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Das Nationalmuseum: Von dem herrschaftlichen Bau stehen nur noch die Grundmauern.  

Brasilien

Und das Museum lebt doch

Das Nationalmuseum in Rio ist 2018 abgebrannt. Nun findet die geplante Ausstellung dennoch statt. 

Von Martina Farmbauer

Bei gefühlten 47 Grad in Rio de Janeiro kann man sich nur schwer in die Antarktis versetzen. Aber genau das hat sich das „Museu Nacional“ in Rio de Janeiro als Thema für seine erste Ausstellung ausgewählt, nachdem das historische Nationalmuseum im September 2018 in Flammen aufgegangen war. Ersten Schätzungen nach vernichtete das Feuer 90 Prozent des Museumsbestandes von 20 Millionen Objekten. Auf die Frage, ob er den Verlust vier Monate später bestätigen könne oder korrigieren würde, antwortet Direktor Alexander Kellner bei der Ausstellungseröffnung: „Die Bergung beginnt gerade erst. Und verlieren ist ein Wort, das mir nicht gefällt.“ Kellner sagt lieber: „Das, was wir noch nicht wiedergefunden haben.“ So hatte es zunächst etwa geheißen, der Schädel von „Luzia“, der „ersten Brasilianerin“ und das mit 11 000 Jahren älteste in Lateinamerika gefundene Fossil, sei dem Feuer zum Opfer gefallen. Feuerwehrleute entdeckten den Schädel jedoch bald zwischen den Trümmern des „Museu Nacional“.

Und so stammt auch ein halbes Dutzend der nun gezeigten 160 Objekte aus dem abgebrannten Museum. Bei einigen habe sich die Farbe verändert, weil ein Metallregal während des Brandes auf die Fossilien fiel und schmolz, erklärt Julyana Sayão. Sie Paläontologin an der „Universidade Federal de Pernambuco“ und hat die Antarktis-Schau kuratiert, deren Eröffnung ursprünglich für Oktober 2018 im „Museu Nacional“ geplant war. Sayão zufolge zeigt die Schau Fundstücke des Projektes „Paleoantar“, das an das brasilianische Antarktis-Programm (Programa Antártico Brasileiro) angeschlossen ist.

Weil die Schau eben komplett vorbereitet gewesen sei, habe das Direktorium entschieden, sie bereits kurze Zeit nach dem verheerenden Brand zu zeigen. „Vergessen wir die Arbeit und die Tragödie. Heute ist ein Tag der Freude“, sagt Museumsdirektor Alexander Kellner, Sohn einer Österreicherin und eines Deutschen, denn auch an dem Tag, an dem die Ausstellung für Medienvertreter und geladene Gäste öffnet. Am Wochenende ist sie trotz – oder vielleicht auch wegen – gefühlter 47 Grad gut besucht. Dabei erscheint diese Ausstellung mit dem Titel „Cuando nem Tudo era Gelo – Novas Descobertas no Continente Antártico“ beinahe so unwirklich, wie sich im tropischen Sommer in die Antarktis zu versetzen – es sei denn, man bekommt Fotos und Videos von Familie, Freunden und Bekannten aus dem Süden Deutschlands, Österreich oder der Schweiz zugeschickt, wo sich der Schnee derzeit meterhoch türmt. Diese Schau hat vor allem etwas Unwirkliches, weil es nicht das „Museu Nacional“ ist, in dessen Räumen die Besucher in die Antarktis reisen können; kann es ja gar nicht sein, denn: Vom Nationalmuseum stehen nur noch die Mauern.

Die Zerstörung: Blick in den Eingangsbereich des Museums. 

Bis Anfang Dezember waren die sogenannten Notfallarbeiten etwa zur Hälfte abgeschlossen, die Ruine übergangsweise abgedeckt, Metallteile und Trümmer teilweise aus dem Inneren entfernt. Direktor Kellner sucht „Gesprächslinien“, wie er es nennt, mit der Regierung des neuen Präsidenten Jair Bolsonaro. Die Bergung der Objekte und der Wiederaufbau des Museums sind in die Zeit von dessen Wahl und des Amtsantritts gefallen. In Brasilien, wo ohnehin fast keine Kontinuität besteht und sich mit einer Regierung so gut wie alles ändert, herrscht unter Bolsonaro darüberhinaus ein rauer Ton. „Es ist schon passiert, es hat schon gebrannt, was wollen Sie, dass ich mache?!“, hatte dieser auf die Frage entgegnet, wie er denn das historische Erbe des Landes zu bewahren gedenke.

