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Warum muss es immer New York sein?

Virenkrieg

New York, 17. April 2025, 10.36 Uhr

  • vonLutz Büge
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Eine Leseprobe aus dem neuen Roman von FR-Redakteur Lutz Büge. „McWeir - Virenkrieg V“ bildet den Abschluss eines Romanzyklus, an dem er 20 Jahre gearbeitet hat.

Jonathan erwachte von einem durchdringenden Summen, das er als störend empfand. Es war ihm nicht vertraut. Im nächsten Moment saß er aufrecht im Bett.

„… auf eine Bedrohung aus der Luft hindeuten, also vielleicht auf einen Luftangriff“, sagte Catelyn Snow auf CNN. „Defcon 1 ist der höchste Alarmstatus auf einer Skala von fünf bis eins, ist noch nie ausgerufen worden und hat insbesondere im Fall eines Angriffs mit Atomwaffen größte Bedeutung.“

Luftangriff? Atomwaffen?

Vielleicht sollte Jonathan sich wieder hinlegen und einfach weiterschlafen. Dann wachte er vielleicht in einem Film wieder auf, der seinem realen Leben eher entsprach als dieser hier. Doch während er lauschte, wurde ihm klar, dass er es nicht mit einem Film zu tun hatte.

Er sprang aus dem Bett, streifte sich Boxershorts und T-Shirt über, die er auf dem Boden vor dem Bett vorfand, schnappte sich den Wohnungsschlüssel und spurtete aus seinem Apartment, durchs Treppenhaus mehrere Stockwerke in die Höhe und dann über die eigentlich verbotene Leiter und durch die Dachluke hinaus aufs Flachdach.

(…)

Jonathan sah in den fast wolkenlosen Himmel. Der Wind wehte schwach, kaum merklich aus Nordost. Irgendwo gab es einen Knall, der weithin zu hören war, aber der war nichts gegen den Radau, mit dem damals die Queen Mary 2 in die Luft geflogen war. Jenes Erdbeben hatten alle in Manhattan gespürt, auch Jonathan in seinem Apartment, dessen Boden und Wände gewackelt und dessen Fenster geklirrt hatten. Dieser Knall hingegen war fern. Vielleicht war er von jener Rauchwolke hoch oben im Himmel im Nordosten ausgegangen, die Jonathan soeben auffiel. Er beschattete seine Augen mit einer Hand. Ja, das sah nach einer Rauchwolke aus. Offenbar war eine angreifende Rakete abgefangen worden, bevor sie hatte explodieren können. Alles nicht so schlimm.

In den Straßen von Manhattan herrschte fast schon wieder der übliche Verkehr. Erst seit gestern Abend gab es wieder Strom in der Stadt, erst seitdem lebte die Metropole wieder. Vorher war New York eine düstere Inszenierung gewesen. Jonathan hatte sich nicht aus dem Haus getraut. Er hatte sogar die Wohnungstür doppelt verriegelt, was er bisher nie für nötig gehalten hatte, aber die Straßen waren voller Geräusche gewesen, die nach Gewalt klangen. Jetzt schienen sich die Menschen zu beeilen, schnell in ihren gewohnt hektischen Rhythmus zurückzufinden – und wurden gleich wieder gestört.

Über die Mauer am Rand des Flachdachs hinweg sah Jonathan, wie einige der Menschen unten auf den Straßen stehen blieben und die Blicke in den Himmel erhoben. Sie hatten Smartphones in ihren Händen und schienen gerade Nachrichten gelesen zu haben. Andere Menschen hingegen folgten den Routen ihres täglichen Lebens durchs Viertel, und Jonathan beschlich wieder mal der befremdliche Gedanke, dass auch er auf einer dieser vorgegebenen Routen unterwegs sein könnte. Dagegen hatte er sich stets mit aller Kraft gewehrt.

„Was ist los?“, fragte jemand hinter ihm. Es war Jacobo „Jack“ Dominguez, Jonathans Nachbar, ein Pensionär, der bis vor einem Jahr in der städtischen Verwaltung gearbeitet hatte. Den Bedeutungsverlust, den sein Sturz in den Ruhestand mit sich brachte, ertränkte er in Alkohol, und auch heute Morgen roch er wieder wie ein Pub voller ungewaschener Männer. Wie hatte dieser unbeholfene, offensichtlich immer noch berauschte Knödel es über die Leiter durch die Luke aufs Dach geschafft?

