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Nadja Auermann muss 90.000 Euro Strafe zahlen

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Nadja Auermann wurde vom Berliner Amtsgericht zu einer Geldstrafe verurteilt.
Nadja Auermann wurde vom Berliner Amtsgericht zu einer Geldstrafe verurteilt. © dapd

Das ehemalige Top-Model Nadja Auermann wird wegen Steuerhinterziehung vom Berliner Amtsgericht Tiergarten zu 90.000 Euro Geldstrafe verurteilt. Auermanns Anwalt kündigt die Anfechtung des Urteils an.

Von Julia Haak

Ein bisschen bleich wirkt sie, distanziert, gefasst, ein wenig unterkühlt – also so wie immer. Nadja Auermann, die durchscheinende Schöne, sieht ihren eigenen Fotos noch im Gerichtssaal ähnlich. Der gleiche Gesichtsausdruck. Seit Dienstag ist sie allerdings eine verurteilte Steuersünderin und da hatte man schon ein paar Emotionen erwartet. Aber nichts regt sich. Das ehemalige Top-Model muss wegen Steuerhinterziehung eine Geldstrafe von 90?000 Euro zahlen. Das Amtsgericht in Berlin-Tiergarten sieht es als erwiesen an, dass sie zwischen 1999 und dem Jahr 2002 in Deutschland wohnte, aber dort keine Steuern zahlte. „Ich bin natürlich nicht zufrieden“, kommentiert sie das Urteil.

40 Jahre ist Nadja Auermann alt. Es ist schon ein paar Tage her, dass Karl Lagerfeld sie als neue Claudia Schiffer groß machte. Trotziger Engel, ozeanblaue Augen, ewig lange Beine – kein Vergleich war 1994 zu kitschig, um das junge Mädchen zu beschreiben, das spektakulär nackt, nur mit Strümpfen und Panthermaske bekleidet in Paris auf einen Tisch sprang, und sich so einen Namen in der Mode- und Medienwelt machte.

Vergleichsweise kleinteilig und wenig glamourös ging es dagegen in diesem Prozess zu. Ein gewaltiger Aufwand wurde betrieben, um Nadja Auermann nachzuweisen, dass sie in Deutschland zur besagten Zeit steuerpflichtig war. Der Prozess begann vor sieben Monaten, am 19. Mai. Zahlreiche Zeugen wurden gehört. Fünf Jahre lang hatten Behördenmitarbeiter zuvor in penibler Kleinarbeit ermittelt. Es ging um die Frage, wo Nadja Auermann von 1999 bis 2002 lebte, nur in Monaco oder doch auch in einer alten Villa am Dämeritzsee im  Berliner Bezirk Köpenick, die sie 1998  kaufte. Nur als Finanzanlage, wie sie behauptete, oder doch auch zum Wohnen, wie die Staatsanwaltschaft unterstellte. Denn dann wäre sie in Deutschland steuerpflichtig gewesen. 272?000 Euro sollen dem deutschen Staat auf diese Weise entgangen sein.

Für das Gericht ist die Sache klar. „Wir sind überzeugt, dass Frau Auermann selbst in dem Haus gewohnt hat“, sagt der Vorsitzende Richter. In seiner Urteilsbegründung führt er an, dass Auermann die Villa wohl anfangs als Mehrgenerationenhaus habe ausbauen wollen. Ihre Mutter habe miteinziehen sollen. Erst später sei die Idee aufgekommen, das Gebäude in ein Anlageobjekt zu verwandeln, wie Auermann im Verfahren argumentiert hatte.

Nadja Auermann folgt den Ausführungen des Richters mit ausdrucksloser Miene. Sie hört, woran er seine Überzeugung festmacht. An Möbeln, Teppichen, Bildern, verlausten Grünpflanzen, an Kleidung, Windeln, Geschirr, die die Familie im Haus hatte. Der Richter kann sich nicht vorstellen, dass eine liebevolle Mutter von damals zwei kleinen Kindern diese allein nur beim Vater in dem Köpenicker Haus lässt, selbst aber lieber woanders übernachtet, wenn sie in Berlin ist. Er führt ein Foto an, auf dem rote Rosen zu sehen sind, zur Begrüßung im Haus nach der Geburt des Kindes. „Da kommt die junge Mutter nach Hause“, sagt der Richter.

Es ging in diesem Verfahren um Geld, und auch um noch mehr. Es ging ums Prinzip und darum, dass die Erfolgreichen nicht mit ihren Tricks durchkommen. Schon die reine Steuerflucht, die Verlagerung des Wohnsitzes ins Ausland zur Steuervermeidung, mag uns unmoralisch vorkommen. Ist sie nur vergetäuscht, ist das kriminell. 25 Wohnungen wurden in diesem Verfahren durchsucht, Einkaufsquittungen, Kreditkartenabrechnungen, Flugtickets beschlagnahmt. Die Ermittler erstellten ein Bewegungsprofil des ehemaligen Supermodels. Sie machten sie zu einer gläsernen Frau. Die Finanzbeamten wussten, was sie im Berliner Kaufhaus KaDeWe einkaufte, wann sie in Köpenick beim Arzt war und was der ihr verschrieb. Im Prozess hielt man sich scheinbar an Banalitäten auf. Es ging darum, ob eine Lichterkette am Baum vor dem Haus belegt, dass die Familie dort Weihnachten gefeiert hat und ob die Katze sich tatsächlich selbst versorgte. Aber man beschäftigte sich auch mit der Frage, warum Auermann das Haus über eine komplizierte Firmenkonstruktion erwarb. „Ich halte sie für eine ausgeschlafene Geschäftsfrau“, sagt der Richter in seiner Urteilsbegründung.

Freispruch für den Ehemann

Nadja Auermann reagierte im Verfahren zuweilen ungeduldig. Sie beklagte sich über Unterstellungen, die nicht bewiesen seien. Ihr Anwalt schimpfte, dass Zeugen belastende Aussagen quasi in den Mund gelegt würden. Das ehemalige Top-Model muss vor Gericht gelitten haben. Sie weinte,  als es darum ging, wie massiv die Ermittler in ihr Leben eingegriffen haben, wie sie Tagebücher, Fotos der Kinder, eine Videoaufnahme der mittlerweile gestorbenen Mutter Auermanns mitnahmen.

Dabei hat sie durchaus Erfahrung mit Eingriffen in die Persönlichkeitsrechte. Schließlich gibt es für sie keine Privatsphäre mehr, seit sie sich anschickte, Claudia Schiffers Nachfolgerin zu werden. Im Gerichtssaal kommt ihr das zugute. Scheinbar unerschüttert kassiert sie nicht nur das Urteil. Sie nimmt auch zur Kenntnis, dass ihr ehemaliger Ehemann, der Schauspieler Wolfram Grandezka, freigesprochen wird. Er war mitangeklagt, aber das Gericht sieht ihn in der schwächeren Position. Es sei ihm nicht zuzumuten gewesen, seine Ehefrau zu verklagen oder bei den Steuerbehörden anzuzeigen, weil sie keine Steuererklärung abgeben hatte.

Nach der Verkündung überlässt es Nadja Auermann ihrem Anwalt, das Urteil zu kritisieren. Dieser hält die Beweiswürdigung für fehlerhaft, Zeugen seien missverstanden worden. Revision oder Berufung – Auermann werde sich gegen das Urteil zur Wehr setzen. Dann bahnt sich das ehemalige Top-Model seinen Weg durch die Schar der Fotografen und Kamerateams. Fast wie früher.

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