Fall Lügde

Neue Vorwürfe, neue Fragen

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Ein vierter Mann soll eine 15-Jährige in Lügde vergewaltigt haben.

Der Fall um den jahrelangen sexuellen Missbrauch an Minderjährigen auf dem Campingplatz in Lügde weitet sich aus. Nachdem bereits drei Männer in Untersuchungshaft genommen worden sind, verdichten sich jetzt Hinweise, dass ein weiterer Dauercamper in das mutmaßliche Verbrechen verwickelt sein könnte. Dies ergab eine gemeinsame Recherche des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) und der „Lippischen Landes-Zeitung“.

Der vierte Mann, ein Camper aus dem benachbarten Steinheim bei Detmold, soll eine damals 15-Jährige im April 2018 vergewaltigt haben. Der Fall wurde zur Anzeige gebracht. Das bestätigt die Staatsanwaltschaft Detmold. Die Ermittlungen sind aber eingestellt worden.

Oberstaatsanwalt Ralf Vetter bestätigt den Fall: „Es hat Ermittlungen dazu gegeben.“ Warum diese eingestellt worden sind, könne er wegen der aktuellen Ermittlungen nicht sagen. „Das kann damit zu tun haben, dass es keine hinreichenden Beweise gab oder die Zeugin nicht glaubwürdig war.“ Der Fall werde nun erneut überprüft.

Schwere Vorwürfe erhebt jetzt Michaela V. (39), die Mutter der heute 16-Jährigen, gegen die Detmolder Polizei: „Man hat uns nie Gründe genannt, weshalb nichts unternommen wurde.“ Michaela V.s Familie hatte selbst viele Jahre lang einen Stellplatz auf dem Campingplatz Eichwald.

K.-o.-Tropfen verwendet?

Bei dem vierten Beschuldigten handelt es sich um einen Dauercamper Mitte 40, der mit dem in Untersuchungshaft sitzenden Mario S. befreundet sein soll und deren Parzellen nebeneinander liegen. „Er war immer dabei und hat mit den Kindern rumgetobt“, erinnert sich Michaela V. Da sich ihre Familien lange kannten, habe sie keinen Verdacht geschöpft. Auch die Enkelkinder des Mannes seien oft auf dem Campingplatz gewesen. Bei einem Grillabend im April 2018 sei ihre Tochter dann nach eigenen Angaben von dem Mittvierziger „abgefüllt“ worden, womöglich mit K.-o.-Tropfen. „Sie kann sich daran erinnern, wie er sich auf sie legte und Mario zuschaute“, sagt die 39-Jährige. Ihr Kind habe sich nicht wehren können.

Drei Wochen später habe die 15-Jährige sich ihrer Mutter anvertraut. „Wir sind direkt zum Jugendamt nach Blomberg – die haben uns zur Polizei geschickt.“ Dort hätten die Beamten die Anzeige aufgenommen und an die Kollegen in Detmold weitergegeben. Ihre Tochter sei viermal vernommen worden, doch die Ermittlungen verliefen im Sande. „Ich habe nicht einmal ein Aktenzeichen bekommen“, sagt Michaela V. Das bräuchte sie, um Hilfe beim Opferschutz zu bekommen.

Die Familie der 39-Jährigen habe bis vor drei Jahren selbst auf dem Campingplatz gelebt – ihr Vater sei sogar ein guter Freund von Andreas V. gewesen, der mindestens 31 Kinder auf dem Platz missbraucht haben soll. „Viele müssen weggeschaut haben“, ist sich die vierfache Mutter sicher. Sie selbst sei als Elfjährige von Andreas V. mehrfach angefasst worden, die Erinnerungen seien durch das Erlebte ihrer Tochter wieder hochgekommen. „Ich habe es damals meinem Vater und meiner Oma erzählt – keiner hat mir geglaubt“, sagt die 39-Jährige. Über mehrere Jahre hinweg soll er sich an ihr vergangen haben, als 15-Jährige habe sie sogar für ein paar Monate bei ihm leben müssen. Ihre Tochter aber habe zu Andreas V. nie Kontakt gehabt.

Die Missbrauchsfälle in Lügde werden in dieser Woche auch in zwei Landtagen thematisiert – in Düsseldorf und in Hannover.

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