Jonathan wich instinktiv einen Schritt zurück, als Jack in seinem speckigen Morgenmantel neben ihn an den Rand des Daches trat und schwankend auf die Straße hinabsah, die immerhin acht Stockwerke unter ihnen lag.

„Im Multikom sagen sie was von Atomkrieg“, murmelte er und starrte hinab auf die Menschen, die nach oben blickten. „Da wollte ich mal nachschauen.“

„Keine gute Idee“, gab Jonathan zurück. „Wir sollten im Haus bleiben.“

„Ach ja? Und was machst du hier?“

„Ich bin jung und unvernünftig, und du bist alt und abgeklärt.“

„Cooler Spruch“, sagte Jack. „Muss ich mir merken, für Mama morgen im Seniorenheim. Was ist das da?“

(…)

„Besser wir gehen rein“, sagte Jonathan. Nicht nur das Sirenengeheul machte ihn nervös. „Das ist ein Angriff oder so was.“

„Was für ein Angriff?“ Jack schüttelte den Kopf. „Wer sollte uns angreifen? Wir sind die Guten!“

„Stell dich nicht naiver als du bist!“

Jetzt war die Wolke bereits kaum mehr zu erkennen!

Am besten ging er auf der Stelle nach unten in sein Apartment. Vielleicht sollte er versuchen, die Fenster abzudichten? Wenn es sich bei der Wolke um einen biologischen oder chemischen Kampfstoff handelte, konnte sie vielleicht durch Fugen kriechen.

Jack Dominguez stand immer noch da und starrte in den Himmel Richtung Midtown.

„Das gefällt mir nicht“, sagte Jonathan. „Ich gehe.“

„Geh schon vor“, sagte Jack. „Ich komme gleich.“

„Es ist Luftalarm!“

Jack winkte ab und rief:

„Die können mich mal.“

„Du hast nicht verstanden! Wir müssen dichtmachen! Wenn ich runtergehe und die Dachluke schließe, kommst du nicht mehr ins Haus.“

„Dann schließ sie eben nicht“, gab Jack zurück. „Ich komme gleich, aber erst will ich sehen, was los ist.“

„Das siehst du viel besser im Multikom!“

„Es riecht komisch, findest du nicht? Die Luft ist plötzlich so … Wie riecht das denn?“

Jonathans Nackenhaare stellten sich auf, das Gefühl von Gefahr verstärkte sich. Für eine Sekunde war er versucht, Jack seinem Schicksal zu überlassen, doch dann fluchte er, schnappte sich den Pensionär und stieß ihn vor sich her zur Luke. Er war deutlich größer als Jack, der sich lautstark beschwerte.

Zur Person

„McWeir – Virenkrieg V“ ist der fünfte und letzte Teil des „Virenkrieg“-Zyklus von Lutz „Bronski“ Büge. Inhalt: Der Genetiker Jan Metzner ist der einzige lebende Mensch, der das Gegenmittel für die Biowaffe SVO kennt, mit der die USA angegriffen werden sollen. Zugleich muss er sich mit der schwierigen künstlichen Intelligenz Pioneer abmühen, die eigene Pläne verfolgt. Derweil beginnt der Angriff auf die USA – siehe unsere Leseprobe aus dem ersten Kapitel des Romans. Der Romanzyklus entstand in den Jahren 2012 bis 2018 und thematisiert den Konflikt zwischen westlicher und islamischer Welt. Autor Lutz Büge, geboren 1964 in Eutin, ist Ihnen als „Bronski“ aus der FR bekannt. Er betreut seit 2007 das FR-Forum. „McWeir – Virenkrieg V“ ist der 15. veröffentlichte Roman des in Offenbach lebenden Autors. Büge über seinen Roman: „Ein schmerzhaftes, böses Finale, das zugleich Antworten auf offene Fragen gibt, konstruktiv wird und Lösungen aufzeigt.“ Die Buchpräsentation findet voraussichtlich am 17. Dezember um 19 Uhr im Bibliothekszentrum Frankfurt-Sachsenhausen statt. Für die Veranstaltung von Pro Lesen ist eine Anmeldung nötig. Info: ybersinn.de/2020/09/24/lesung Mehr Informationen über „McWeir– Virenkrieg V“ finden Sie unter: ybersinn.de/romane/mcweir

