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Im Zoo Osnabrück wurden schon mehrere Hybridbären geboren.
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Im Zoo Osnabrück wurden schon mehrere Hybridbären geboren.

Artenvielfalt

Natur auf der Flucht: Sind Cappuccino-Bären die Zukunft?

Wenn Eisbär und Grizzly sich paaren: Der Klimawandel führt Arten zusammen, die bislang voneinander getrennt lebten. Dabei entstehen skurrile neue Hybride, die womöglich sogar Zukunft haben

Es war ein eisiger Tag, als ein 66-jähriger Mann durch die Schneelandschaft der kanadischen Arktisinsel Banks Island stapfte. Jim Martell, so der Name des Besitzers eines Telefonunternehmens aus Idaho, hatte sich mit weißer Winterjacke, Skimaske und Skibrille gegen die Kälte eingemummt. Nun bekam er ein Zeichen von seinem Führer: Ein Eisbär war in Sicht geraten, nahe genug, um einen Versuch zu starten: 50 000 Dollar hatte Martell für die Lizenz hingelegt, die es ihm erlaubte, einen Eisbären zu schießen; eine Praxis, die Naturschützer empörte. Martell war das egal. Er legte sein Gewehr an, sah das cremig weiße Fell und drückte ab. Der Bär sackte zusammen.

Als sich der Sportschütze an jenem 16. April 2006 über das Tier beugte, erkannte er, dass es für einen Eisbären ziemlich klein war und einen Buckel sowie lange braune Klauen besaß. Er sah das schmuddelig wirkende Fell und die dunklen Flecken um Augen und Schnauze. War es vielleicht doch ein Grizzly, den er da erlegt hatte? In diesem Fall drohte Martell bis zu einem Jahr Haft, da Kanada die Unterart der Braunbären unter Schutz gestellt hatte.

Hybrid aus Eisbär und Grizzly: Klimawandel sorgt für neue Tierarten

Ein Abgleich der DNA ergab, dass es sich weder um einen Eisbären, noch um einen Grizzlybären handelte – sondern um eine Mischung aus beiden: einen Hybriden, der von einer Eisbärenmutter und einem Grizzlyvater abstammte. In der Presse firmierte er fortan als „Pizzly“ (Polar Bear und Grizzly), „Grolar“ (Grizzly und Polar Bear) oder als „Cappuccino-Bär“. Wissenschaftler hielten ihn anfangs für eine seltene Ausnahme, manche für einen evolutionären Unfall.

Doch in den folgenden Jahren tauchten weitere Hybridbären auf, allesamt gezeugt von weiblichen Eisbärinnen und männlichen Grizzlys. Einer der Hybridbären stellte sich später in einer Genanalyse sogar als Abkömmling eines anderen Pizzlys heraus. Zwar war bekannt, dass sich Eisbären und Grizzlys paaren können, denn beide sind eng verwandt und ihre gemeinsame Evolutionslinie entzweite sich erst vor 500 000 bis 600 000 Jahren. Allerdings waren sie sich in der Vergangenheit meist aus dem Weg gegangen, weshalb die Entdeckung gleich mehrerer Hybrid-Bären die Biologen verblüffte, Taxonomen in Verlegenheit brachte und Naturschützer vor Herausforderungen stellte.

Eine Erklärung für das Phänomen liefert der Klimawandel. Durch ihn überschneiden sich die Lebensräume von Ursus maritimus und Ursus arctos immer weiter, womit sich mehr Möglichkeiten für ungewöhnliche Vereinigungen bieten. Während männliche Grizzlybären in den äußersten Norden Amerikas streben, weil sie dort weniger gejagt werden und sich dank der Erderwärmung in Gebiete ausbreiten können, deren Klima ihnen vormals zu unwirtlich gewesen ist, schrumpft der Lebensraum des Eisbären zusammen, weil sich das Meereis zurückzieht, von dem aus er nach Robben jagt. Im Sommer 2020 habe sich das arktische Meereis nur noch auf der Hälfte der Fläche von vor Jahrzehnten ausgebreitet und nur noch die Hälfte der einstigen Dicke erreicht, berichteten vor wenigen Tagen Forscher der sogenannten „Mosaic“-Expedition des Forschungsschiffs Polarstern um Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut (AWI), die vor acht Monaten geendet war. Wenn sich vor dem Eisbären aber nichts als freier Ozean auftut, muss er sich an Land flüchten, um nicht zu verhungern. Dort aber trifft er nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Grizzlys.

