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Lautstark gegen wadenlange Kleider: Demonstration der "Britischen Gesellschaft zur Förderung des Minirocks".

Minirock

Die neue Beinfreiheit

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Kein Kleidungsstück steht so exemplarisch für die Mode der 60er wie der Minirock: Er erklärte erstmals die rebellische Jugend zum modischen Ideal. Teile der Branche haben sich von dieser Neuordnung nie erholt - andere profitieren davon.

Und dann gab es da noch die andere Demo. Während in den Städten Amerikas gegen den Vietnamkrieg protestiert wird, während die Studenten in Frankfurt und Berlin den Aufstand proben, ziehen auch durch die Pariser Prachtstraßen skandierende Grüppchen. Ihr Ziel: die Avenue Montaigne 30, ihr Anliegen: die Befreiung des Damenbeins. Vor den Schaufenstern Christian Diors mit den wadenlangen Kleidern darin halten sie 1966 Schilder in die Höhe: „Dior ist unfair zum Minirock“, steht darauf. „Mini skirts forever“. Die „Britische Gesellschaft zur Förderung des Minirocks“ steckte dahinter.

„Große Revolutionen zeichnen sich immer auch durch ihre Mode aus“, sagt Barbara Vinken. „Und nicht selten geht eine Moderevolution der gesellschaftlichen Revolution voraus.“ Die Literaturwissenschaftlerin kennt sich aus in Theorie und Praxis der Mode, hat Bücher rund um Kleid und Kleidsamkeit geschrieben. Für sie ist die Mode ein „Seismograph für gesellschaftliche Veränderungen“.

Die 1960er – sie sollten zum entscheidenden Jahrzehnt für die Mode des 20. Jahrhunderts werden. „Mitwirkende sind eine konsumierende und eine demonstrierende, eine narzisstisch mit sich selbst beschäftigte und eine aktivistisch sich engagierende Jugend, Chelsea-Girls und Rote Garde, Rudi Dutschke und Twiggy“, schrieb 1967 „Der Spiegel“. Sie alle nutzten auch die Mode als non-verbale Kommunikationsmittel, um gegen verkrustete Gesellschaftsstrukturen zu rebellieren.

Zwar inszenierten Protestler und Provos eine Art Antimode, grüne Army-Parkas und grobmaschige Schals schützten bei Aktionen gegen Wind und Wetter, Jeans und Lederjacken gegen die Gummiknüppel der Polizei. Gerade damit aber folgten sie der Modetradition: „Über Kleidung Kritik zu äußern, ist der konformste Sprechakt innerhalb der Moderne“, sagt Vinken. Die Ablehnung von Moderegeln, von allem modischen als oberflächlicher Firlefanz zumal, ziehe sich seit der Französischen Revolution immer wieder durch die Gesellschaftsordnung.

„Themen wie die Annäherung der Geschlechter, die Emanzipation oder sexuelle Revolution, haben sich in den 60ern ja nicht nur in der Mode widergespiegelt, sondern kamen zu einem gewissen Teil auch aus der Mode selbst“, sagt Vinken. „Die Hose wurde zur wirklichen Option für Frauen, der puritanische Mao-Anzug wurde von Männern wie von Frauen getragen. Darin artikuliert sich der Wunsch nach politischer Veränderung.“ Vor allem ging es der Mode der 60er aber um einen Kampf: In Anschluss an den Rock ’n’ Roll der 50er entstand ein vestimentäres Aufbegehren gegen eine Gesellschaft, in der die Jugend mit all ihren Bedürfnissen nicht vorgesehen war.

Kein Kleidungsstück illustriert das besser als der Minirock. Bis Mitte der 60er hatte es für die Lebensspanne zwischen Kindheit und Erwachsenenalter kaum eine Möglichkeit zur Selbstdarstellung gegeben. Vor dem Mini war Mode für die reife, kaufkräftige Kundin konzipiert worden. Die kurzen Rocklängen orientierten sich hingegen an der jugendlichen Frau – ganz egal, welcher sozialen Schicht sie angehörte.

„Auch der Philosoph Roland Barthes beschrieb diese Erfindung des jugendlichen Körpers als eine gesellschaftliche und nicht eine biologische Kategorie“, sagt Vinken. Während Texte von Rousseau schon 200 Jahre vorher eine jugendorientiertere Welt ankündigten, sprach der Soziologe Hans Heinrich Muchow 1967 bereits von der Jugend als dem „geheimen Leitbild der Zeit“. Und die französische Zeitung „Le Figaro“ erklärte sie zur eigenständigen sozialen Kategorie „wie die Arbeiterklasse oder die Bauernschaft“.

