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Untergang in der Umweltkatastrophe: Mit "The Day After Tomorrow" (Filmszene) zeigte der Deutsche Roland Emmerich, dass Öko-Thriller auch zur Massenware taugen.
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Untergang in der Umweltkatastrophe: Mit "The Day After Tomorrow" (Filmszene) zeigte der Deutsche Roland Emmerich, dass Öko-Thriller auch zur Massenware taugen.

Ökothriller

Die Natur schlägt zurück

  • Meike Kolodziejczyk
    VonMeike Kolodziejczyk
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Klimawandel und Bio-Boom als Unterhaltungsliteratur - das neue Genre des Ökothrillers wirft Bestseller am Band ab. Wieder mal vorn dran: die Deutschen.

Die Erde bebt, das Meer tobt. Menschen kreischen, taumeln, werden zermalmt von der Wucht des Wassers oder einstürzenden Bauten. Der Tsunami walzt brutal alles nieder. Dann tauchen auch noch fiese Kreaturen auf, Riesenkraken und gefräßige Borstenwürmer. Die vom Menschen geschundene Umwelt flippt aus; die Natur schlägt zurück. Zumindest in der Literatur.

Ob Frank Schätzings "Der Schwarm", Bernhard Kegels "Der Rote" oder Michael Crichtons "State of Fear" - in den vergangenen Jahren hat sich ein neues Genre herausgebildet, das inzwischen etliche Bestseller hervorbrachte: die Öko-Thriller. Packende Krimis, die sich mit dem Zustand des Planeten befassen - und nur wenig Erfreuliches ausmalen.

Die Umweltkatastrophe als Unterhaltungsschocker: Öko boomt, auch im Buchregal; passend zu einer Zeit, in der "Bio" zum hippen Lifestyle und die Grünen zum Establishment gehören und US-Vizepräsident Al Gore für "unbequeme Wahrheiten" sowohl den Oscar, als auch den Friedensnobelpreis einheimabräumt.

Das Etikett "Öko-Thriller" rufe bei ihm zwar Erinnerungen an "fusselige Birkenstocklatschen" hervor, sagt der deutsche Trendsetter für apokalyptisches Schriftgut, Frank Schätzing. Doch es hat sich längst als so werbewirksam bewiesen, dass es vom Einband zahlloser Neuerscheinungen prangt. So auch auf dem neuesten Roman von Dirk C. Fleck, "Das Tahiti-Projekt". Darin steht Deutschland, wir schreiben das Jahr 2022, kurz vor einem Bürgerkrieg zwischen Arm und Reich, der Rest der Welt droht in Natur- und menschenverschuldeten Katastrophen zu versinken. Einzig die Tahitianer besinnen sich und bauen ein Öko-Paradies auf - zum Unmut der Mächtigen, die nach den letzten Ressourcen der Südsee gieren. "Ich wollte über ein Thema schreiben, das uns alle angeht", sagt Fleck der FR, "über den Ökozid, die hausgemachte ökologische Explosion."

Bei Fleck und Kollegen muss die Menschheit allerhand einstecken - wie es sich eben für jeden Thriller gehört. Nur dass in der Öko-Version die Bösewichte keine Spione oder Mafiosi sind, keine religiösen Psychopathen, die ihre Opfer häuten, keine Aliens, die mit ihrer Raumschiffflo zur Erde eilen, um sie zu zerstören. Stattdessen schurken sich besonders umweltschädliche Exemplare der Spezies Mensch durch den Plot: Korrupte Politiker, machtgeile Militärs oder rücksichtslose Konzernbosse steuern den Planeten zielsicher gen Untergang. Tausend Seiten dauert es mitunter, bis das Übel vereitelt, die Unholde tot und von den Guten wenigstens noch ein paar lebendig sind. Wie in Schätzings "Der Schwarm". Die Geschichte vom Plankton-Kollektiv, das nach einer Ewigkeit friedlichen Dahinblubberns plötzlich die Faxen des Homo sapiens dicke hat und zum finalen Angriff bläst, schlug 2004 ein wie eine biologische Bombe. Nach der Lektüre des Wälzers schaute der Strandurlauber auf Borkum oder Teneriffa zuweilen mit mulmigem Gefühl aufs Meer. Kriminalisieren dürfe man die Natur freilich nicht, mahnte Schätzing zwar im FR-Interview. Aber: Verharmlosen auch nicht. "Ich habe mir die Freiheit genommen, das Bedrohliche der Natur auch als bedrohlich darzustellen."

