Vertieft ins Blatt: Sechs der sieben Rundschau-Gründer bei der Arbeit.
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Vertieft ins Blatt: Sechs der sieben Rundschau-Gründer bei der Arbeit.

75 Jahre Frankfurter Rundschau

Gegen das Nazi-Übel der Lüge

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Nach dem Zweiten Weltkrieg liegt Frankfurt in Trümmern. Inmitten des Schutts machen sich sieben Männer auf, eine neue Zeitung herauszubringen: die Frankfurter Rundschau. Ihr Ziel: Der Wahrheit wieder Geltung zu verschaffen und zum Aufbau einer Demokratie beizutragen.

Anfang April 1945 besucht General Frederick Anderson von den US Air Forces die Stadt Frankfurt am Main. In sein Tagebuch notiert er: „Frankfurt weitgehend ohne Dächer. Wirkt wie ein vergrößertes Pompeji.“ Zwischen dem 4. Juni 1940 und dem 13. März 1945 haben 75 alliierte Luftangriffe die Stadt getroffen, 5600 Menschen sind dabei gestorben, 175 000 haben ihre Wohnungen verloren. Die Innenstadt, eine Trümmerwüste.

Ein neues demokratisches Deutschland scheint in Frankfurt damals unendlich weit weg. Der erste Magistrat kalkuliert für die Beseitigung des Häuserschutts Jahrzehnte. Doch alles geht viel rascher. Bereits am 4. April läuft die Stromversorgung wieder an, am 24. Mai fahren erste Straßenbahnen, am 1. Juli eröffnet der Zoo, am 5. Juli stellt die Post erste Briefe zu.

Wie überall werden auch an der Großen Eschenheimer Straße Wege durch den Schutt freigeräumt. In die Keller unter der Ruine des großen Zeitungshauses, in dem früher die Frankfurter Zeitung produziert wurde, ist wieder Leben eingezogen. Am 31. Juli 1945 versammeln sich Drucker und Setzer im Maschinensaal, auch US-Offiziere drängen sich um Brigade-General Robert A. McClure. Er übergibt feierlich ein Schriftstück an sieben Männer, die in ihren dunklen Anzügen, allesamt mit Krawatten und weißen Hemden, sehr würdevoll wirken. Es ist die Lizenz für eine neue Tageszeitung, die am nächsten Morgen zum ersten Mal erscheinen soll: die „Frankfurter Rundschau“.

Die US-Militärs suchen die Gründer der Zeitung aus

Sie ist das erste demokratische deutsche Blatt in der US-Besatzungszone nach zwölf Jahren nationalsozialistischer Gewaltherrschaft. Die sieben Männer, die vom US-Militär als gleichberechtigte Herausgeber und Chefredakteure ausgesucht worden sind, repräsentieren eine politische Bandbreite von Katholizismus bis Kommunismus. Alle sieben sind von der Nazi-Zeit gezeichnet, abgemagert. Da ist der 30-jährige Kommunist Emil Carlebach, der elf Jahre Haft überlebte und noch 45 Kilogramm wiegt. Hans Etzkorn war Buchhändler, arbeitete für SPD-Zeitungen. Der Katholik Wilhelm Karl Gerst verfügt als einziger der Sieben neben journalistischer auch über wirtschaftliche Erfahrung. Er führte vor der Nazi-Zeit katholische Organisationen, war Direktor der Tobis Film. Otto Grossmann war Mitglied der „Naturfreunde“, gehörte der SPD an, wechselte dann zur KPD. Der 57-jährige Wilhelm Knothe wurde als sozialdemokratischer Funktionär von den Nazis verfolgt. Er sollte später zum Landesvorsitzenden der hessischen SPD aufsteigen. Der 58-jährige frühere Arbeiter Paul Rodemann ist Journalist und war bis 1933 Chefredakteur einer SPD-Zeitung in Offenbach. Der Kommunist Arno Rudert (52) war bis 1933 Redakteur der Arbeiterzeitung in Frankfurt.

Eine gemeinsame antifaschistische Grundhaltung eint die sieben Männer. Sie wollen gegen eine Wiederkehr des Nazismus, aber auch gegen eine erneute Militarisierung Deutschlands kämpfen. Dass die US-Besatzungsbehörde mit Wilhelm Karl Gerst nur einen Vertreter des bürgerlichen Lagers auswählt, hat damit zu tun, dass viele Journalisten durch ihre Arbeit während des Nazi-Regimes diskreditiert sind. Die Richtlinien der US-Armee sehen zu dieser Zeit vor: Wer nach 1935 in Deutschland publizistisch tätig war, gilt als belastet.

„Die Lüge ist eines der vielen Hindernisse beim Wiederaufbau

In der ersten Ausgabe am 1. August 1945 veröffentlichen die Herausgeber ein Geleitwort. Darin heißt es: „Zwölf Jahre lang war unser Leben beherrscht von der Lüge des Goebbels und seiner Kreaturen. (...) Die Lüge ist eines der vielen Hindernisse bei den Anstrengungen zum Wiederaufbau. Die Frankfurter Rundschau wird ihren Beitrag dazu leisten, um dieses Nazi-Übel radikal auszumerzen.“

Die US-Militärregierung publiziert eine „Ehrenvolle Begrüßung“ der neuen FR. Sie schreibt: „Diese Erstausgabe der Frankfurter Rundschau stellt einen wichtigen Schritt in der Rehabilitierung Frankfurts dar.“ Die Redaktion der neuen Zeitung kommt im Gebäude Schillerstraße 19 unter. Es herrscht Mangel an Papier und anderen Ressourcen. So erscheint das Blatt zunächst nur mittwochs und samstags. Dann gibt es drei Erscheinungstage, aber erst nach der Währungsreform 1948 ist die Frankfurter Rundschau schließlich an sechs Wochentagen erhältlich.

Die Auflage freilich ist schon 1945 hoch: Bis zu 500 000 Exemplare erscheinen von einer Ausgabe. Nicht einmal sie decken die Nachfrage, der Hunger der Menschen nach ungefilterten Nachrichten ist groß. Allerdings basieren viele Artikel auf Mitteilungen der Nachrichtenagentur DANA, die von der US-Besatzungsbehörde kontrolliert wird. Die sieben Herausgeber teilen die Redaktionen untereinander auf. Jeder von ihnen bekommt Sekretärin und Chauffeur zugeteilt. So beginnt vor 75 Jahren die FR-Redaktion ihre Arbeit.

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