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Rüdiger Nehberg starb in Alter von 84 Jahren.

Nachruf

Rüdiger Nehberg: Der Held meiner Jugend ist tot

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Rüdiger Nehberg ist tot. Erinnerungen an einen, der immer ein Grenzgänger war.

Als ich ein kleiner (und nicht mehr ganz so kleiner) Junge war, habe ich die Bücher von Rüdiger Nehberg verschlungen. In Gedanken war ich mit ihm im Boot auf dem Blauen Nil und auf dem Tretboot auf dem Atlantik unterwegs. Ich habe versucht, wie der große Meister Feuer zu machen und mich von dem zu ernähren, was die Natur bietet. Wie gerne hätte ich „Sir Vival“, der den Atlantik auf einem Baumstamm, einem Tretboot und einem Floß überquerte, sich allein durch Regenwälder und Wüste kämpfte und zahlreiche Angriffe überlebte, damals getroffen. Ich konnte nicht ahnen, dass ich rund 20 Jahre später als Afrika-Korrespondent den gelernten Bäcker und Konditor in die äthiopische Danakil-Wüste begleiten und dort unter einem Moskitonetz meinen 32. Geburtstag mit dem Held meiner Jugend feiern würde.

Rüdiger Nehberg: Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung

1977 war Rüdiger vier Monate lang mit einer Kamelkarawane durch die lebensfeindliche Wüste gezogen. Dort traf er eine Frau, die vor der Zwangsverheiratung geflohen war und ihm berichtete, dass sie brutal an den Genitalien verstümmelt worden war. Rüdiger konnte die Worte der jungen Äthiopierin nie wieder vergessen. Jahrzehnte später machte der Überlebenskünstler, der mit seinen spektakulären Atlantik-Überquerungen bereits für die Rechte des bedrohten Yanomami-Volkes im brasilianischen Regenwald gekämpft hatte, den Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung zu seinem letzten großen Abenteuer, seiner Lebensaufgabe.

Zusammen mit seiner Frau Annette gründete er dazu den Verein Target. An der Al-Azhar-Universität in Kairo, einer der angesehensten islamischen Hochschulen der Welt, konnte er 2006 einige der wichtigsten Gelehrten des Islam dazu bringen, eine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten zu erstellen, das die weibliche Genitalbeschneidung als unvereinbar mit dem Islam ächtet. Mit seiner Frau und vielen Mitstreitern in Äthiopien und Deutschland errichtete Rüdiger in der Danakil-Wüste eine Geburtshilfestation. 2011 habe ich dort mit ihm im Rohbau übernachtet und über sein letztes großes Ziel, die weltweite Ächtung der Genitalverstümmelung, gesprochen.

Rüdiger Nehberg wirkte nicht wie ein alter Mann

Rüdigers Plan war es, eine Audienz beim saudischen König zu erhalten, ihm das schwererträgliche Video einer Beschneidung, die seine Frau heimlich gefilmt hatte, zu zeigen und ihn so zu überzeugen während der Hadsch in Mekka ein Plakat aufspannen zu dürfen. „Genitalverstümmelung ist eine Sünde gegen Allah“, sollte darauf stehen. Rüdiger träumte davon, so die Genitalverstümmelung in aller Welt beenden zu können.

„Mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Ich habe Angst, dass ich einen Herzinfarkt erleiden könnte. Ich trage Brille und Hörgeräte, ich habe ein künstliches Knie, wenn ich Treppen in den zehnten Stock steige, bin ich gleich kurzatmig“, erzählte Rüdiger mir in der Wüste. Damals hatte er noch einen Händedruck wie ein Schraubstock und das spitzbübische Funkeln eines Jungen in den Augen hat. Er hatte unbändige Energie und wirkte nicht wie ein alter Mann. Dennoch fürchtete er bereits vor neun Jahren, dass er sterben könne, bevor er sein letztes großes Ziel erreicht haben würde. „Ich will nicht nur Staub aufgewirbelt haben, ich will eine Spur hinterlassen“, sagte Rüdiger mir damals.

Rüdigers Traum ist nicht in Erfüllung gegangen. Er hat kein Plakat in Mekka hissen können. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO leben heute rund 200 Millionen beschnittene Frauen, täglich kommen Tausende hinzu. Rüdiger kann nicht mehr gegen die brutale Tradition kämpfen. Er starb am Mittwoch im Alter von 84 Jahren. Nun müssen seine Frau Annette und andere Mitstreiter Rüdigers letzten Kampf fortsetzen.

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