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Renaturierung heißt nicht, die Natur sich selbst zu überlassen: Teilnehmerin eines Naturschutzprojektes auf einem Feuersteinfeld bei Prora.

„Nationales Naturerbe“ in Prora

Wo früher Panzer fuhren, leben heute Ziegen

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Um die Artenvielfalt zu bewahren, werden ehemals staatseigene Flächen wie Militär- und Tagebaugebiete an Stiftungen und Naturschutzverbände übergeben.

Der Baumwipfel-Pfad in Prora ist über einen Kilometer lang. Eine Erfahrung, die man sich gönnen sollte. Der Aufstieg beginnt am Naturschutz-Infozentrum, und man gelangt rasch hinauf zu den Baumkronen eines ausgedehnten Buchenwaldes, der sich, je nach Jahreszeit, immer neu präsentiert. Mal kahl, mal lindgrün, mal sattgrün, mal bunt. Unterwegs auf dem Steg kommt man an 17 Informations- und Erlebnisstationen vorbei. Man erfährt dort etwas über die landschaftlichen Besonderheiten der Insel Rügen und die angrenzenden Ökosysteme, den Wald, das Offenland und die Feuchtgebiete, die alle hier zu finden sind. Highlight der Anlage aber ist die Aussichtsplattform „Adlerhorst“. Ganz oben – in 82 Metern Höhe – hat man einen grandiosen Blick über den Nordteil der Insel und die Ostseelagune, genannt Kleiner Jasmunder Bodden. Der gewendelte Steig des Horstes umschließt eine riesige Buche, die von oben wirkt wie ein Gartenpflänzchen aus dem Baumarkt. Eine wirklich neue Perspektive.

Die spektakuläre Anlage befindet sich in dem Ortsteil von Binz an der Ostsee, der durch den „Koloss von Rügen“ bekannt ist – jenes monströse Proraer Bauwerk, das die Nazis als Seebad für 20 000 Kraft-durch Freude-Urlauber geplant hatten. In dem 4,5 Kilometer langen Gebäuderiegel sind nach jahrzehntelangem Verfall und Leerstand inzwischen moderne Wohnungen entstanden. Doch Prora ist heute auch eine ganz besondere Attraktion des Naturschutzes. Hier gibt es ein 1900 Hektar großes Schutzgebiet, das Dünen-, Wald- und Feuchtgebiete umfasst – und 2013 wurde hier auch das „Naturerbe-Zentrum“ der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) im alten Proraer Forsthaus eingeweiht, von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) höchstpersönlich.

Hoch hinaus: Der Aussichtsturm des Baumwipfelpfads bei Prora.

Das Zentrum in Prora mit seinem Adlerhorst ist quasi der Leuchttum eines Megaprojekts des Naturschutzes in Deutschland: des „Nationalen Naturerbes“. Der Bund verfolgt damit die Strategie, nicht mehr genutzte Flächen aus seinem Besitz für den Naturschutz bereitzustellen, statt sie für andere Nutzungen meistbietend zu verkaufen. Die Liegenschaften wurden – und werden – kostenlos an die Bundesländer, Stiftungen wie die DBU oder Naturschutzorganisationen wie Nabu und BUND abgegeben, allerdings unter der Bedingung, dass sie dafür Konzepte zur Förderung der Biodiversität entwickeln und dort umsetzen. Insgesamt sollen dem Naturerbe auf diesem Weg am Ende rund 190 000 Hektar – also 1900 Quadratkilometer – zugeschlagen werden. Das entspricht immerhin mehr als der doppelten Fläche des Landes Berlin.

