1. Startseite
  2. Panorama

Die nächste Häutung

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Huffington Post-Gründerin Arianna Huffington.
Huffington Post-Gründerin Arianna Huffington. © AFP

Arianna Huffington, erfolgreiche Online-Chefredakteurin, erfindet sich wieder einmal neu und ist bei AOL für alle inhaltlichen Angebote zuständig.

Von Dietmar Ostermann

Kürzlich hat Arianna Huffington das Geschäft ihres Lebens gemacht. Für 315 Millionen Dollar kaufte der Internetkonzern AOL Anfang Februar die „Huffington Post“ – jene Wundertüte aus Nachrichten, Blogs und Klatsch, die mit 9000 Autoren und 25 Millionen Besuchern im Monat zu den erfolgreichsten Onlinemedien der USA zählt. Rund 100 Millionen Dollar soll Huffington selbst erhalten haben. Sechs Jahre zuvor hatten viele in der Branche noch gelächelt, als die gebürtige Griechin mit den Medienunternehmern Kenneth Lerer und Jonah Peretti die Huffington Post ins Leben rief. Jetzt ist die 60-Jährige ganz oben. Wo andere im Netz nach Wegen suchen, mit bezahltem Inhalt Geld zu verdienen, hat Arianna Huffington mit der meist kostenlosen Arbeit ihrer Autoren ein Vermögen gemacht.

Doch nicht jeder bei der „HuffPost“ mag sich mit der Gründerin freuen. Seit dem Verkauf an AOL hagelt es zornige Zuschriften, kündigen Autoren ihren Abschied an, werden Boykottaufrufe verfasst. „Es steht Arianna nicht zu, die Huffington Post zu verkaufen“, heißt es in einem der Brandbriefe: „Sie gehört uns – den linken Autoren und Lesern, den Umweltaktivisten, die die Seite jeden Monat mit Millionen Besuchen fluten.“ Tatsächlich hatte Arianna Huffington mit ihrer Internetzeitung ab 2005 der mutlosen US-Linken in den Bush-Jahren wieder ein Forum und eine Stimme gegeben. Dafür hat das liberale Amerika sie ins Herz geschlossen und verehrt – nun fühlen sich nicht wenige verraten und verkauft. Die Wut hat auch materielle Gründe.

Solange Arianna Huffington von der progressiven Netz-Community vor allem als politische Aktivistin wahrgenommen wurde, stellten sich viele Autoren uneigennützig in den Dienst der guten Sache. Nun ahnen sie, dass die Huffington Post auch ein cleveres Geschäftsmodell ist, von dem vor allem eine Seite profitiert. Die Los Angeles Times verglich die meist honorarfreien Autoren mit Rudersklaven auf einer Galeere. „Hey Arianna, hast du einen Groschen übrig?“ – so lautet der Name einer Facebook-Gruppe, in der sich enttäuschte Mitarbeiter jetzt Luft machen.

Leben voller Brüche

Arianna Huffington wiederum fühlt sich in ihrer neuen Rolle offenkundig wohl. Sie ist jetzt bei AOL für alle inhaltlichen Angebote zuständig, nicht nur für die Huffington Post. Mit der Erfolgspostille als Flaggschiff soll sie für den seit Jahren glücklosen Internetkonzern eine Zukunftsstrategie basteln. Blogger und „Bürgerjournalisten“, die kostenlos Inhalte liefern, sollen auch dabei das Rückgrat bilden. Aus ihrer Sicht sind Angebote wie die Huffington Post eine Dienstleistung für all jene, die sich einem möglichst großen Publikum mitteilen wollen. Wer bei ihr schreibt, erreicht seine Leser. Das muss reichen. Auch linken Kritikern rechnete Huffington recht kühl vor, die politische Berichterstattung generiere bei der „HuffPost“ nur rund 15 Prozent der Besuche. Es klang fast so, als könnten sich Amerikas Liberale künftig gern auch einen anderen Tummelplatz suchen. Huffington nennt die von ihr gegründete Internetzeitung jetzt „centerist“, also gemäßigt mittig, und betont, im Grunde sei sie schon immer „jenseits von links und rechts“ gewesen. Das ist nicht einmal falsch. Der am meisten geklickte Blog-Beitrag befasste sich jüngst mit der Garderobe bei der bevorstehenden Prinzenhochzeit in London.

Dass Arianna Huffington ihren eigenen Weg geht und sich gelegentlich eben auch neu erfindet, kann ernstlich niemanden überraschen. Sie hat das schon oft getan. Ihr Leben steckt voller Brüche. Mit 16 verließ sie ihre griechische Heimat, um in Cambridge zu studieren. Nach einer gescheiterten Beziehung zog sie Anfang der 80er Jahre weiter nach New York. Eine noch unter ihrem Mädchennamen Arianna Stassinopoulos verfasste Bestseller-Biografie über die Opernsängerin Maria Callas öffnete ihr dort die Türen zu den Salons an der Upper East Side. Hier bemühte sich die junge Frau mit dem bis heute krachenden hellenischen Akzent um die Gunst der Gesellschaft, bis sie jeden kannte und jeder sie.

Weit gefächertes Netzwerk

Im Laufe der Jahre wurde daraus ein schier unerschöpfliches Reservoir hochkarätiger Bekanntschaften. Als ein Reporter sie neulich in ihrem Büro besuchte, lagen neben einem Foto mit Königin Rania von Jordanien die Weihnachtsgrüße von US-Vizepräsident Joe Biden und Britanniens Ex-Premier Tony Blair. Ohne das weit gefächerte Netzwerk der „Friends of Arianna“ ist auch der Erfolg der Huffington Post kaum zu verstehen. Dass sie ab 2005 prominente Freunde wie die Schauspieler Alec Baldwin oder John Cusack als Autoren gewinnen konnte, war ein genialer Coup, der Aufmerksamkeit garantierte.

Auch politisch durchlief sie mehrere Häutungen. Nach der Hochzeit mit dem Ölmillionär und republikanischen Abgeordneten Michael Huffington 1986 machte sie sich als konservative Kommentatorin einen Namen und stand nach eigenem Bekunden „ziemlich rechts“. Nach der Scheidung 1997 wechselte sie das politische Banner. 2003 trat Arianna Huffington bei der kalifornischen Gouverneurswahl als unabhängige, aber eher linke Kandidatin an. Damals waren es die Konservativen, die ihr Verrat vorwarfen.

Auch interessant

Kommentare