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Im neuen „Tatort“ kämpft Kommissarin Paula Ringelhahn, gespielt von Dagmar Manzel, mit dem Gefühl der Verliebtheit.
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Im neuen „Tatort“ kämpft Kommissarin Paula Ringelhahn, gespielt von Dagmar Manzel, mit dem Gefühl der Verliebtheit.

Neuer Franken-„Tatort“

Schauspielerin Dagmar Manzel über die Arbeit mit Sylvester Groth

  • vonChristina Bylow
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In „Wo ist Mike?“ ermittelt Schauspielerin Dagmar Manzel wieder als Komissarin Paula Ringelhahn. Im Interview spricht sie über das Liebesleben der Kommissarin und die Kultur als Herzensbildung.

Der Franken-“Tatort“ ist das Juwel der unverwüstlichen Serie, und das nicht etwa der prachtvollen Bamberger Altstadt wegen: Dagmar Manzel, Berlinerin, Anti-Diva der Komischen Oper, gefeierte Schauspielerin am Deutschen Theater, verleiht dem „Tatort“ in der Rolle der Kommissarin Paula Ringelhahn spröden Glamour. Seit dem Frühjahr 2015 ist sie einmal im Jahr an der Seite ihres von Fabian Hinrichs gespielten Ermittlerkollegen zu sehen. Wusste man bisher nicht allzu viel über das Privatleben der scharfzüngigen, aber konsequent ohne Waffe agierenden Kommissarin, so zeigt Dagmar Manzel in der jüngsten Folge eine neue Facette.

Frau Manzel, im neuen Franken-“Tatort“ zeigen Sie als Kommissarin Paula Ringelhahn große Gefühle. Das ist überraschend, weil die Kommissarin bisher nicht allzu viel Privates von sich preisgab. Wie kam es dazu?

Paula verliebt sich. Damit hatte sie gar nicht mehr gerechnet, weil sie gut zurechtgekommen ist mit ihrem Leben, so wie sie es sich eingerichtet hatte. Je älter sie wurde, desto mehr zog sie sich zurück und ließ die Liebe kaum noch zu. Auch weil die Verletzungen zu groß sind, die sie im Laufe des Lebens erfahren hat. Und plötzlich kommt sie in Konflikt zwischen einer zarten Liebe, die sich gerade entwickelt, und der Verantwortung, die sie in ihrem Beruf trägt. Dadurch entsteht eine große Fallhöhe, die man eher aus Spielfilmen kennt. Mit dem Regisseur Andreas Kleinert habe ich schon oft zusammengearbeitet. Er hat ein feines Gespür für Nuancen und liebt seine Schauspieler und Schauspielerinnern. Es gibt ein großes Vertrauen zwischen uns.

Dagmar Manzel im Interview zum neuen „Tatort“ aus Franken: „Wo ist Mike?“

Den Herzensmann der Kommissarin spielt Sylvester Groth. Vor knapp 40 Jahren waren Sie schon einmal als Paar zu sehen, in „Fronturlaub“, der 1983 im DDR-Fernsehen lief.

Ein Film ohne Worte war das, ein sehr starker Schwarz-Weiß-Film. Wir haben tatsächlich dazwischen nicht mehr miteinander gedreht. Dabei verbindet uns seit Jahren eine schöne Freundschaft. Sylvester Groth ist eine starke Persönlichkeit und für mich einer der außergewöhnlichsten Schauspieler in Deutschland. Er lädt einen nicht ein, er will nicht gefallen, wie so viele, aber er schafft es, dass man nicht von ihm loskommt.

Sie spielen auch sehr intime Szenen miteinander. Ist das schwerer oder leichter, wenn man so gut miteinander befreundet ist?

Das ist sicherlich leichter. Aber wir beide machen den Job nun schon bald vierzig Jahre und können zwischen Beruf und Privatem trennen. Wenn ich einen anderen netten Kollegen gehabt hätte, hätte ich den auch gerne geküsst, weil Paula eben gerne küsst.