Zumeist handelt es sich um frühere Truppenübungsplätze und andere Militärflächen in den neuen Bundesländern, die nach der deutschen Einheit aufgeben wurden – darunter auch die früheren Sperrzonen entlang der innerdeutschen Grenze, die heute als „Grünes Band“ bekannt sind. Zudem geht es um Treuhand-Flächen aus dem frühen DDR-Volksvermögen sowie stillgelegte und renaturierte Braunkohle-Tagebaue in der Lausitz und im mitteldeutschen Revier. Allerdings sind inzwischen auch eine Reihe Gebiete im Westen der Republik hinzugekommen, teils ebenfalls Ex-Militärflächen. Die Idee, ein „Nationales Naturerbe“ einzurichten und das Land vor der Privatisierung zu retten, war von Naturschützern aus Ost und West nach der Wende entwickelt worden. 1998 schaffte sie es dann in den Koalitionsvertrag der ersten rot-grünen Bundesregierung. Konkret ging es damit allerdings erst mit einem entsprechenden Beschluss der ersten Merkel-Groko 2005 los. Danach wechselte die erste und größte Tranche der Gebiete den Besitzer.

Der Löwenanteil der Flächen des Naturerbes wird von einer gemeinnützigen Tochter der bundeseigenen DBU, der „DBU Naturerbe GmbH“, verwaltet, die in Osnabrück ihren Sitz hat. Als die erste Tranche vor nun fast 15 Jahren übertragen wurde, erkannte der Leiter des Projekts, DBU-Vize-Generalsekretär Professor Werner Wahmhoff, sofort: „Das ist eine einmalige Chance für den heimischen Naturschutz und insbesondere die Entwicklung neuer Wildnisgebiete.“

Sumpfig und selten: Erlenbruchwälder sind wertvolle Lebensräume – etwa für den Moorfrosch.

Auf einen Schlag kamen mit den 100 400 Hektar in Deutschland eine Fläche zur Sicherung der Artenvielfalt hinzu, die dem Gebiet von fünf der 16 hiesigen Nationalparks entspricht. Von dieser ersten Tranche übernahm die DBU-Tochter knapp die Hälfte, nämlich 46 000 Hektar. Das Besondere am Nationalen Naturerbe ist, dass große unzerschnittene Gebiete in der ansonsten dichtbesiedelten Bundesrepublik erhalten werden konnten. So erstrecken sich 25 der Naturerbe-Gebiete jeweils über eine Fläche von über 1000 Hektar, was gut 1400 Fußballfeldern entspricht. Heute betreut die DBU-Naturerbe GmbH bundesweit 71 Flächen mit insgesamt 70 400 Hektar – zwischen den Cuxhavener Küstenheiden in Niedersachsen bis zum Wiesen- und Waldgelände „Andernachhof“ am Lech in Bayern.

Auch das Proraer Naturschutzgebiet war früher zu einem großen Teil militärisch genutzt worden. Während der DDR-Zeit hatte die NVA das Gelände mit ihren Panzern durchgepflügt. Es klingt unglaublich, ist aber wahr: Trotz der teilweise intensiven Nutzung konnte sich dort wie auf den anderen Militärzonen ein einzigartiger Naturraum entwickeln – als Refugium für viele gefährdete oder seltene Tier und Pflanzenarten. Der Grund: Panzer, Granaten und immer wieder auftretende Flächenbrände schufen halboffene Strukturen, die ideal für Arten wie Neuntöter, Braunkehlchen, Heidelerche und viele andere mit einem Rote-Liste-Status sind. Auf anderen Flächen fühlen sich Wolf, Wanderfalke, Uhu, Wildkatze und Luchs zu Hause.

Und da die Areale in aller Regel nicht gedüngt wurden, entwickelten sie sich auch zu idealen Standorten für Spezialisten unter den Pflanzen, die magere Böden brauchen – Bedingungen, die es sonst in den mitteleuropäischen Landschaften und vor allem auf agrarisch genutzten Böden nicht mehr gibt. Man findet hier seltene Arten wie die Dachziegelige Siegwurz, das Glanzkraut, die Natternzunge und Ruthes Knabenkraut, eine Orchideenart, die nur noch auf der Insel Usedom vorkommt.

Die Vorstellung indes, die Flächen würden komplett sich selbst überlassen, damit sich dort der „Naturzustand“ einstellt, ist falsch. Die DBU geht differenziert an die Sache heran. Sie fährt eine Dreifachstrategie. Waldflächen zum Beispiel, die vielfach die früheren Militärgelände umgeben, werden sich selbst überlassen, wenn es naturnahe Laubmischwälder sind. Es soll sich dort „neue Wildnis“ entwickeln. Artenarme Nadelholzforste hingegen, wie sie vielerorts nach dem Zweiten Weltkrieg gepflanzt wurden, lässt die DBU erst Zug um Zug entsprechend „umbauen“, um sie danach ebenfalls der natürlichen Entwicklung zu überlassen.

