Löschversuche in Sibirien: Die Größe der in diesem Jahr bereits zerstörten Waldgebiete entspricht der Fläche von Österreich.
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Löschversuche in Sibirien: Die Größe der in diesem Jahr bereits zerstörten Waldgebiete entspricht der Fläche von Österreich.

Russland

„Neue Normalität“

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Wieder gehen im Norden Russlands ganze Wälder in Flammen auf, rund acht Millionen Hektar sind seit Januar bereits abgebrannt. Nun warnt die Umweltschutzorganisation WWF, dass solche Katastrophen zur Regel werden könnten.

Sibirien steuert auf eine neue Rekord-Waldbrandsaison zu. Der Umweltorganisation Greenpeace zufolge sind im Norden Russlands seit Januar bereits rund acht Millionen Hektar abgebrannt, das entspricht etwa der Fläche von Österreich. Angefacht werden die Feuer seit Wochen durch extreme Trockenheit, starken Wind und bis zu 38 Grad Hitze. Die Umweltstiftung WWF warnt indes, dass solche Mega-Waldbrände wegen der fortschreitenden Klimaerwärmung zur „neuen Normalität“ werden könnten.

Laut den in dieser Woche veröffentlichten Daten des europäischen Erdbeobachtungsprogramms „Copernicus“ herrschten im Juni in Teilen Sibiriens Temperaturen von bis zu zehn Grad über dem langjährigen Durchschnitt für diesen Monat. In Ostsibirien verzeichnete „Copernicus“ am 21. Juni einen Temperaturrekord von 37 Grad, eine Messstation in der russischen Stadt Werchojansk meldete sogar 38 Grad, dieser Wert muss aber noch von der Weltmeteorologieorganisation bestätigt werden.

Im Mittel lagen die Werte für den arktischen Teil der Region fünf Grad über normal – über ein Grad mehr als die bisher höchsten Junidaten von 2018 und 2019. In sieben Regionen Russlands erklärten die Behörden den Ausnahmezustand. Brände in Sibirien sind im Sommer nichts Außergewöhnliches. Aktuell ist die Lage aber wie bereits im vergangenen Jahr sehr angespannt. Anfang Juli war eine Fläche von über zwei Millionen Hektar betroffen.

Die Feuchtigkeit im Boden und die Schneebedeckung waren vor allem im Nordosten Sibiriens, in Jakutien und Tschukotka, wo es am meisten brannte, auf Tiefstständen. Trockene Böden und hohe Temperaturen seien „ideale Bedingungen für langanhaltende und großflächige Brände“, so Copernicus-Wissenschaftler Mark Parrington. Ein Ende der großflächigen Feuer sei nicht in Sicht. Damit könnte im Jahr 2020 sogar noch mehr Wald in Flammen aufgehen als 2019, damals waren nach Schätzungen rund 15 Millionen Hektar betroffen.

Greenpeace warf den Behörden der betroffenen Regionen vor, keine Lehren aus der Brandkatastrophe von 2019 gezogen zu haben. „Das Unheil in den Wäldern Sibiriens und des Fernen Ostens wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit wiederholen.“ Dörfer und Städte könnten erneut in dichtem Qualm versinken. Das sei in Corona-Zeiten besonders für Menschen mit Atemwegserkrankungen gefährlich. Studien haben ergeben, dass Covid-19-Erkrankungen in Regionen mit hoher Luftverschmutzung häufiger einen schwereren Verlauf nehmen.

Die Brände in Sibirien wirken wie eine Illustration zu der WWF-Untersuchung. Danach leiden die Wälder weltweit zunehmend unter der Klimakrise, die zu immer heftigeren Bränden führe. Die Stiftung warnt davor, dass die Rekordfeuer 2019 – etwa am nördlichen Polarkreis, in Australien oder am Amazonas – in Zukunft keine seltenen Extremereignisse mehr sein könnten, sondern die Regel.

Die Folgen seien verheerend, so der WWF. „Die Brände bedrohen Menschenleben und zerstören Lebensräume unzähliger Tier- und Pflanzenarten.“ Die Waldzerstörung heize zudem die Erderhitzung weiter an. 2019 sind laut der Studie zusätzlich zu den rund 33 Milliarden Tonnen energiebedingter CO2-Emissionen durch Waldbrände etwa 7,8 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre gelangt. Dabei wüteten im vorigen Jahr auch in Deutschland extreme Brände – über 2700 Hektar Wald gingen verloren und damit mehr als doppelt so viel wie im Durchschnitt der letzten rund 30 Jahre.

Bei den aktuellen Feuern, die in Sibirien und im äußersten Osten Russlands, teils aber auch in Alaska wüten, bestätigt sich diese Tendenz. Innerhalb des nördlichen Polarkreises wurden im Juni nach den „Copernicus“-Daten fast 60 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen – deutlich mehr als im Rekord-Juni 2019 mit 53 Millionen Tonnen.

WWF-Expertin Susanne Winter kommentierte: „Wir haben es weltweit immer häufiger mit verheerenden Megafeuern zu tun, die riesige Waldflächen erfassen und kaum oder gar nicht zu löschen sind.“ Zudem haben sich die Waldbrandperioden laut WWF vielerorts stark verlängert. Das sei zum Beispiel der Fall in Australien, wo es im vergangenen Herbst und Winter regelrechte Feuerstürme mit mehr als 1000 Grad Celsius gab, in denen Dutzende Menschen und mehr als 1,2 Milliarden Tiere ums Leben kamen.

„Waldbrände und Klimakrise schaukeln sich gegenseitig hoch“, so Winter. Bei den Bränden am Amazonas oder in Asien spiele laut der WWF-Analyse vor allem die Ausbreitung einer nicht-nachhaltigen Landwirtschaft eine Rolle. 75 Prozent der weltweiten Entwaldung seien darauf zurückzuführen, hieß es. „Immer tiefer im Wald, auch an Orten, die von Bränden bislang weitgehend verschont blieben, wüten mittlerweile extreme Feuer.“

Die Stiftung fordert, um der Entwicklung etwas entgegenzusetzen, müsse der Fokus weg von der Brandlöschung hin zur Brandvermeidung gehen. „Wir müssen uns mit vollem Einsatz in den Kampf gegen die Klimakrise begeben“, so WWF-Expertin Susanne Winter. Die Treibhausgas-Reduktionsziele für 2030 müssten verschärft und die Entwaldung gestoppt werden. Das gelte speziell für die Tropenwälder, die besonders viel CO2 speichern.

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