„Rein da!“, fuhr Jonathan ihn an. „Kein Wort mehr! Los, mach!“

Da fügte sich Jack und trat mit ungelenken Bewegungen auf die Sprossen der Leiter, um sich langsam hinabzulassen. Jonathan folgte ungeduldig.

Ein letzter Blick Richtung Midtown.

Die Wolke war verschwunden.

(…)

„Wir übernehmen jetzt Bilder des New Yorker Lokalsenders NYCN“, kündigte Catelyn Snow an. „Dessen Kamerateam ist im Central Park, wo Kulturdezernent David Barnett eine Freiluftausstellung zur Geschichte der Muslime in New York eröffnet. Damit reagiert die Stadt auf antimuslimische Stimmungen, die seit der Entführung der Queen Mary 2 zugenommen haben. Barnett hat soeben seine Eröffnungsrede begonnen. Jetzt drängen ihn Sicherheitskräfte von der Bühne.“

Die Bilder zeigten den überraschten Politiker, der im ersten Moment den Anweisungen seiner Agenten nicht folgen wollte. Seine Körperhaltung drückte Abwehrbereitschaft aus. Doch die Agenten nahmen keine Rücksicht, sondern packten ihn, zerrten ihn von der Bühne und verschwanden mit ihm.

In diesem Moment war ein lauter Knall zu hören. Eine Serie von Explosionen folgte. Die NYCN-Bilder zeigten Menschen, die zusammenzuckten und überrascht oder vor Schreck aufschrien. Der Reporter – laut Einblendung hieß er Ethan Ellingham – reagierte ebenso überrascht wie die Kamera, die hin und her schwenkte in dem Bemühen, die Quelle der Explosionsgeräusche ausfindig zu machen. Wie vermutlich jeder Zuschauer dachte auch er zuerst offenbar an einen Terroranschlag. Doch er kam nicht auf die Idee, die Kamera nach oben blicken zu lassen. Die Menschen duckten sich und wichen instinktiv von den Wegen und aus der Mitte des Platzes, auf dem die Veranstaltung stattgefunden hatte, in den Schutz von Gebäuden oder auch nur von Büschen, als gelte es, sich zuerst vor dem freien Himmel in Sicherheit zu bringen.

Endlich kam der Kameramann auf die Idee, sein Objektiv in die Höhe zu richten und die Wolke zu zeigen, die in der Luft über dem Park entstanden war. Sie hatte von hier aus die Form eines Ringes aus gelblich-grünen Schwaden, die sich unter dem Druck der Explosion verteilten. Die Wolke wurde zusehends dünner und durchsichtiger.

„Bitte bewahren Sie Ruhe“, hörte man eine Frau. Sie stand auf dem Podium, wo gerade noch der Dezernent gesprochen hatte. „Es besteht kein Grund zur Beunruhigung. Die Sicherheitskräfte haben alles im Griff. Ich denke, wir werden gleich mit unserer Veranstaltung fortfahren. Wir …“

Schreie waren zu hören. Die Kamera zeigte einen Mann, der überrascht seine rechte Schulter anstarrte, aus der plötzlich ein scharfkantiges Metallstück herausragte. Er schien nichts zu empfinden, als er es herauszog. Unverwandt musterte er es, blickte kurz zum Himmel auf und warf es dann fluchend weg. Sekundenlang stand er unschlüssig da. Dann begann er zu schwanken, als spüre er erst jetzt den Schmerz in seiner Schulter. Zwei ältere Frauen aus dem Publikum stützten und bewahrten ihn vor dem Kollaps.