Klein, aber fein: Die Borkumer Dünen in Niedersachsen sind mit 44 Hektar das kleinste der geschützten Gebiete.

Das bisherige Offenland wiederum wird auch weiterhin offen gehalten, um die dort erst durch den menschlichen Eingriff entstandene hohe Artenvielfalt zu erhalten. Allerdings nutzt die DBU dafür natürlich nicht mehr Panzer und Granaten. Sie setzt auf „extensive Beweidung“, wie Wahmhoff erklärt. Herden von Schafen, Ziegen, Pferden oder Rindern sorgen dafür, dass die Heiden und andere Pionier-Lebensräume nicht zuwachsen.

Wahmhoff, der nun nach fast 15 Jahren als Naturerbe-Pionier in den Ruhestand geht, zieht eine positive Bilanz: „Wir haben es geschafft, Rückzugsräume zu schaffen gerade für Arten, die in Deutschland auf der Roten Liste stehen. Das ist eine gute Basis, um die weitere Erosion der Artenvielfalt zu bremsen.“ Die Naturerbe-Gebiete seien „Hotspots der Biodiversität“, von denen aus die Wiederbesiedlung anderer Flächen mit den bedrohten Arten starten könne. Allerdings müsse der Weg fortgesetzt werden.

Wahmhoff kann zwar verstehen, dass es auch Widerstände gegen die Umwidmung weiterer Flächen an den Naturschutz gibt. Aktuell steht die Übergabe der vierten und wohl vorerst letzten Naturerbe-Tranche an, es geht um weitere rund 30 000 Hektar. Kritik kommt zum Beispiel aus der Bauernschaft, die zunehmend unter Flächenknappheit leidet, weil jeden Tag bundesweit täglich immer noch mehr als 60 Hektar teils bester Böden unter neuen Siedlungen und Straßen verschwinden. Tatsächlich ist der Anteil von bisher landwirtschaftlich genutzten Böden bei der vierten Tranche höher als bei den ersten drei, und hier wird die Nutzung künftig zwar nicht verboten, aber eingeschränkt sein.

Angriffe wie die aus der Bundes-FDP, die die Ausweitung des Nationalen Naturerbes als „ideologische motivierte Strukturpolitik“ attackiert und prognostiziert, auf den Flächen würden „gewachsene Werte durch verwildernden Naturschutz ausgerottet“, weist Wahmhoff jedoch strikt zurück. „Das Naturerbe ist eine ökologische Erfolgsgeschichte, die den Reichtum fördert – den der Umwelt.“

Naturerbe

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) ist eine bundeseigene Stiftung, deren Stiftungskapital von 1,3 Milliarden Euro aus der Privatisierung der Salzgitter AG stammt.

Seit 2005 hat der Bund laut Landwirtschaftsministerium rund 123 000 Hektar „naturschutzfachlich bedeutsame Flächen“ als Nationales Naturerbe ausgewiesen und kostenlos an die Bundesländer, die DBU oder Naturschutzverbände übertragen. Dabei handelt es sich vor allem um alte Militärflächen, das „Grüne Band“ entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze sowie renaturierte Bergbaulandschaften. Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD verabredet, weitere gut 30 000 Hektar dem Naturerbe zuzuschlagen – der Großteil aus früherem DDR-Besitz.

Die Bundesregierung fördert zudem den Aufkauf von Flächen zu Naturschutzzwecken. Über das 1979 aufgelegte Programm „chance.natur – Bundesförderung Naturschutz“ wurden 80 Naturschutz-Großprojekte (Gesamtfläche 370 000 Hektar) unterstützt – mit insgesamt 500 Millionen Euro, davon 350 Millionen Euro für den Grunderwerb. Projektträger sind meist Kommunen oder Naturschutzorganisationen. Die Flächen werden „naturschutzgerecht bewirtschaftet“ oder einer „eigendynamischen Entwicklung“ überlassen.

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