„Wo ist Mike?“ erzählt viel von familiärer Gewalt, in unterschiedlichen Facetten. Bewegt sich der Film nah an der Realität?

Absolut. Viele Kinder leben in Familien, in denen ihre Bedürfnisse von den Eltern nicht erkannt oder vernachlässigt werden. Man sieht in diesem Tatort Eltern, die zu sehr klammern, man sieht Kinder, die aus Angst vor den Eltern in Panikreaktionen verfallen. Und auf einer anderen Ebene geht es um Vertrauen und um Wahrnehmung. Was passiert, wenn eine Falschinformation in die Welt gesetzt wird und der Betroffene sie nicht widerlegen kann? Und selbst wenn sie widerlegt ist, haftet dem Beschuldigten ein Makel an.

„Tatort“- Schauspielerin Dagmar Manzel spricht über ihre Freundschaft zu Sylvester Groth

In diesem Fall wird ein Lehrer des sexuellen Missbrauchs von Kindern beschuldigt. Er wird zum Aussätzigen, noch bevor etwas bewiesen ist. Ist das auch eine Andeutung der Gefahren, die eine Bewegung wie #MeToo in sich birgt?

In unserer Zeit, in der so vieles virtuell stattfindet, ist die Gefahr der Stigmatisierung groß. Hass und Bedrohung im Netz haben zugenommen. Jugendliche mobben einander mit manipulierten Handy-Videos. Da drückt jemand auf die Sendetaste, bleibt dabei anonym, und für den, der davon betroffen ist, geht eine Welt kaputt.

Sexismus-Beschuldigungen und Vorwürfe des Machtmissbrauchs gab es in jüngster Zeit vermehrt am Theater. Ist das Theater als hierarchische Institution besonders anfällig für Machtmissbrauch?

Der findet sich überall in der Gesellschaft. Trotz Gleichberechtigung und Emanzipation sind Frauen noch längst nicht gleichermaßen in den höheren Etagen der Wirtschaft vertreten. Und natürlich gibt es dieses ungleiche Machtverhältnis auch im Theater. Ich habe Machtmissbrauch am eigenen Leib überhaupt nicht erleben müssen. Alle meine Intendanten waren Männer, auch viele der Regisseure, aber ich bin nie in solche Situationen und Konflikte geraten.

„Wo ist Mike?“: „Tatort“-Schauspielerin Dagmar Manzel über die verliebte Kommissarin Paula Ringelhahn

Worauf führen Sie das zurück?

Es waren respektvolle Verbindungen auf Augenhöhe, und vielleicht bin ich verbal auch einfach auf den Punkt. Wenn es mir zu dicht wird, sage ich das. Aber das heißt natürlich nicht, dass die Frauen, die Machtmissbrauch erfahren, selbst schuld sind. Wenn eine junge Schauspielerin, die gerade von der Hochschule kommt, von einem Regisseur fertig gemacht oder angemacht wird, kann das ihr ganzes Leben zerstören.

Sensibilität ist eine Voraussetzung für den Schauspielerinnen-Beruf, macht jemanden aber auch verletzbar. Ein Dilemma?

Natürlich. Du musst bereit sein, dich mit Körper und Seele auszuliefern, dadurch bist du aber auch verwundbar. Du stehst da oben, kannst dich nicht zurückziehen und bist absolut angreifbar. Wer bestimmte Rollen-Schubfächer aufzieht, kann sich vielleicht besser schützen, aber das ist langweilig. Es geht ja in diesem Beruf darum, auch in Abgründe vorzudringen, immer wieder Gefühle herzustellen. Man muss sich Techniken aneignen, mit denen man sich wieder auffängt. Trotzdem ist man nicht außen vor – es ist immer auch ein innerer Prozess. Abschalten können muss aber auch eine Kommissarin, die in ihrem Beruf ständig mit Gewalt konfrontiert ist oder eine Pflegerin im Krankenhaus, die jeden Tag Krankheit und Tod erlebt.