Cappuccino-Bär, Pizzly oder Grolar: Der Mischlingsbär fasziniert die Wissenschaft

Grizzlys und Eisbären stehen für ein Massenphänomen, das sich derzeit in der Arktis abspielt: Wenn sich Bäume und Sträucher nach Norden ausbreiten und das Eis schmilzt, verbessern sich die Bedingungen für die borealen Waldtiere aus dem Süden. Massenhaft strömen sie in die Arktis, da sie sich dank des Klimawandels nun dort behaupten können. Schneehasen, Weißwedelhirsche, Elche und Biber – sie alle gehören zu den Gewinnern des Klimawandels.

Verlierer sind die alteingesessenen Arten: Moschusochsen, Karibus, Polarfüchse und Eisbären. Sie befinden sich in einer Sackgasse und können nicht vor dem Klimawandel fliehen. Zugleich werden sie von den Arten aus dem Süden herausgefordert.

Für die Arktisbewohner ist es eine tragische Wendung ihres Schicksals. Normalerweise bräche gerade jetzt ihre Zeit an. Denn nach dem Intermezzo des Holozäns, einer Warmzeit, die zehntausend Jahre angedauert und dem Menschen ein stabiles Klima geboten hat, in dem er sich vom Jäger und Sammler zum Bauern entwickeln konnte, war die Erde längst wieder auf dem Weg in die nächste Eiszeit.

Bei dem Tempo des derzeitigen Klimawandels haben die meisten Arktisarten keine Chance, sich evolutionär anzupassen

Wäre diese eingetreten, hätten Polarfuchs & Co. mit der Ausbreitung der Kälte immer größere Gebiete Mitteleuropas einnehmen können, wie sie es in der vergangenen Eiszeit getan haben. Vor 6500 Jahren hatte sich die Erde nämlich so ausgerichtet, dass sich die Einstrahlung der Sommersonne in den nördlichen Breiten ihrem tiefsten Stand näherte – eigentlich ein sicheres Anzeichen für den Beginn einer Kälteperiode. Wäre da nicht das Kohlendioxid gewesen, das sich in der Atmosphäre anzusammeln begann; warum, ist unter Klimaforschern bis heute umstritten. Während die einen veränderte Meeresströmungen dafür verantwortlich machen, sehen andere die Ursache in unseren Vorfahren, die Wälder brandrodeten, um Getreide anzubauen und Vieh weiden zu lassen.

Spätestens mit der Industrialisierung ist das Pendel definitiv umgeschlagen, und die Welt erwärmt sich wieder kräftig – die vorausgesagte Erwärmung dürfte sogar so kräftig ausfallen, wie seit zwei Millionen von Jahren nicht mehr. Spätestens Mitte des Jahrhunderts könnte der Arktische Ozean im Sommer komplett eisfrei sein. Die Eiszeit, sie ist abgesagt.

Bei dem Tempo des derzeitigen Klimawandels haben die meisten Arktisarten keine Chance, sich evolutionär anzupassen. Für viele bleibt kein anderes Mittel, als die Abwanderung in den äußersten Norden. Diesen Prozess beschrieb schon der britische Naturforscher Charles Darwin in seinem 1959 publizierten Werk „Der Ursprung der Arten“: „Als es wieder wärmer wurde, zogen die arktischen Formen nach Norden zurück, die Bewohner der gemäßigteren Regionen rückten ihnen unmittelbar nach.

Cappuccino-Bären könnten besserere Überlebenschancen haben

Noch bleiben Polarfüchsen, Moschusochsen und Karibus riesige Gebiete, in denen sie leben können. Allerdings schlägt ihnen mit jedem Breitengrad, den sie sich nach Norden hin zurückziehen, die Geophysik der Erde ein Schnippchen: Je mehr sie sich dem Nordpol nähern, desto stärker schrumpft ihr Einzugsgebiet. Denn die Erde ist ein Ellipsoid; sie gleicht einem Medizinball, auf dem jemand sitzt. Stellen wir uns vor, ein Ring läge um den Äquator und würde nach Norden wandern, dann würde er sich immer weiter zusammenziehen. Den Tieren und Pflanzen steht also eine immer kleinere Fläche zur Verfügung. Wissenschaftler sprechen von der „polaren Verengung“ (englisch: „polar squeeze“). Manche Arten wie Robbe oder Eisbär gelangen irgendwann buchstäblich ans Ende der Welt.