Auch andere Menschen waren von Metallteilen getroffen worden, die aus dem Himmel regneten. Von überallher waren die Geräusche von Aufschlägen zu hören, mal hell und klirrend, wenn die Stücke auf Asphalt trafen, mal dumpf, wenn sie im Rasen einschlugen. Jemand blutete an der Stirn, und ein vielleicht achtjähriges Mädchen trug ein verbogenes, rußgeschwärztes Metallstück, von dem es am Oberarm geritzt worden war, zu seiner Mutter und sagte:

„Schau mal, Mom – was ist das? Es ist ganz warm.“

Die Kamera zoomte auf das Metallstück. Es war scharfkantig und unregelmäßig geformt.

„Um Himmels willen, leg das sofort weg!“, rief ihre Mutter und schlug nach dem Metallteil. Das Mädchen ließ es mit einem erschreckten Aufschrei los.

„Da dieses Metallstück aus dem Himmel gefallen ist und da wir dort oben eine Explosionswolke gesehen und außerdem einen Knall gehört haben“, kombinierte Ethan Ellingham, der Reporter, „kann man wohl den Schluss ziehen, dass es sich um ein Trümmerstück handelt, vielleicht von dem Vehikel, das explodiert ist, aber ich kann nicht erkennen, was das gewesen ist dort oben über New York Central Park. Ich höre gerade, dass es Nachrichten über einen Angriff auf die USA gibt. Regie, Zeit für einen Nachrichtenblock? Nein, wir machen weiter. Wenn die Anzeichen nicht trügen, ist New York angegriffen worden, und zwar mit etwas, was in der Luft über der Stadt explodiert ist und wogegen unsere Luftabwehr nichts machen konnte. Wir haben Bilder von einer Wolke gesehen, die sich soeben in der Luft verteilt. Fragen wir nach. Nancy McLaughlin ist die Pressesprecherin von Kulturdezernent Barnett.“

Ellingham hatte sich, während er sprach, langsam zum Podium bewegt, auf dem immer noch die Frau am Mikrofon stand und beruhigend auf die Menschen einredete, die sich jedoch vor allem erstaunt, ja, neugierig umschauten. Der Regen von Metallteilen hatte aufgehört, die Wolke war noch da.

„Nancy, welche Informationen haben Sie über einen Angriff auf die USA?“, fragte der Reporter und reckte sein Mikrofon zum Podium hinauf.

„Alles in Ordnung“, antwortete die Pressesprecherin, als rede sie zu einer Privatperson, „bitte bewahren Sie Ruhe.“ Erst dann registrierte sie, dass ihr ein Mikrofon hingehalten wurde. Sie lächelte, strich sich rasch zwei, drei imaginäre Haare aus dem Gesicht, stieg vom Podium und antwortete: „Ich weiß nichts von einem Angriff auf die USA, aber ich bin sicher, dass sich alles klären wird, wenn wir nur Ruhe bewahren.“

Dann wollte sie die Ausstellung erläutern, doch sie hatte kaum zwei Sätze gesagt, als entsetzte Schreie in der Nähe alle Aufmerksamkeit auf sich lenkten, auch die des Kameramanns. Das achtjährige Mädchen hatte sich erbrochen. Die Mutter kniete vor ihrer Tochter und redete beruhigend auf sie ein. Die Kleine weinte. Sie war kreideweiß, presste ihre Hände auf den Bauch und klagte:

„Es tut so weh!“

Die Mutter streichelte ihre Wange und schlug ihrer Tochter vor, nach Hause zu gehen. Da erbrach die Kleine sich erneut. Im Bogen sprudelte ihr Mageninhalt hervor, als herrsche enormer Druck in ihrem Bauch und als habe sie sich nicht bereits erbrochen. Sie gab Schmerzenslaute von sich und weinte. Ihre Knie gaben nach, sie knickte ein, wurde von ihrer besudelten Mutter aufgefangen, doch es schien keine Kraft mehr in ihr zu stecken. Reglos sank sie in die Arme ihrer Mutter, die erst jetzt registrierte, dass Blut im Erbrochenen war.

Lutz Büge.