Der Minirock wurde zum Distinktionsmerkmal der jungen Frau. Und so zu einem Symbol des feministischen Diskurses. „Objektiv wurden die bis dahin männlichen erotischen Zonen auf den weiblichen Körper übertragen: die Beine und der Po“, sagt Vinken. „Das bis in die 60er gültige, alleinige, phallische Privileg, einen schönen Körper so zu zeigen, einen schnellen, durchtrainierten, fähigen Körper, verlor der Mann.“ Eine ambivalente Entwicklung: „Hat sich die Frau dieses erweiterte erotische Potenzial nur angeeignet, weil sie sonst keine Macht hatte?“

Zwar standen kurze Röcke und gerade geschnittene Minikleider, wie sie André Courrèges, Paco Rabanne oder Yves Saint Laurent präsentierten, für einen selbstbestimmten, von der Fortpflanzung losgelösten Zugang zur sexuellen Stimulation. „Die neue Mode reduzierte die Brüste, die Assoziationen mit Mutterschaft wecken, auf ein Minimum“, heißt es im Buch „Die Pille – von der Lust und von der Liebe“. In Teilen der Jugendbewegungen der 60er aber wurde dieser Paradigmenwechsel patriarchal instrumentalisiert: „Die Ehe als Schutzzone wurde aufgehoben, es gab einen freien Zugriff der Männer auf haremsartige Strukturen“, so Vinken. „Heißt die 68er-Revolution am Ende doch nur: ‚wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment‘?“

Der Minirock war nicht nur bei einer durch Op-Art und Space Age inspirierten Avantgarde populär, sondern wurde auch integraler Bestandteil des hippiesquen Moderepertoires. Die Hippie-Bewegung aber, die in Kalifornien entstand und sich gegen Ende der 60er auch in Europa ausbreitete, begehrte nicht nur gegen die Erwachsenenwelt auf. In Anlehnung an den „Wandervogel“, der Ende des 19. Jahrhunderts barfuß durch die Wälder ziehend Natur und Natürlichkeit propagierte, forderten die Hippies ein neues Umweltbewusstsein und einen erweiterten Kulturbegriff.

Lange Haare und zauselige Bärten, Afghanenmantel und indischer Kaftan dokumentierten eine kulturoffene, naturverbundene Lebensweise – Kapitalismus und Konsum wurden zum Feindbild erklärt. Zum Verhängnis wurde das gerade der französischen Haute Couture: Während etwa die britische Designerin Mary Quant, die auch als Galionsfigur der Mini-Mode gilt, eine neue Art der Vermarktung und Preisgestaltung prägte, ignorierte in Paris die Hohe Modekunst mit schwindelerregenden Preisen und überzeichneten Formen die neue Käuferschaft.

Die Prêt-à-porter, die Mode von der Stange – sie entstand in den 1960ern und setzte damit der Vorherrschaft einer überheblichen Haute Couture ein Ende. Gestützt von den Studentenunruhen im Jahr 1968, die in Frankreich auch die Haute Couture zum Relikt degradierte, lagen die Umsatzeinbußen bei über 60 Prozent. Nie konnte sich die Haute Couture von dieser Neuordnung erholen, ohne staatliche Unterstützung würde es das Segment, in dem Unikate komplett von Hand gefertigt werden, heute nicht mehr geben.

Ein Ende der elitären Mode aber konnten die Jugendbewegungen der 60er trotzdem nicht einläuten. Im Gegenteil: Auf der Suche nach einem Kollektionsthema stieß unlängst Maria Grazia Chiuri auf Bilder der Minirock-Demonstration von 1966. Sodann präsentierte Chiuri als Chefdesignerin von Dior eine durch die 68er-Bewegung inspirierte Linie, genau wie Gucci und Chanel.

Ethno-Kleider gibt es heute beim Discounter, Lederjacken, denen der damalige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann noch den Status einer „passiven Bewaffnung“ zuschreiben wollte, bei Zara und H&M. Den neuen Fokus auf die Stimme der Jugend führen Fitnesswahn und plastische Chirurgie ad absurdum.

50 Jahre später ist die Revolution zur Ressource geworden, das Ideal zur Idee. Das hatten sich die Demonstranten wahrscheinlich anders vorgestellt.

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