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Bürgermeisterin Jody Jones vor dem Gemeindeamt.

Kalifornien

Neustart im Paradies

Vor einem Jahr zerstörte das „Camp“-Feuer das kalifornische Paradise. Nun kehren die Bewohner zurück, um ihren Ort aufzubauen.

Die Bürgermeisterin von Paradise, Jody Jones, gibt sich zuversichtlich. Die 63-Jährige trägt ein T-Shirt mit dem Slogan „Glaubt an Paradise“. „Überall sehe ich Fortschritt statt Zerstörung“, erzählt Jones auf einer Fahrt durch den nordkalifornischen Ort, vorbei an verkohlten Bäumen und leeren Grundstücken. Ein Jahr nach dem Waldbrand, der über Paradise hinwegfegte, 86 Menschen tötete und fast 12 000 Häuser zerstörte, gibt es erste Lebenszeichen.

Auf vielen Parzellen stehen Wohnmobile, auf den Straßen sind Trucks und Baufahrzeuge unterwegs. Jones zeigt auf einen Neubau, eines von elf Häusern, die seit dem Inferno am 8. November 2018 neu gebaut und bezogen wurden. Auch ihr Haus war abgebrannt, das Fundament für ihr neues Zuhause ist bereits gelegt. Mehr als 300 Baugenehmigungen wurden in den letzten Monaten erteilt, mehr als 400 Anträge gestellt. Reinigungsteams haben mehr als 3,6 Millionen Tonnen Asche, Schutt, Metall und verseuchte Erde abgeräumt. Die Kosten dafür: mehr als eine Milliarde Dollar.

Das „Camp“-Feuer legte 90 Prozent von Paradise in Schutt und Asche. Der einst idyllische Ort im Wald mit früher 26 000 Einwohnern war monatelang ein Trümmerfeld. Auch ein Jahr später gibt es überall noch Anzeichen für die Zerstörung. Ein ausgebrannter Truck parkt an der Hauptstraße. Bei ihrer Flucht vor den Flammen waren dort Anwohner auf der verstopften Landstraße in ihren Autos verbrannt. Auf einem Grundstück im Ortszentrum, wo einst ein Haus stand, stapeln sich verschmorte Metallreste.

Gleich daneben steht ein Wohnwagen mit weißem Gartenzaun und buntem Kinderspielzeug. Hier wohnen Lita und Jonathan Valdez mit ihren beiden kleinen Töchtern. Wie die meisten der knapp 4000 Rückkehrer müssen sie improvisieren. „Wir fangen völlig bei null an“, sagt die junge Mutter. „Wir sahen die Flammen und konnten nichts mehr retten, nur die Familie und unsere Hunde“, erzählt sie über ihre Flucht vor einem Jahr. Ihr Mietshaus brannte mit allen Habseligkeiten ab, eine Versicherung haben sie nicht. Doch die Rückkehr nach Paradise stand außer Frage. „Wir liebten diesen Ort und unsere Kinder sollen hier aufwachsen.“

Auch Erin Coyle kann es kaum erwarten, wieder in Paradise zu wohnen. Einen Job hat sie schon, als Kellnerin bei „Nic’s“, einem der ersten Restaurants, das Mitte September eröffnete. „So oft wollte ich schon den Kopf in den Sand stecken, aber das geht ja nicht“, sagt die 24-Jährige unter Tränen. Nur knapp sei sie damals den Flammen entkommen, noch heute habe sie Alpträume. Ihr provisorisches Dach über dem Kopf ist ein Wohnwagen auf einem Zeltplatz, 20 Kilometer entfernt. Seit Monaten stelle sie Anträge für einen Platz in einem Trailerpark in Paradise, doch immer wieder gebe es neue Hürden.

In der vom Feuer verschonten Paradise High School wird seit August wieder unterrichtet, doch auch hier ist längst nicht alles normal. Von den rund 1000 Schülern waren etwa 900 obdachlos geworden, viele kehrten nicht zurück, andere müssen täglich von weit her anreisen. „Meine Schüler sind so froh, wieder hier zu sein, sie brauchen Stabilität“, sagt Englischlehrerin Jori Krulder. „Sie arbeiten sehr hart, aber viele sind von der ständigen Ungewissheit in ihrem Leben traumatisiert.“

Krulder trägt ein grünes T-Shirt mit der Aufschrift „Immer noch hier“ und dem Hashtag „Paradise Strong“. Das „Camp“-Feuer machte auch ihre Familie obdachlos, nur die Garage und die Pfirsichbäume auf ihrem idyllischen Grundstück blieben verschont. Mit ihrem Mann Joe lebt die Lehrerin nun in einem Wohnwagen, die Baugenehmigung für ein neues Haus ist beantragt. „Wir bauen ein kleineres Haus, viel energieeffizienter und feuerbeständig, auf jeden Fall ohne Holzwände“, sagt Krulder. Für Neubauten in Paradise gelten nun striktere Vorschriften, doch damit ist die Feuergefahr nicht gebannt. „Klimawandel mit mehr Trockenheit und Windstürmen sind ein riesiger Faktor für die immer stärkeren Brände“, sagt Krulder – im Einklang mit vielen Wissenschaftlern.

Zuletzt war auch Paradise von der erhöhten Brandgefahr in Kalifornien betroffen. Tagelang wurde der Strom abgeschaltet, die Schule und Geschäfte blieben geschlossen. Der Energieversorger Pacific Gas & Electric ordnete die Blackouts an, um bei Wind und Trockenheit nicht Gefahr zu laufen, dass Funken von Stromleitungen Brände auslösen. Eine Lehre aus dem „Camp“-Feuer, das auf defekte Stromleitungen zurückgeführt wird.

„Strom abschalten ist auf Dauer keine Lösung“, schimpft Jody Jones. Die Bürgermeisterin macht sich dafür stark, dass Bäume und Unterholz zum Feuerschutz ausgedünnt werden. Das „größte Problem“ in Paradise seien jetzt noch Hunderttausende tote oder sterbende Bäume, die entfernt werden müssen, so Jones. In Paradise wird zudem vor verschmutztem Wasser aus beschädigten Leitungen gewarnt. „Die Menschen haben Angst, Wasser zu trinken“, sagt Joshua Jamison, Mitarbeiter beim Hope Center. Die Wohlfahrtseinrichtung gibt kostenlos Wasserflaschen aus, aber auch Decken, Konserven und Winterkleidung. „Viele Leute leben in Wohnwagen und kommen kaum über die Runden“, meint Jamison.

Der 8. November dürfte die Menschen in Paradise zusammenbringen. Am ersten Jahrestag des Brandes wird der 86 Toten gedacht. Es soll der Grundstein für einen „Platz der Hoffnung“ gelegt werden und ein Kunstwerk aus Schlüsseln abgebrannter Häuser enthüllt werden. „Unser Paradies ist nicht verloren“, sagt Jones. „Wir sind Pioniere, unverwüstlich und beherzt.“ (dpa)

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