteht, ist ungewiss.

Das gleiche gilt für die Tourismus-Branche, eine der stützenden Pfeiler der New Yorker Wirtschaft. Vor Covid generierte der Tourismus in New York beinahe 40 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr und beinahe 10 Milliarden Dollar an Steuereinnahmen. Im vergangenen Jahr sanken diese Zahlen auf praktisch Null.

Corona in den USA: Kein Tourismus, keine Mieten – New York steuert auf ein Milliarden Defizit zu

Nun ist zumindest der inneramerikanische Tourismus wieder langsam angelaufen. Man sieht am Times Square wieder Familien aus dem Mittleren Westen, die sich in für New Yorkerinnen und New Yorker unerträglich langsamem Tempo den Bürgersteig hinunter bewegen und etwas ängstlich um die Jugendlichen aus der Bronx herum schleichen. Doch der internationale Tourismus fehlt schmerzlich.

Das spürt kaum jemand so sehr wie Sanel Huskanovic, ein serbisch-stämmiger Deutscher, der vor Covid am Times Square ein Reisebüro für deutsche und italienische Reisende unterhielt. Huskanovic musste sein Büro schließen und 50 Beschäftigte entlassen. Er gab seine Luxuswohnung in Brooklyn auf und zog mit einem Freund zusammen in eine WG. Und es ist für ihn kein Ende in Sicht.

Immerhin produziert er mittlerweile wieder für seine deutschen Fans in den sozialen Medien Videos von den Straßen von New York. „Ich gebe nicht auf“, sagt er. „Ich habe mir schon einmal als mittelloser Einwanderer aus dem Nichts etwas aufgebaut.“ Und so glaubt er fest daran, dass er das auch diesmal wieder schafft.

Aber auch eine andere Gruppe, die vor Covid den Times Square bevölkert hat, ist noch nicht zurück gekehrt. Von den Büroangestellten, die einst in den gläsernen Bürotürmen des zentralen Business-Distrikts gearbeitet haben, ist bislang nur ein Bruchteil wieder zurück gekommen. Die Food Trucks, die hier um die Mittagszeit Hochkonjunktur hatten, sind bis heute nicht wieder da. Entlang des Broadway, einst eine Premium-Location für den Einzelhandel, stehen in einem guten Drittel der Schaufenster Schilder mit der Aufschrift „Zu Vermieten“.

Einreise in die USA

Das Auswärtige Amt warnt vor nicht notwendigen touristischen Reisen in die Vereinigten Staaten. Da das Land noch immer stark von Covid-19 betroffen ist, gilt es weiterhin als Hochrisikogebiet.

US-Präsident Joe Biden hat zudem die verschärften Einreisebeschränkungen verlängert. Reisende aus dem EU-Schengenraum dürfen derzeit nicht einreisen.

Das gilt auch für alle Reisenden , die sich innerhalb von 14 Tagen vor Einreise im EU-Schengenraum aufgehalten haben, sei es nur zum Umsteigen am Flughafen.

Ausgenommen von den Einreisebeschränkungen bleiben nur US-Staatsbürger:innen, deren Familien, Mitarbeiter:innen internationaler Organisationen und Menschen mit spezieller Aufenthalts- oder Arbeitsgenehmigung.

Weitere Informationen finden sie auf der Webseite des Auswärtigen Amts: www.auswaertiges-amt.de

Ob der zentrale Geschäftsdistrikt von New York, Motor der Wirtschaft des ganzen Landes, jemals seine nervöse, hektische Energie zurück bekommt, steht noch immer in den Sternen. Büroangestellte von Midtown-Firmen berichten einheitlich davon, dass die Rückkehr an den Arbeitsplatz im Herbst optional ist. Für die meisten sind keine fixen Büros mehr vorgesehen, sondern geteilte Arbeitsplätze. Die Firmen haben entdeckt, dass sie Millionen an Mietkosten im teuersten Karree der Welt sparen können.

New York nach Corona: Die Luxusviertel werden zur Geisterstadt

Das sichtbarste Symbol der Wolkenkratzer-Krise in der Stadt sind derzeit zweifellos die mitten in die Pandemie hinein gebauten Hudson Yards. Das als schillernde Luxusstadt geplante Ensemble von Designer Hochhäusern im Westen Manhattans ist seit dem Beginn von Covid zur Geisterstadt verkommen. Die Prestigewohnungen des 25 Milliarden Dollar-Projekts stehen leer, in den exklusiven Boutiquen langweilen sich die Verkäufer. Die „Vessel“ eine als neue New Yorker Großattraktion gedachte begehbare Großskulptur ,hat sich zur morbiden Metapher des Niedergangs gewandelt. Alleine in diesem Jahr haben sich drei Menschen von dem 100 Meter hohen Gebilde in den Tod gestürzt.

Die begehbare Skulptur „Vessel“ sollte einst zur Attraktion werden. Leider haben sich inzwischen drei Menschen dort das Leben genommen.

Die Langzeit-Folgen der Krise für die Stadt sind indes noch lange nicht abzusehen. Da ist zum einen die Frage, was aus dem Zentrum Manhattans wird, dessen Treiben und dessen Energie Synonym ist mit der speziellen Stadterfahrung von new York. Wird New York je wieder das dynamische Zentrum der dynamischsten Wirtschaft der Welt oder entsteht hier eine ganz neue urbane Kultur?