Auf den ersten Blick ist es ein Paradox: Der Artenreichtum in der Arktis wächst – dank der Einwanderer aus dem Süden. Gleichzeitig wird der Beitrag der Arktis zur Biodiversität der ganzen Welt aber abnehmen, da polare Arten aussterben werden, sollten sie keinen Weg finden, in Zeiten des Klimawandels zu überleben.

Die Rückzugsorte in der Arktis werden aufgrund des Klimawandels immer kleiner

Manche Arktisforscher gehen davon aus, dass die Grizzlybären früher oder später die Hohe Arktis einnehmen werden, während die Eisbären nach und nach verschwinden. Denn während ihre Jagdgebiete auf Eis wegbrechen, kommen sie an Land an körperliche Grenzen: Mit ihren relativ kleinen Backenzähnen und länglichen Köpfen sind sie zwar gut auf die Jagd nach Robben und deren Speck angepasst, aber schlecht auf die vielfältige und knochige Kost an Land. „Eisbären sind morphologisch spezialisiert und haben biomechanische Einschränkungen, die ihre Fähigkeit zur Aufnahme mechanisch anspruchsvoller Nahrung einschränken können, wobei Ernährungsumstellungen nur unter den extremsten Szenarien auftreten“, schrieb kürzlich eine Gruppe von Biologen, Anthropologen und Archäologen im Fachblatt Global Change Biology. „Insgesamt können die hochspezialisierte Ernährung und die Schädelmorphologie von Eisbären ihre Anpassungsfähigkeit an eine sich erwärmende Arktis stark einschränken.“

Benjamin von Brackel Die Natur auf der Flucht. Heyne, München, 2021. 288 S., 13 Euro.

Zwar schaffen es Eisbären durchaus auch an Land, Seevögel oder Karibus zu erbeuten; allerdings müssen sie dazu mehr Energie aufbringen und bekommen dafür weniger Kalorien, als auf dem Meereis. Bis zur Jahrhundertmitte dürften sich ihre Populationen Prognosen zufolge halbieren. Irgendwann bleiben ihnen dann nur noch Rückzugsorte in der hohen Arktis in Kanada und in Nordgrönland. Sterben sie ganz aus, werden ihre Gene zumindest in den Grizzlybären weiterleben. Ähnlich wie die des Neandertalers zu einem kleinen Teil im heutigen Menschen.

Sind Hybrid-Bären Vorbild für andere Arten?

Und die Hybrid-Bären? Welche Rolle diese in Zukunft spielen werden, lässt sich heute noch kaum sagen. Manche Biologen gehen aber davon aus, dass sie möglicherweise eine bessere Überlebenschance an Land haben, als ihre mütterlichen Verwandten, die Eisbären. Die körperlichen Eigenschaften des Grizzlys in den Hybridbären, könnten ihnen womöglich einen entscheidenden Vorteil liefern. Einen „traurigen, aber notwendigen Kompromiss angesichts des derzeitigen Erwärmungstrends“, nennt die Paläontologin und Biologin und Mitautorin der Studie Larisa DeSantis von der Vanderbilt University in Tennessee deshalb die Cappuccino-Bären. Diese könnten womöglich einen Teil der Nische des Eisbärs übernehmen und damit auch eine wichtige Rolle im Ökosystem erfüllen.

In Zukunft dürften solch skurrile Zusammenkünfte angesichts der Völkerwanderung, auf die der Klimawandel Arten auf der ganzen Welt geschickt hat, häufiger zu sehen sein; dann, wenn sich die Verbreitungsgebiete der Arten durch den Klimawandel weiter mischen und dadurch neue Verbindungsmöglichkeiten auftun. Der Cappuccino-Bär dürfte da nur der Anfang sein.

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