"Angemessen" heißt im Thriller natürlich: bis zum Gipfel der Eskalation, bis zum absoluten Desaster - eine Kunst, für die vor allem amerikanische Autoren wie Dan Brown oder Michael Crichton berühmt sind. Der Thriller, der die Leser mit den schlimmsten Schreckensszenarien fesselt, ist das US-Genre schlechthin. Die Deutschen hingegen haben sich auf dem Parkett bisher zurückhaltend bewegt. "Diese deutsche Schwere" leitet Schätzing aus der jüngeren Geschichte ab. "Hier zu Lande galt jahrzehntelang, dass man sich über das Grauen nicht amüsieren darf." Unabhängig von diesem "Aufarbeitungstrauma" sei das Thriller-Schreiben ohnehin eine "Gemüts- und Naturellfrage". Und die Deutschen hielten es halt eher mit dem analytischen Krimi.

"Der deutsche Thriller lebt", frohlockte dagegen TV-Buchrezensent Ulrich Wickert nach der Lektüre von Bernhard Kegels "Der Rote". Auch in den vergangenen anderthalb Jahren erschienen Andreas Eschbachs "Ausgebrannt", Cord Hagens "Der Schlund" oder eben Flecks "Tahiti-Projekt", deren Erfolge zeigen, dass die germanische Mentalität durchaus Thriller-kompatibel ist. "Die Gesetze des Genres haben die Amerikaner bestimmt", sagt Fleck. Die deutschen Autoren hätten die Regeln zur Kenntnis genommen und großteils befolgt - das Ergebnis jedoch sehe anders aus. Da sei der Thriller für die Literatur, was der Rock für die Musik: "Wir haben unsere eigene Form gefunden, und dadurch wird es attraktiv und bekommt etwas typisch Deutsches." Die Stärke der deutschen Geschichten liege darin, dass sie "nicht so platt" daherkämen und mit Fakten unterfüttert seien.

In der Tat ging den genannten Romanen gründliche Recherche voraus, die im schlimmsten Fall darin gipfelt, dass sich der Leser über schier endlose Passagen hinweg durch naturwissenschaftliches und technisches Fachwissen wühlen darf. "Unsere Thriller bieten eben nicht nur Spannung", meint Fleck, "sondern auch Diskussionsgrundlagen." Die Folge: Nach dem Tsunami in Südostasien avancierte Romancier Schätzing zum Experten, der durch die Talkshows tingelte und bei Grünen-Wahlveranstaltungen auftrat. Fleck hielt Vorträge in Universitäten oder auf Öko-Tourismus-Kongressen, wurde vom BMW-Vorstand zum öffentlichen Gespräch geladen und las mit Bernhard Kegel bei den Vattenfall-Lesetagen 2008. Offenbar nähmen Politik und Wirtschaft die Literatur zunehmend ernst, was Fleck "großartig" findet. Schließlich erreiche Unterhaltung auch alle, die sich sonst nicht um Klimakonferenzen und Energiesparlampen scheren.

Dass sich der Boom des neuen Genres gerade in Deutschland besonders heftig ausnimmt, mag daran liegen dass die Deutschen sich in der Rolle des Öko-Strebers zu gefallen scheinen. In sämtlichen Disziplinen von Recycling über Bio-Landwirtschaft bis hin zu Umwelttechnologie und regenerativen Energien belegt Deutschland international Spitzenplätze. Jüngsten Studien zufolge ist nirgendwo sonst in Europa das ökologische Bewusstsein derart ausgeprägt. Und nirgendwo sonst in Europa sind bislang derart viele Ökothriller geschrieben worden.

Dabei war Schätzing nicht mal der erste Autor, der sich des Themas annahm: Kein Kind aus Anti-AKW-bewegtem Elternhaus, das nach dem GAU in Tschernobyl 1986 nicht Gudrun Pausewangs "Die Wolke" las. Die Erzählung ist freilich ein Jugendbuch und keineswegs bereits der erste deutsche Öko-Thriller. Den verbucht Dirk C. Fleck für sich. In seinem Roman "Palmers Krieg" von 1992 will ein Terrorist Manhattan in die Luft sprengen, wenn das Fernsehen nicht gebührend über die schlimme Lage der Erde berichtet. Zwei Jahre später folgte Flecks "GO! Die Ökodiktatur", die düstere Vision eines Staats, der zur Rettung der Umwelt sein Volk nach 12 rigiden Grundgesetzen regiert.

"Das Tahiti-Projekt" dagegen zeichnet nun eine positive Utopie und ist in weiten Passagen weniger Thriller als Zukunftsroman. Eine Inselgesellschaft lebt ein Ideal vor: Solarmobile, Meereskraftwerk, Reiskleie als Straßenbelag, beschränktes Privateigentum. Fleck spricht von "Ökotopie": Er habe "Lösungen und Chancen" aufzeigen wollen statt nur "nacktem Horror und der Hochrechnung auf die endgültige Katastrophe". Er verweist aufs Glossar am Ende des Buches: "Alles, was da an Ideen und Innovationen steht, ist heute bereits machbar."

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