Deutlich handfester noch macht sich die Stadt jedoch um die Steuereinnahmen von kommerziellen Mieterinnen und Mietern sowie dem Tourismus Sorgen, die ganz sicher auch im kommenden Jahr noch lange nicht wieder an das Niveau von vor Covid werden heran reichen können. Dabei benötigt das Stadtsäckel dringend die Taler von den Banken, Technologiefirmen und den Reisenden. Im kommenden Jahr wird der Stadthaushalt eine voraussichtliche Lücke von 5,4 Milliarden Dollar aufweisen.

Das Defizit wird jedoch nur eines der enormen Probleme sein, das der neue Bürgermeister mit auf den Weg bekommt, wenn er Anfang des Jahres 2022 sein Amt antritt. Die bevorstehende Wahl im November wird von vielen als die wichtigste seit den 70er Jahren angesehen, als New York bankrott war, die ärmeren Viertel zu abgebrannten Slums verkamen und die Gewaltkriminalität völlig außer Kontrolle geraten war.

Nicht wenige befürchten, dass die Stadt wieder in diese „bad old days“ zurück verfallen könnte, wenn im Januar der falsche Mann das Ruder übernimmt. Die Ära des unbegrenzten Reichtums und Wachstums ist mit Covid jäh zu Ende gegangen, die Kandidaten der Vorwahlen malen Horrorszenarien von Verwahrlosung und Anarchie.

New York: Corona hat Rassismus und Obdachlosigkeit noch sichtbarer gemacht

Dabei waren viele der Probleme der Stadt, die sich durch Covid verschärft haben, schon lange vorher abzusehen. Die extreme soziale Ungleichheit, zum Beispiel. In armen, überwiegend schwarzen und Latino-Bezirken wie Harlem und der Bronx waren die Infektions- und Todeszahlen um ein Vielfaches höher als in den wohlhabenden weißen Gegenden. Beengte Wohnverhältnisse, der Zwang trotz allem zur Arbeit gehen zu müssen und die medizinische Unterversorgung haben hier die Epidemie voll durchschlagen lassen.

Hinzu kommt eine Obdachlosen-Krise, die völlig außer Kontrolle geraten ist. Rund 70 000 Menschen in New York haben kein Heim und der derzeitige Bürgermeister Bill DeBlasio hat es nicht geschafft, auch nur ansatzweise eine Besserung herbei zu führen, obwohl genau dies eines seiner zentralen Wahlkampfversprechen war.

Covid hat den Trend zu immer größerer sozialer Ungleichheit noch einmal deutlich verschärft. In den Außenbezirken ist die Arbeitslosigkeit noch immer deutlich höher als in Manhattan. Während die Dienstleister und Financiers in ihren Wochenendhäusern auf Long Island am Computer ihren Geschäften nachgehen sitzen die Wachleute, das Reinigungspersonal, die Straßenverkäufer und die Chauffeure auf der Straße.

Nach den Protesten des Sommers 2020 bleibt das Verhältnis zur New Yorker Polizei angespannt.

Gänzlich neu ist indes, dass die Gewaltkriminalität erstmals seit den 90er Jahren wieder extrem ansteigt. Im Jahr 2020 wurden in New York 462 Menschen erschossen, 45 Prozent mehr als im Jahr davor. Der Trend in diesem Jahr deutet daraufhin, dass es 2021 noch wesentlich mehr werden.

Corona-Pandemie: Der demokratische Kandidat Eric Adams gilt in New York als Hoffnungsträger

Über die Gründe für den Anstieg der Gewalt sind sich die Soziologen weitestgehend einig. „Die marginalisierten und isolierten Gruppen der Gesellschaft, die für Gewalt am anfälligsten sind, fühlen sich durch die Pandemie noch stärker vernachlässigt als vorher“, sagt Thomas Abt, Direktor der nationalen Kommission für durch Covid verursachte Kriminalität. „ Und so leben viele New Yorker erstmals seit mehr als 20 Jahren wieder in Angst davor, in Bandenkriege verwickelt zu werden, so, wie jüngst sieben Passanten, die bei einer Schießerei zweier rivalisierender Gangs am hellichten Tag schwer verletzt wurden.

Der Mann, der all dies jetzt richten soll, heißt Eric Adams. Der bisherige Stadtteil-Präsident von Brooklyn hat die Bürgermeister-Vorwahl der demokratischen Partei gewonnen und gilt somit als überlegener Favorit für den Posten.

Adams gilt als genau der richtige Mann für diesen Augenblick. Der ehemalige Streifenpolizist hat die Vorwahl nicht zuletzt deshalb gewonnen, weil man ihn für fähig hält, die Kriminalität wieder in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig ist er als Afro-Amerikaner aus einfachen Verhältnissen sensibel für die Nöte der Unterschicht. „Ich weiß, was der Beamte fühlt, der spät in der Nacht auf Streife ist. Ich weiß aber auch, was der schwarze Junge an der Ecke fühlt, der ständig Angst davor haben muss, mit dem Knie eines Polizisten im Nacken auf dem Asphalt zu landen“, sagte er in einem Interview mit der New York Times.

Anders, als der Milliardärs-Bürgermeister Michael Bloomberg, der über 12 Jahre hinweg New York seinen eigenen Worten folgend zum „Luxusprodukt“ gemacht hat, gilt Adams nicht als blind gegenüber der sozialen Ungerechtigkeit in der Stadt. Aber er scheint auch – anders als sein direkter Vorgänger Bill DeBlasio, der als extrem ineffektiv galt – einer zu sein, der Dinge anpacken und bewegen kann. Doch die Aufgaben, die sich vor Adams auftürmen, erscheinen überwältigend. Und so bleibt der Weg New Yorks in die Zukunft ungewiss. (Sebastian Moll)

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