Wer das „Museu Nacional“ in der Quinta da Boa Vista im königlichen Viertel São Cristóvão kannte, in dem einst die Habsburgerin Leopoldina lebte, für den ist es ein wenig merkwürdig, die Ausstellung im „Centro Cultural Museu Casa da Moeda do Brasil“ an der „Praça da República“ im Zentrum Rios zu betreten. Da kann auch der Wow-Effekt in der Eingangshalle nichts gegen ausrichten: Dort hängt eine fünf Meter lange Replik eines Mosasaurus, wie er auch im Film „Jurassic World“ vorkommt, von der Decke. Der Mosasaurus gehört zu jenen Tieren, die die Meere am Ende der Kreidezeit bewohnten.

Die Ausstellung beginnt in einem Raum, der die aktuelle Situation in der Antarktis zeigt und wie die Forscher, zu denen auch Alexander Kellner gehört, dort derzeit arbeiten. Neben einem Eisberg sind Zelte und ein Allradfahrzeug aufgebaut. Der nächste Saal mit Übersichtskarten und Schaukästen ist der Antarktis vor 90 Millionen Jahren gewidmet. Die war zu dieser Zeit ein heißer Kontinent, bedeckt von einem tropischen Wald und ausgestattet mit einer überschwänglichen Fauna. Der Ansatz ist, Neugier zu wecken und Fragen aufzuwerfen wie: Aus welchem Grund hat sich die Antarktis so verändert? Und könnte sie in nicht allzu ferner Zukunft wieder so aussehen wie vor Millionen von Jahren? Stichwort: Klimawandel.

Die jüngsten Fundstücke von dort, die die Schau zeigt – Ammoniten, Haiwirbel, Tannenzapfen oder auch Baumstämme, alles etwa 80 Millionen Jahre alt –, stammen von Expeditionen aus den Jahren zwischen 2015 und 2018. In dieser Zeit haben die Wissenschaftler in der südlichsten Region der Antarktis gearbeitet, um Fossilien zu sammeln – mit dem Ziel, die Flora und Fauna der Kreidezeit zu rekonstruieren und die oben erwähnten Fragen zu beantworten. Die meiste Aufmerksamkeit erregen die Überreste eines Pterosaurus, eines Flugreptils, dessen älteste Spuren in der Antarktis auf die Kreidezeit zurückgehen. „Das sind Angelegenheiten, die unser aller Leben beeinflussen“, sagt Kuratorin Julyana Sayão. Dass etwa die Tage in Rio de Janeiro mal wärmer, mal kühler sind, das liegt an den Strömungen, die im Sommer Brasilien erreichen: Sie kommen aus der antarktischen See.

Die Ausstellung: Ein fünf Meter langes Reptil hängt von der Decke.

Julyana Sayão und Alexander Kellner haben das Projekt zusammen koordiniert. Für ihn ist es wichtig zu zeigen: „Wir arbeiten, das „Museu Nacional‘ lebt.“ Anders dagegen sieht er seine eigene Karriere. „Ganz offen gesagt, ich habe alles verloren. Ich habe meinen Namen verloren, der Wissenschaftler, der ich war, der existiert nicht mehr.“ Jetzt sei er der Direktor des Museums, das abgebrannt ist, sagt Kellner, der auch die brasilianische Staatsbürgerschaft hat und schon 20 Jahre am Nationalmuseum gearbeitet hatte, bevor er im vergangenen Jahr dessen Direktor wurde. Er ist einer der berühmtesten Flugsaurierforscher Brasiliens; Ende 2017, als er in China 200 versteinerte Flugsauerier-Eier fand, erlangte er auch international Bekanntheit. „Ich kann sagen, was ich will, das ist so“. Und weil er eh nichts mehr zu verlieren habe, mache er eben weiter und tue, was er kann.

So steht das „Museu Nacional“ nicht nur für die Frage, wie Brasilien, das „Land der Zukunft“, wie es Stefan Zweig einst nannte, eine Zukunft haben soll, wenn es die eigene Vergangenheit nicht ehrt. Sondern es zeigt auch die Eigenschaft, dass Brasilianer nie aufgeben, dass sie immer wieder aufstehen, um weiterzumachen. So wie die Gruppe um den Deutsch-Österreicher Alexander Kellner, die daran arbeitet, das Nationalmuseum wieder aufzubauen.

Nachdem dies Voraussagen zufolge bis zu zehn Jahre dauern kann, hat das Museum mit dem „Centro Cultural Museu Casa da Moeda do Brasil“ eine Art Übergangsheim bezogen. Das Palais beherbergte bereits die erste wissenschaftliche Institution Brasiliens, die „Casa de História Natural“. Und es war just dieses Gebäude, in dem der portugiesische und brasilianische König Dom Joao VI. im Jahre 1818 das erste Museum des Landes gründete: das „Museu Real“, den Vorgänger des „Museu Nacional“. Auf gewisse Weise kehrt das Nationalmuseum nach Hause zurück – zumindest für ein paar Jahre.

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