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Komplizierter Name, große Inszenierungen: Bildnis des neuen Königs Maha Vajiralongkorn Bodindradebayavarangkun.

Thailand

„Der neue König traut niemandem“

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Offiziell stellt sich Thailands neuer König in den Schatten seines Vaters, doch hinter den Kulissen sichert er seine Macht - die Rückkehr zur absoluten Monarchie?

Thailands Zeitungen veröffentlichen täglich ganzseitige Anzeigen vor goldfarbenem Hintergrund mit nahezu gleichlautenden Texten: „Voller Bescheidenheit unterbreiten wir unsere loyalsten Grüße und alles Gute für seine Majestät König Maha Vajiralongkorn Bodindradebayavarangkun. Möge er mit einem langen Leben, guter Gesundheit und Glück gesegnet sein“, ließ Mitte Januar Thailands TKI-Gruppe, Betreiber der Nobeleinkaufscenter Emqaurtier und Paragon, das Land wissen.

Thailands seit 2014 herrschende Generäle um Junta-Chef Prayuth Chan-ocha sind auf Fotos zu bewundern, in denen sie in ihren schneeweißen Paradeuniformen vor Rama X., so der Titel des Monarchen, flach auf dem Boden liegen und ehrfürchtig zu dem 64-jährigen Staatsoberhaupt hochblicken. Die Burapha Payak, die „Tiger des Ostens“, wie die meisten Junta-Generäle ihre Militärclique nennen, erscheinen wie harmlose Welpen.

Rund drei Monate nach dem Tod des 88-jährigen König Bhumibol (Rama IX.) Mitte Oktober des vergangenen Jahres und rund zwei Monate nach seiner Proklamierung, lässt sich Vajiralongkorn samt seiner Wagenflotte von flammend roten Mercedes-Limousinen für seine Sicherheitsbeamten zwar nur selten selbst in der Öffentlichkeit sehen. Während aber viele Thailänder weiter in schwarzer Trauerkleidung zur Arbeit gehen, tauchen zu Tausenden Fotografien von Vajiralongkorn in weißer Uniform samt königlichem Degen oder goldurchwirkten Umhang auf.

Die Aufnahmen unterscheiden sich kaum von den Fotografien des Vaters. Auch das Programm des neuen Königs orientiert sich an der Vergangenheit: „Ich möchte, dass die königlichen Projekte meines Vaters wieder belebt werden“, ließ Rama X. verlauten, „und seine Lehren und Prinzipien weiter beachtet werden.“

Doch hinter den Kulissen entpuppte sich Vajiralongkorn als gewiefter Monarch, der seit Mitte Oktober im Gegensatz zu seinem Vater nicht aus dem Hintergrund wirkt, sondern aktiv in das Geschehen eingreift. Während der vergangenen zwei Monate krempelte er bereits die bisherige Machtbalance im mächtigen Militär gründlich um.

Versöhnung auf Befehl

Der neue König ist offenbar so beschäftigt, dass er seit Ende November nicht einmal Zeit fand, Thailand für seinen geliebten Skiurlaub in der Umgebung der bayerischen Stadt Berchtesgaden zu verlassen und seinen Sohn zu besuchen, der nahe München auf eine Privatschule geht.

Das Institut wirbt mit dem griechischen Philosophen Aristoteles: „Einen jungen Menschen zu unterrichten, ist nicht einen Eimer zu füllen, sondern ein Feuer zu entfachen.“ Ziel sei es, bei Schülern ein „globales Bewusstsein“ zu wecken. König Vajiralongkorn selbst, dessen Krönung allerdings erst nach Einäscherung des Vaters Ende diesen Jahres stattfinden soll, konzentriert sich vorerst auf die Absicherung seiner Position. Denn er weiß, dass er dank seiner affärengeplagten Vergangenheit umstritten ist.

Als Erstes schaffte der Monarch die Regel ab, wonach er bei Auslandsreisen einen Regenten einsetzen musste. Außerdem beschnitt der neue König die Macht und den Einfluss des Kronrats, in dem Anhänger seines Vaters und alte Widersacher des neuen Monarchen das Sagen hatten. Neu ernannte Mitglieder stammen bis auf eine Ausnahme aus der Einheit der „Kings Guards“, der Palastwache Vajiralongkorns.

Leidtragender der Umwälzung ist ausgerechnet Junta-Chef Prayut Chan-o-cha. Er hatte mit seiner Offiziersclique der Burapha Payak, die früher in der Palastwache der noch lebenden Königin Sirikit beheimatet waren, im Jahr 2014 Thailands gewählte erste Premierministerin Yingluck Shinawatra gestürzt und seither Jahr um Jahr versprochene Neuwahlen hinausgezogen. Prayuth musste vor einigen Wochen den Thailändern verkünden, dass dem neuen König die bei einer Volksabstimmung im vergangenen Jahr akzeptierte neue Verfassung missfallen würde. Sie wird gegenwärtig umgearbeitet und stärkt die politische Rolle des neuen Königs.

Vajiralongkorn befahl den herrschenden Generälen zudem, eine Versöhnungsinitiative zu starten. Sie soll helfen, die politische Kluft zwischen Royalisten, den sogenannten „Gelbhemden“, und der politischen Opposition, den „ Rothemden“, um den im Jahr 2006 gestürzten Premierminister Thaksin Shinawatra zu überbrücken. Während die Anhänger Thaksins und seiner Schwester Yingluck öffentlich ihre Bereitschaft bekundeten, bei den vom König vorgeschlagenen Rederunden mitzumachen, kam Widerstand aus unerwarteter Ecke. Ausgerechnet Suthep Thaugsuban, der 2014 an der Spitze einer von Thailands Elite finanzierten Protestbewegung die politische Rechtfertigung für den Staatsstreich lieferte, winkte ab.

Extravaganter Lebenskünstler

Manche Beobachter sprechen angesichts Vajiralongkorns Kurs bereits von Thailands Rückkehr zu einer absoluten Monarchie. Denn der neue König Vajiralongkorn verwandelte vorläufig nicht nur die Generäle der amtierenden Junta zu willfährigen Marionetten. Die von den Militärs nach dem Putsch von 2014 eingesetzte Nationalversammlung gab dem neuen König per Gesetzesnovelle auch das letzte Wort bei der Entscheidung, welcher Mönch den buddhistischen Klerus des Landes führen soll.

Die Regelung schaffte eine Reform aus dem Jahr 1992 ab. Im Rahmen der damaligen Demokratisierung hatte König Bhumibol damals auf dieses Recht verzichtet. Stattdessen durften während der vergangenen 25 Jahre die Mönche selbst entscheiden, wer als „oberster Patriarch“ an die Spitze der sogenannten Sangha berufen würde.

Viele Beobachter in Thailand rätseln über die Beweggründe des neuen Königs. Schließlich galt Vajiralongkorn in der Vergangenheit als extravaganter Lebenskünstler mit einer geradezu legendären Liebe zu Frauen. Bayern wurde während der vergangenen Jahre zum bevorzugten Ausgangspunkt für seine Reisen in ganz Europa. Thailänder wagen aktuell nicht, öffentlich über die Motive und Ziele des neuen Monarchen zu spekulieren.

Denn sein Sohn mag nahe München eine von Aristoteles inspirierte Schule besuchen. Der Vater scheint eher ein Student Machiavellis zu sein, der seine Ziele bedingungslos verfolgt. „Der neue König traut niemandem“, sagt ein Akademiker in der Hauptstadt Bangkok.

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