Zur Person

Dagmar Manzel , geboren 1958 in Berlin, Schauspielstudium an der Ernst-Busch-Schauspielschule, langjähriges Engagement am Deutschen Theater Berlin, tritt seit 2002 auch in Musiktheaterproduktionen auf. Zuletzt war sie an der Komischen Oper Berlin mit einem Soloabend (u.a. „Pierrot lunaire“ von Arnold Schönberg) zu sehen.

Was „Tatort“-Kommissarin Paula Ringelhahn und Schauspielerin Dagmar Manzel verbindet

Verbindet Menschenkenntnis die beiden Berufe Kommissarin und Schauspielerin?

Eine Kommissarin muss sich in gewisser Weise in mutmaßliche Täter einfühlen, um zu erfassen unter welchen Voraussetzungen und aus welchen Motiven eine Tat begangen wurde. Sie muss sich nicht in die Täter hineinversetzen, aber sie muss sich deren Ausgangssituation nähern und den auslösenden Moment erkunden, sonst kommt sie ihnen nicht auf die Schliche. Mit dem Schauspieler-Beruf ist das nicht zu vergleichen: Als Schauspielerin lässt du dich fallen, versetzt dich in eine Figur hinein und bist sie dann auf der Bühne oder vor der Kamera.

Was unterscheidet die Arbeit auf der Bühne von der am Filmset?

Die Komische Oper ist mein Zuhause, und am Deutschen Theater spiele ich bald zum hundertsten Mal das Stück „Gift“, zusammen mit Ulrich Matthes. Ich drehe wahnsinnig gerne, es ist eine Reise auf die andere Seite meines Berufes, und ich will es nicht missen, aber ich brauche das Theater und das Musiktheater. Das ist meine Welt. Vor der Kamera muss man den Moment abpassen und sich dann fallen lassen. Das ist auf der Bühne nicht möglich, da gibt es so viele Komponenten, auf die man reagieren muss, das Orchester, die Kollegen, das Publikum.

Sie haben an der Komischen Oper in Berlin auch einen Solo-Abend mit Beckett-Monologen und Arnold Schönbergs „Pierrot Lunaire“. Ein Programm, das lange vor Corona geplant war, vom Publikum und von der Kritik wurden Sie dafür gefeiert.

Das ist ein Programm, das mich tausendfach fordert. Ich spiele „Pierrot Lunaire“ frei, ohne Partitur. Ich habe alles auswendig gelernt. Wann wir das wieder zeigen, steht in den Sternen.

„Tatort“-Schauspielerin Dagmar Manzel: „Kultur spielt im Moment leider gar keine Rolle“

Wie geht es Ihnen in dem nun schon seit November bestehenden kompletten Kultur-Lockdown?

Ich habe durch den Tatort und durch meine Aufnahmen von Hörbüchern zu tun. Während des ersten Lockdowns habe ich mich arbeitslos gemeldet, weil wirklich alles weggebrochen war und ich keine Alternativen hatte. Ich brauche das zum Glück jetzt nicht, die Unterstützung sollen andere kriegen. Um mich herum sehe ich viele Leute, die im vorigen Jahr als Freiberufler noch irgendwie durchkamen und jetzt nicht mehr. Ich verstehe, dass eine Pandemie eine besondere Herausforderung an alle stellt – und am Ende wissen wir wahrscheinlich erst in ein paar Jahren, wie man es richtig gemacht hätte. Trotzdem machen mich die Durchhalte-Parolen langsam kirre, weil sie sich permanent ändern.

Es gibt große Statusunterschiede im Kulturbetrieb. Wen schädigt die Schließung am meisten?

