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Nacht der Entscheidung

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Nicht nur Deutschland will beim ESC punkten - ein Blick auf die Konkurrenz.

Nur mit Akustikgitarre steht Michael Schulte auf der kleinen Bühne im Garten des Goethe-Instituts in Lissabon. Vogelgezwitscher mischt sich dezent in die Unplugged-Version von „You Let Me Walk Alone“, dem Song, auf dem alle deutschen Hoffnungen beim Eurovision Song Contest (ESC) ruhen, nach blamablen Jahren mit einem Quasi-Abonnement auf letzte und vorletzte Plätze. In dieser auf das Wesentliche reduzierten Variante bleibt Schultes Lied aber den Gästen beim Empfang des deutsche Botschafters Christof Weil vorbehalten. 

Für die große Bühne, das ESC-Finale am Samstag in Lissabon, haben die Produzenten „You Let Me Walk Alone“ mit Keyboards aufgeblasen und auf „gefühlig“ getrimmt. Die auf der Videowand eingeblendeten Textzeilen suggerieren dem Zuschauer, dass er oder sie doch jetzt bitteschön ergriffen sein sollte. Der 28-Jährige, der seinen immensen Ehrgeiz durch lässige Bühnenpräsenz überspielt, verweigert sich diesem Emotionsmarketing nicht. Er hat „You Let Me Walk Alone“ wieder und wieder als „Song seines Lebens“ bezeichnet, es geht um den Tod seines Vaters (siehe Interview rechts). Schulte singt am Samstagabend mit der Startnummer 11. Hier ein Blick auf weitere aussichtsreiche und auffällige Mitbewerber. 

Estland: Elina Nechayeva

„La Forza“ (Startnummer 6). Ein Jahr nach dem Sensationssieg von Salvador Sobral beherzigt Estland ein Erfolgsrezept des Portugiesen: Auf eine starke Stimme kommt es an. Sopranistin Elina Nechayeva könnte nicht nur sämtliche anderen Finalisten an die Wand singen, sondern womöglich sogar Gläser zerspringen lassen wie Bianca Castafiore in den „Tim & Struppi“-Comics. Ein sicherer Jury-Favorit – ob auch die Fernsehzuschauer Nechayevas Arie in der Opernweltsprache Italienisch goutieren, ist nicht gewiss. 

Isael: Netta

„Toy“ (22). Die Buchmacher notieren den israelischen Beitrag als Favoriten und Netta wurde bei Google öfter gesucht als alle anderen Teilnehmer. Man stelle sich also Björk vor, die sich auf Beth-Ditto-Format hochgefuttert hat und eine Doppeldutt trägt. Der Song „Toy“ klingt zu gleichen Teilen tanzbar, futuristisch und schrill, im Hintergrund blinken Winkekatzen aus dem Asia-Plunderland. Das gusseiserne Selbstbewusstsein der israelischen Delegation (als sei der Sieg nur Formsache) hat Netta allerdings einige Sympathien gekostet.

Moldau: Doredos

„My Lucky Day“ (19). Die kleine ehemalige Sowjetrepublik überzeugt mit swingendem Bigband-Arrangement und kalkuliertem Retro-Charme. Vier Herren mit Anzug und Fliege und zwei Damen im gelben Petticoat agieren vor, unter und hinter einer Kulissenwand mit vielen Türen und Fenstern. Die turbulente Doppelgänger-Choreografie funktioniert ziemlich gut, „My Lucky Day“ hätten Doredos so oder so ähnlich auch bei „Musik ist Trumpf“ mit Peter Frankenfeld aufführen können. 

Frankreich: Madame Monsieur

„Mercy“ (13). Émilie Satt und Jean-Karl Lucas sind auch privat ein Paar, und bringen den stärksten ESC-Beitrag der Franzosen seit langem auf die Bühne. Das titelgebende Mädchen „Mercy“ kommt auf einem Flüchtlingsboot im Mittelmeer zur Welt. Ein schweres Thema, als luftig verpackter Electro-Chanson. Das hat Chancen für einen der vorderen Plätze. Fremdenfeinde, die bei diesem Stück Schnappatmung bekommen, schalten beim ESC ohnehin ab.

Schweden: Benjamin Ingrosso

„Dance You Off“ (20). Für den siebten schwedischen ESC-Erfolg ist die Musik eigentlich zu läppisch: Gefälliger Soul-Pop, als würde Bruno Mars eine zu Recht vergessene B-Seite von Michael Jackson covern. Vielleicht hilft ja die spektakuläre Visualisierung mit den Leuchtstäben, inspiriert von Mans Zelmelöws charmantem Strichmännchen-Cartoon 2015 in Wien. Der Gesamteindruck: beinahe virtuell, mehr Computeranimation als Liveauftritt. 

Zypern: Elena Foureira

„Fuego“ (25). Vom Winde (der Windmaschine) verwehte lange Haare, und ein eng anliegender Glitzerfummel. Elena Foureiras Choreografie und ihr Outfit lassen die Herzen all jener ESC-Fans höherschlagen, die im Wettbewerb den eingängigen Pop-Trash aus Südosteuropa schätzen. Wer es nicht so gut meint mit Zypern, erkennt in dem Auftritt ein Shakira-Double und eine „Hips don’t lie“-Animation hart an der Grenze zum Bauchtanz.

Norwegen: Alexander Rybak

„That’s How You Write a Song“ (7). Neun Jahre nach dem Triumph mit „Fairytale“ will es der norwegische Stehgeiger Alexander Rybak nochmal wissen. Er fiedelt diesmal wenig und tanzt viel, „That’s How You Write a Song“ ist eine Uptempo-Nummer mit Ohrwurmqualitäten. Die Wandlung vom Milchbubi zum skandinavischen Justin 
Timberlake könnte Rybak den zweiten ESC-Sieg einbringen – das gelang vor ihm nur dem Iren Johnny Logan (1980 und 1987). 

Ungarn: AWS

„Viszlat Nyar“ (21). Die ungarische Hardcore-Band sorgt für den größten Energieüberschuss beim Song Contest seit dem Auftritt der finnischen Maskenmonster von Lordi vor zwölf Jahren. Der Song „Viszlat Nyar“ erinnert an die düsteren Grunge-Gewitter von Nirvana oder Pearl Jam, trotz des für dieses Genre komplett ungeeigneten Halbplaybacks. Der Auftritt hat auch eine politische Komponente: Wer Ungarns autokratischen Regierungschef Viktor Orban ärgern will, sollte dafür sorgen, dass die tolerante und weltoffene ESC-Karawane 2019 nach Budapest weiterzieht. 

Tschechien: Mikolas Josef

„Lie to Me“ (15). „Lie to Me“ ist im Wettbewerb der am ehesten clubtaugliche Song, geschmeidiger Rap und obendrauf fulminante Blaser-Samples. Mikolas Josef (Hochwasserhosen, Hosenträger, Nerd-Brille und roter Rucksack) präsentiert das Stück mit einer ausgefeilten Choreografie, Arschwackeln inklusive. Der 22-Jährige hat als Model und als Straßenmusiker gearbeitet, beim ESC vereint er das Beste aus beiden Welten. 

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