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Andrew Garfield wird der nächste Spiderman.
Andrew Garfield wird der nächste Spiderman. © REUTERS

Andrew Garfield will als Film-Spiderman die Traumata seiner Kindheit überwinden. Der Jungschauspieler besticht im Gespräch durch Nachdenklichkeit und Ironie.

Von Rüdiger Sturm

Andrew Garfield will als Film-Spiderman die Traumata seiner Kindheit überwinden. Der Jungschauspieler besticht im Gespräch durch Nachdenklichkeit und Ironie.

Wer sich möglichst schnell ein Bild von Andrew Garfield machen will, muss nur nach seinen Leseerfahrungen fragen, etwa zu Kazuo Ishiguros modernem Klassiker „Alles, was wir geben mussten“, dann sagt er: „Als ich das Buch niederlegte, hatte ich das Gefühl, jemand hätte mir vor vier Wochen in den Rücken gestochen, und ich würde es jetzt erst merken. Auf einmal schoss der Schmerz durch meinen Körper. Ich war erregt, weil ich mein Leben auf so schreckliche Weise in Frage gestellt hatte, und erst im nächsten Schritt begann ich, mich wieder innerlich zusammenzubauen und eine neue Bedeutung für mein Leben zu suchen.“

Eine verständliche Reaktion. So aufwühlend und bedrückend ist Ishiguros Zukunftsvision, in der Klone als lebende Organbanken gezüchtet werden, junge Menschen, Internatsschüler, denen erst nach und nach ihr Dasein als lebendes Ersatzteillager bewusst wird. Und wer bedenkt, dass Garfield eine Hauptrolle in der Verfilmung der verstörenden Geschichte spielt, ahnt, wie tief der 27-Jährige in die Materie eingedrungen sein muss. Doch solche Antworten gehen dann doch über das hinaus, was man von einem Nachwuchsdarsteller erwartet.

Unter normalen Umständen würden seine Gedanken auch heute noch lediglich ein Randpublikum interessieren, schließlich sind Garfields Leinwandauftritte bislang in erster Linie den Insidern aufgefallen. Etwa wenn er in „Von Löwen und Lämmern“ Robert Redford Paroli bot, in „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ gegen Heath Ledger anspielte oder in „Social Network“ gegen Mark Zuckerberg-Darsteller Jesse Eisenberg. Auch der Film „Alles, was wir geben mussten“ lief in den meisten Ländern trotz – zu Recht – glänzender Kritiken quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Doch solche Einwände sind bedeutungslos, seit die Welt weiß: Andrew Garfield, der Sohn eines amerikanischen Vaters und einer englischen Mutter, wird sich im nächsten Jahr als neuer Spiderman über die Leinwand schwingen. „Ein kosmischer Moment“ war es, sagt Garfield, als ihm die Entscheidung bei einem Presse-Tag im mexikanischen Cancun verkündet wurde. „Mein ganzes Leben schoss in diesem Moment an mir vorbei.“

Vom Kerlchen zum Kinohelden

Nun, so klingen die typischen Superlative, wie sie in PR-Gesprächen häufig fallen. Doch Garfield hat dazu eine persönliche Geschichte zu erzählen: „Ich ging in Gedanken zurück in meine Kindheit, als ich mir wünschte, stärker zu sein. Das Thema der Gerechtigkeit hat mich tief bewegt, aber ich hatte nicht die physische Kraft, sie durchzusetzen. Es gab da einen Jungen, gegen den ich Widerstand leisten wollte. Aber er war klobig und kräftig, während ich nur ein winziges Kerlchen war. Wenn ich an den Spiderman-Dreh gehe und Verbrecher vermöble und für Gerechtigkeit kämpfe, dann stelle ich mir sein Gesicht vor.“

So ist diese Rolle für Andrew Garfield also mehr als nur Karrieredurchbruch. In der Rolle, sagt er pathetisch, könne er den Heldenarchetypus verkörpern, der sein „ganzes Leben prägte“. Wie er so dasitzt und darüber sinniert, ist er ganz Spiderman, zwischen Sensibilität und Leidenschaft, introvertiert und doch entschlossen. Nur dass er während des Gesprächs immer wieder in ein Sandwich beißt, verwischt den Eindruck ein wenig.

Wenn er zu Monologen ansetzt, bekommt Garfield etwas Obsessives, durchbricht das aber immer wieder mit Anflügen von Ironie. Etwa in der Art: „Vielleicht werden Sie jetzt in Ihrem Artikel schreiben, wie sehr Sie diesen Film hassen und mich wie ein völliges Arschloch wirken lassen – sofern ich das nicht schon selbst getan habe.“ So kristallisiert sich das Bild eines jungen Mannes heraus, der sich und das Leben ständig hinterfragt. „Ich denke viel nach, ich mag das“, sagt der Camus-Leser. „Auch wenn das manchmal schädlich sein kann.“ Um schnell hinzuzufügen: „Vor allem beim Tischtennis.“

Auf der Suche nach Seelenkonflikten

Dabei könnte er ganz zufrieden sein mit dem Leben. Und das weiß er auch: „Ich habe liebevolle Eltern, einen wunderbaren älteren Bruder, bin unter angenehmen Umständen in London aufgewachsen und durfte auf gute Privatschulen gehen. Es hat mir an nichts gefehlt.“ Aber weil er nicht gegen äußere Hindernisse habe ankämpfen müssen, sei er auf die Suche gegangen nach Seelenkonflikten, die er mit sich selbst austrug – einschließlich depressiver Anflüge und „einer extremen Nabelschau“. Günstigerweise entdeckte er in dieser Phase die Schauspielerei für sich und besuchte die Londoner Central School of Speech and Drama.

Mit Fernseh- und Bühnenauftritten – unter anderem als Romeo – machte Garfield früh auf sich aufmerksam – bis auch Hollywood in Gestalt von Robert Redford 2006 bei ihm anklopfte. Doch der Rausch dieses Aufstiegs hat seine Zweifel nicht ganz ausgelöscht. „An Silvester frage ich mich meistens: Hat das alles eigentlich einen Zweck? Am Ende erwartet uns doch sowieso der Tod. Aber dann finde ich den Glauben wieder: Ich kann etwas Sinnvolles tun. Jeder von uns hat diesen Glauben, sonst würde er jetzt mit zerschnittenen Venen im Badezimmer liegen.“ Und Andrew Garfield nimmt sein Sandwich und beißt genüsslich hinein.

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