Besonders hart trifft es Freiberufler und Berufseinsteigerinnen, die nichts in der Hand haben, weil sie gerade erst beginnen – für die bricht alles weg. Für die angestellten Musiker, für die Schauspielerinnen an den Theatern und Opernhäusern ist es schwer, weil sie nicht öffentlich spielen, aber die kriegen wenigstens jeden Monat ihr Geld, und sie wissen, dass es irgendwann wieder weitergeht. Aber alle anderen?

Neuer Tatort

Am Sonntag , 16. Mai 2021, zeigt Das Erste um 20.15 Uhr den „Tatort“ aus Franken „Wo ist Mike?“. Unter Regie von Andreas Kleinert und nach dem Drehbuch von Thomas Wendrich ermitteln Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs) erneut in Bamberg.

Ignoriert die Politik die Bemühungen der Kultur? Die Theater, die Konzert- und Opernhäuser haben viel in die Sicherheit des Publikums investiert.

Kultur spielt im Moment leider gar keine Rolle. Aber es reicht eben nicht, in den Supermarkt zu gehen und sich den Einkaufswagen vollzupacken. Die Leute haben das Bedürfnis zu kommunizieren, und Theater sind Stätten der Kommunikation und des Austausches. Wir können nicht ausschließlich über Bildschirme miteinander kommunizieren. Wir müssen uns treffen, miteinander reden, miteinander lachen, uns in die Augen schauen, das ist ein menschliches Urbedürfnis. Die Kultur, die so wichtig ist, die Herzensbildung und Bildung ermöglicht. Das ist vollkommen in Vergessenheit geraten. Theater? Was war das noch mal?

Tatort am Sonntag: „Wo ist Mike?“ mit Schauspielerin Dagmar Manzel

Das Kino behilft sich mühsam mit Video on Demand -Angeboten. Ein Ersatz?

Nein. Wir haben 2019 einen wunderbaren Film gedreht. „Die große Freiheit“, das Debüt der jungen Regisseurin Wendla Nölle. Dabei hat sich für mich der Traum erfüllt, einmal im Leben mit Rolf Lassgard zusammen zu spielen, diesem unglaublichen schwedischen Schauspieler. Wir haben einen Weltverleih, aber wann der Film ins Kino kommt, ist vollkommen ungewiss. Das ist für mich furchtbar, weil ich diesen Film liebe, aber für die Regisseurin, die ihren ersten großen Film gemacht hat, ist es ein Desaster. Ich klage auf hohem Niveau. Ich habe Arbeit und kann von der Arbeit leben. Aber meine Kollegen und Freunde haben ganz andere Probleme.

Gibt es eine Solidarität untereinander?

Ja, man hilft einander. Man schlägt Leuten jemanden vor, der keinen Job hat, man arbeitet auch umsonst, damit ein bestimmter Film fertig wird und irgendwann gezeigt werden kann. Und man muss aber auch bei allem Ärger anerkennen, dass zum Beispiel der Berliner Kultursenator Klaus Lederer und Kulturstaatsministerin Monika Grütters sich sehr für die Kulturschaffenden einsetzen und versuchen, Unterstützung für sie herauszuholen.

Einige sehr bekannte Musiker haben die Initiative „Aufstehen für die Kunst“ gegründet, die nun vor das Bundesverfassungsgericht geht. Der Opernsänger Christian Gerhaher wirft der Politik vor, nicht begriffen zu haben, was Kultur ist und sie unter Freizeitgestaltung und Unterhaltung abzuhandeln.

Kunst und Kultur als Freizeitgestaltung abzutun macht mich sprachlos und zeugt von einem armseligen Verständnis, was Kunst überhaupt kann. Sie kann Herzensbildung. Geld kann das nicht. Und so fällt mir spontan der Anfang aus Hyperion ein „So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefasst, noch weniger zu finden.“ Tja, was soll man da noch sagen…

(Interview: Christina Bylow)

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