Namib-Naukluft Nationalpark in Namibia: So sorgsam wie hier müsste mit viel mehr Landschaften der Erde umgegangen werden. 
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Namib-Naukluft Nationalpark in Namibia: So sorgsam wie hier müsste mit viel mehr Landschaften der Erde umgegangen werden. 

Wissenschaft

Naturschutz zahlt sich aus

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Ein Drittel der Erde müsste unter Schutz gestellt werden, fordern 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Gemeinsam stellen sie den ersten umfassenden Bericht über die wirtschaftliche Bilanz von Naturschutzgebieten vor.

Um dem rasanten Artensterben zu begegnen, das die Menschheit neben der Klimaerwärmung am akutesten gefährdet, müsse im kommenden Jahrzehnt mindestens ein Drittel der Erdoberfläche unter Naturschutz gestellt werden, sagen Expertinnen und Experten – eine Forderung, die bislang als ruinös für die Weltwirtschaft galt.

Dass das keineswegs der Fall ist, hat nun eine über 100-köpfige Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nach 18 Monate dauernden Recherchen herausgefunden. Ein derartiger Schritt könnte sogar zu einem ökonomischen Nutzen in Höhe von jährlich mehreren Hundert Milliarden Euro führen, heißt es in ihrer jetzt veröffentlichten 50-seitigen Studie mit dem Titel „30 Prozent der Erde für die Natur schützen: Kosten, Nutzen und wirtschaftliche Auswirkungen“.

Die Studie wurde im Auftrag der von über 100 Naturschutzorganisationen getragenen „Campaign for Nature“ für die kommende Weltnaturschutzkonferenz erstellt. Dort soll sie die Forderung nach einem „Deal for Nature“ unterfüttern, mit dem in zehn Jahren ein knappes Drittel der Erdoberfläche unter Schutz gestellt würde.

Der für Mitte Oktober dieses Jahres im chinesischen Kunming geplante Gipfel wurde wegen der Corona-Pandemie vorerst aufs kommende Jahr verschoben. Ihren Autorinnen und Autoren zufolge ist die neue Studie der weltweit erste umfassende Bericht über die wirtschaftliche Bilanz von Naturschutzgebieten.

Das überraschende Resultat der Untersuchung: Jeder in die Etablierung und das Management von Schutzgebieten investierte US-Dollar wird mit einem wirtschaftlichen Nutzen von fünf US-Dollar belohnt. In ihren Berechnungen berücksichtigen die Wirtschaftlerinnen und Wissenschaftler auch die Kosten von Naturkatastrophen, die in ungeschützten Regionen besonders verheerende Ausmaße annehmen und weltweit einen Schaden von jährlich rund 350 Milliarden US-Dollar anrichten.

Dieser Summe müssen die Kosten für die Etablierung und das Management neuer Naturschutzgebiete zugerechnet werden: Sie werden von den Ökonominnen Ökonomen auf jährlich rund 140 Milliarden US-Dollar veranschlagt. Derzeit stehen etwa 17 Prozent der Land- und gut sieben Prozent der Meeresfläche des Globus unter Schutz.

Auf der Gegenseite führen die Autorinnen und Autoren als Nutzen sowohl Einnahmen aus dem Tourismus sowie andere Gewinne aus nachhaltigem Management der Schutzgebiete an. Sie belaufen sich ihren Berechnungen zufolge auf insgesamt 250 Milliarden US-Dollar im Jahr. Diesem Bereich würden in den kommenden Jahren außerdem Wachstumsraten von bis zu sechs Prozent vorausgesagt – im Gegensatz zu lediglich ein Prozent in der Land- und Holzwirtschaft oder der Fischerei.

Zudem müssten als Nutzen auch Gewinne berücksichtigt werden, die nicht in bares Geld umzusetzen sind – wie die Rettung von Ökosystemen, die sich auf die Lebensqualität der Menschheit auswirkten.

Ihren Wert veranschlagen die Forscherinnen und Forscher auf rund 350 Milliarden US-Dollar im Jahr. „Wenn wir die Gans schützen, legt sie tatsächlich goldene Eier“, fasst Thomas Lovejoy, Professor für Umweltwissenschaft an der George Mason Universität im US-Bundesstaat Virginia, die Arbeit der Forscherinnen und Forscher zusammen.

Nach Erhebungen des World Wide Fund for Nature (WWF) verlor die Erde in den vergangenen 50 Jahren etwa 60 Prozent ihrer wild lebenden Tiere, derzeit sind mehr als eine Million Pflanzen- und Tierarten vom Aussterben bedroht. Noch stellt die Natur dem Menschen gewissermaßen Dienstleistungen zur Verfügung, deren wirtschaftlicher Wert von Ökologinnen und Ökologen auf jährlich 125 Billionen US-Dollar beziffert wird. Doch diese Leistung wird infolge der Naturzerstörung jährlich geringer.

Nur am Rande erwähnen die Autorinnen und Autoren der Studie die Auswirkungen zunehmender Epidemien wie der gegenwärtigen Corona-Pandemie, die ebenfalls auf die Zerstörung von Ökosystemen zurückgeführt wird. Deren Kosten für die Weltwirtschaft wird derzeit auf neun Billionen US-Dollar allein für die kommenden zwei Jahre geschätzt

Die Identifizierung neuer Schutzgebiete wird in der Studie weitgehend ausgespart. Dabei sollten jedoch nicht nur entlegene Weltregionen berücksichtigt werden, fordern die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Denn Schutzgebiete in der Nähe von Ballungszentren hätten einen wirtschaftlich wesentlich größeren Nutzen als am Rand der Welt.

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