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Die nackte Rache

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Von: Willi Germund

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Mit dem Handy kann man gut Rache üben - denken sich viele Australier.
Mit dem Handy kann man gut Rache üben - denken sich viele Australier. © imago

In keinem Land der Welt neigen Internet-Nutzer so sehr zu Rachefeldzügen durch die Verbreitung intimer Fotos wie in Australien.

In keinem Land der Welt neigen Internet-Nutzer so sehr zu Rachefeldzügen per Verbreitung peinlicher Fotos ohne Einverständnis wie in Australien. Jeder Fünfte sah sich „Down Under“ bereits damit konfrontiert.

Laut einer Untersuchung der RMIT-Universität in Melbourne wurde sogar jede zweite behinderte Person des Landes Opfer dieser Form von Missbrauch. Eingeborene des Landes sind ebenso besonders betroffen wie weibliche Australierinnen. „Das Problem greift viel weiter, als der allgemein verbreitete Begriff ‚Rache-Porno‘ suggeriert“, heißt es in dem Bericht aus 2016, „oft handelt es sich um unerlaubte Veröffentlichungen von Bildern, die ohne Einverständnis und Wissen der Betroffenen gemacht und verbreitet wurden.“

Australiens Regierung zieht nun die Konsequenzen aus der nationalen Plage. Gegenwärtig läuft die Pilotphase für eine nationale Plattform zur Bekämpfung des Missbrauchs unter der Webseite www.esafety.gov.au. Kommunikationsminister Mitch Fifield verkündete vollmundig, die Plattform sei weltweit der erste Versuch, dem Problem Herr zu werden. Dem Politiker gingen mit seinem Eigenlob etwas die Pferde durch.

Denn in Kalifornien existiert bereits seit Jahren ein ähnlicher Dienst, der Opfer sogar spezielle Methoden an die Hand gibt, die Übeltäter aufzuspüren. Außerdem mühen sich Internet-Riesen wie Google, Facebook, Yahoo oder Apple die weltweite Plage zu bremsen – zum Ärger vieler Opfer mit mäßigem Erfolg. Die Plattform, für die die australische Regierung rund 3,2 Millionen Euro bereitstellte, dient in erster Linie als Anlaufstelle für Opfer. Die Täter stoppt sie nicht. „Wir benötigen einen anderen Umgang der Gesellschaft mit dem Problem“, bilanziert deshalb die RIMT Universität in ihrem Bericht „Not just ‚Revenge Pornography‘: Australians Experiences of image-based Abuse“, „schon der Begriff tut den Opfern Unrecht.“

Kaum strafrechtliche Verfolgung

Laut der Untersuchung sind heimliche Aufnahmen unter die Röcke von Frauen oder in den Ausschnitt ebenso verbreitet wie heimliche Aufnahmen von intimen Momenten aus vermeintlich romantischen Zeiten. Junge Frauen, so erfuhren die Wissenschaftler, rücken weitaus zögerlicher eigene Nacktfotos heraus als junge Männer. Sie gehören folgerichtig in Australien auch immer häufiger zu den Opfern. Die psychologischen Konsequenzen sind gleichsam übel für alle Betroffenen.

„Das Problem des Missbrauchs mit unerlaubt verbreiteten Bildern ist so rasant gewachsen, dass der Gesetzgeber kaum nachkommt“, stellen die Autoren der Studie fest. Obwohl Australien mittlerweile vor einem landesweiten, weit verbreiteten Problem steht, brauchen Übeltäter in drei der zehn Territorien und in sechs Bundesstaaten bislang keine strafrechtliche Verfolgung zu fürchten.

Minister Fifield klingt dennoch entschlossen: „Mit unserer Plattform zeigen wir, wie ernst das Problem von der Regierung genommen wird.“ Opfer wiederum, die auf tätige Hilfe hoffen, erhalten in ihrer Scham und Wut erst einmal eine kalte Dusche. „Bevor sie Bilder schnell löschen“, mahnt die Webseite und gibt einen Leitfaden für andere Schritte vor, „stellen sie sicher, dass sie Material für eine Strafverfolgung sichern.“

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