„Gloria!“, schrie die Frau auf und rüttelte ihre reglose Tochter, ehe sie sich an die Menschen wandte: „Wir brauchen einen Arzt! Bitte, jemand muss einen Arzt rufen!“

Eine öffentliche Veranstaltung dieser Art fand selbstverständlich nicht statt, ohne dass Sanitäter bereitstanden. Die beiden Männer beugten sich über das Mädchen, während die Kamera sich dem Geschehen näherte und alles einfing. Sie zeigte auch, wie das Mädchen plötzlich erwachte, die Augen aufriss und schrie und wie ihr Schrei in einem blutigen Schwall unterging, der aus ihrem Mund aufstieg. Dann erschlaffte die kleine Gestalt und hing endgültig leblos in den Armen der Sanitäter, die sofort handelten; doch die Wiederbelebungsmaßnahmen scheiterten. Das Mädchen war tot.

Die Mutter stand entsetzt daneben. Sie hatte begonnen, ihren Bauch zu massieren.

„Mir ist übel“, sagte sie zu einem der Sanitäter. Auch sie war jetzt kreideweiß.

Die Sanitäter ließen das tote Mädchen los, legten es auf den Asphalt und begannen, langsam rückwärts zu gehen, als träten sie die Flucht an. Die Mutter wandte sich gerade noch rechtzeitig ab, ehe sie sich mit Wucht ins Gebüsch erbrach. Vornüber gekrümmt blieb sie danach zitternd stehen, die Hände auf den Bauch gepresst.

„Ich brauche Hilfe“, seufzte sie, doch die Sanitäter wichen vor ihr zurück. Sie hatten offenbar erkannt, dass sie es mit etwas zu tun hatten, gegen das sie keine Chance hatten.

„Wir haben nicht die Ausrüstung, um Ihnen zu helfen, Ma’am“, sagte einer von ihnen, „aber wir werden dafür sorgen, dass Hilfe kommt. Bitte bewahren Sie Ruhe und haben Sie ein wenig …“

… Geduld, wollte er natürlich sagen, aber dafür war es zu spät. Die Frau erbrach sich erneut, und als sie ihr verstörtes, schmerzverzerrtes Gesicht zur Kamera wandte, war deutlich zu erkennen, dass Blut aus ihrem Mund rann.

„Was soll das heißen: Sie haben nicht die Ausrüstung?“, rief der Mann, der sich das Metallstück aus der Schulter gezogen hatte. „Sind Sie Sanitäter, oder nicht?“

„Nicht dafür.“

Der Mann war kreideweiß geworden, er zitterte, kämpfte um seine Haltung, doch sein Kampf war aussichtslos. Auch er sank auf die Knie und erbrach sich, während die Mutter des Mädchens zur Seite sackte und sich nicht mehr rührte.

McWeir -Virenkrieg V

Da begriffen die Umstehenden, dass etwas Furchtbares im Gange war, und strebten in alle Richtungen auseinander, während die Kamera sich wieder auf die Pressesprecherin richtete. Ethan Ellingham, der Reporter, hielt ihr erneut das Mikrofon hin, das jedoch in seinen Händen zitterte. Niemand erfuhr jemals, welche Frage er ihr hatte stellen wollen. Er wandte sich ab, damit die Kamera nicht einfing, wie er sich erbrach; man hörte es nur. Wie versteinert hielt der Kameramann auf die Pressesprecherin, aus der es in diesem Moment ebenfalls hervorsprudelte. Dann begann das Bild zu schwanken, plötzlich kam der Asphalt des Gehwegs näher, gleich darauf waren Büsche und ein Ausschnitt des Himmels zu sehen, bis die Kamera, die ihrem Träger entglitten zu sein schien, zur Ruhe kam. Aus allen Richtungen war zu hören, wie Menschen sich übergaben, Schmerzensschreie und Rufe um Hilfe wurden laut, denn das Mikrofon von Ethan Ellingham übertrug weiter, so wie auch die Kamera weiterarbeitete. Das Gerät fokussierte auf das achtjährige Mädchen, das tot auf dem Asphalt lag, die Augen weit aufgerissen, die Pupillen gerade ein wenig getrübt von einem zarten, milchigen Schleier, der darüber hinwegzuwachsen begann.

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