2019 in seinem Pariser Apartment: Zeichnen war Takadas größte Passion.
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2019 in seinem Pariser Apartment: Zeichnen war Takadas größte Passion.

Nachruf auf Kenzo Takada

Ohne Worte

  • Manuel Almeida Vergara
    vonManuel Almeida Vergara
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Die Sprache war nie Kenzo Takadas Medium – lieber zeichnete und drapierte er. Als erster japanischer Modedesigner feierte er Erfolge in Paris. Nun ist der „Magier der Farben“ gestorben.

Kenzo Takada war kein Mann der großen Worte. Selbst die kleinen fielen ihm schwer. „Manchmal habe ich das Gefühl“, sagte er einst, „als wisse ich gar nicht, wie das Sprechen funktioniert.“ Seit seiner Kindheit litt der Japaner unter Dyslexie, einer sogenannten Werkzeugstörung, die stark die Fähigkeit einschränkt, Wörter und Texte zu lesen und zu verstehen. Brillante Geschichten hat Kenzo Takada trotzdem erzählt.

Formen und Farben setzte der Designer zu Sätzen zusammen, jede Kollektion wurde zu einem Kapitel seines Œuvres, das einer stoffgewordenen Erzählung gleicht. Sein Thema war immer die Reise. Indische Paisleys kombinierte er mit schottischen Karos, slawische Stickereien mit ostasiatischen Schnitten, roséfarbene Kirschblüten mit roten Rosen. Eine Weltsicht, eine Weitsicht, die sich früh in Takada formierte. Es mag seine erste große Reise gewesen sein, die ihn ein Leben lang prägte.

1939 als Sohn eines Hotelbetreibers in der japanischen Präfektur Hyogo geboren wurde er 1954 als erster männlicher Student an der Bunka Fukuso Gakuin angenommen, der bis heute renommiertesten Modeschule Tokios. Als sein kleines Apartment in Vorbereitung auf die Olympischen Sommerspiele 1964 abgerissen werden soll, nimmt Takada seine Entschädigungszahlungen durch die japanischen Behörden zusammen und kauft ein Schiffsticket nach Paris.

Die Fahrt führt den jungen Japaner durch zahlreiche Länder und Städte, Aufenthalte in Hongkong, Ho-Chi-Minh-Stadt und Mumbai, in Marseille geht Takada von Bord, in die Hauptstadt reist er mit dem Zug weiter. Die sinnlichen Eindrücke, die berauschenden Farben und Klänge der Fremde, das ganze Versprechen einer ersten großen Reise kann sein Ziel schließlich nicht halten.

„Paris war dunkel und kalt“, wird er sich später an seine Ankunft am Gare de Lyon erinnern, „und es sah überhaupt nicht so aus wie in den Modemagazinen.“ Es ist der erste Tag des Jahres 1965, als Kenzo Takada den Pariser Bahnhof erreicht.

Die stechende Winterkälte sollte ihn noch viele Monate hindurch begleiten. In Frankreich hielt man damals nicht viel von ausländischen Modedesignerinnen und Modedesignern, noch mehr als heute galt Paris als Modehauptstadt der Welt, eine hermetisch abgeriegelte Festung der ureuropäischen Eleganz.

Dass es „für einen Japaner unmöglich ist, in der Modeindustrie von Paris zu arbeiten“, sagt man Kenzo Takada damals allzu häufig. Er hält sich mit dem Verkauf von Modezeichnungen über Wasser, 25 Franc das Stück, fünf gehen etwa an den berühmten Couturier und Maler Louis Féraud.

Was immer er einnimmt, investiert Takada in Stoffe, Restbestände vom Flohmarkt zumeist, drei Meter mit Karos, zwei vom geblümten, ein halber mit Streifen. Es bleibt ihm nichts übrig, als die kleinen Stücke zu Kleidern zusammenzusetzen. In der Not also entsteht unter den Händen Takadas, was alle Welt später als Tugend versteht.

Entwurf von 1999: slawische Stickereien und schottische Karos.

Befremdliche, teils groteske Farb- und Musterkombinationen führt er spielerisch zu Kleidern zusammen, deren Schnitte nicht selten traditionellen japanischen Kimonos entlehnt sind. Der Flohmarkt Saint-Pierre in Montmartre ist es auch, auf dem Takada eine Frau kennenlernt, die ihm ein kleines Ladenlokal in der Galerie Vivienne günstig vermietet. Ein erstes Geschäft, eine erste Kollektion, eine erste Modenschau – Kenzo Takada improvisiert sich immer wieder zur nächsten Etappe.

Seine Boutique etwa stattet er angelehnt an das Gemälde „Der Traum“ von Henri Rousseau, den Takada sein Leben lang verehrt, mit reichlich günstigen Pflanzen aus, aus Mangel an Geld für professionelle Mannequins übermalt er die Pickel eines unter Akne leidenden Models kurzerhand mit grünen Farbtupfern.

1970 erkennt Claude Brouet als Erste, was später sämtliche Modemagazine über Takada schreiben: „Kenzo ist ein Magier der Farben“, befand die damalige Modechefin der französischen „Elle“ und nahm ein Design des Japaners auf die Titelseite ihres Magazins, nur ein Jahr darauf zieht die amerikanische „Vogue“ nach. 1971 gelingt es Takada, seine Modekollektion unter dem Namen Kenzo in New York City und Tokio zu präsentieren, wenige Jahre später füllt er mit seiner Modenschau bereits ein ganzes Zirkuszelt.

„Ende der 70er galt Kenzo als bestverkaufte Marke der Welt“, wird Takada später sagen, seine Firma wächst schnell, doch gesund. 1983 kommt zur Damen- eine Herrenlinie hinzu, ab 1986 gibt es Kindermode und Jeanskollektionen, ab 1988 Parfüms. 1993 verkauft Kenzo Takada seine Marke an den Luxuskonzern Moët Hennessy Louis Vuitton, zu dem damals bereits Modehäuser wie Givenchy und Céline und heute weitere namhafte Marken wie Christian Dior, Loewe und Fendi gehören.

Kenzo Takada bleibt nur noch wenige Jahre Designer des Labels, das seinen Namen trägt. „Ich hatte mich aus verschiedenen Gründen für den Verkauf meiner Firma entschieden“, sagt er damals. „Sie war sehr kommerziell geworden, die Mode hatte sich geändert, ihr Tempo hatte sich verändert.“

In das neue Jahrtausend muss die Marke Kenzo ohne ihren Gründer gehen. 1999 zieht sich Takada aus der Mode zurück, um sich fortan Kunstprojekten zu widmen, dem Entwerfen von Möbelkollektionen, Kooperationen verschiedenster Art. Seine Marke wird mit anderen Designerinnen und Designern weitergeführt, durchaus erfolgreich zum Teil.

Laufsteg im Jahr 1998: Kenzo Takada im Farbrausch.

Die sich rasant ändernde Modeindustrie, die sich mit neuen Technologien und neuen Prämissen selbst überholt, war nicht mehr Takadas Sache. Er war ein Zeichner, stundenlang konnte er sich in den bleiernen Linien auf weißen Papieren verlieren, auch drapierte er Stoffe direkt am Modell. Sein Markenzeichen blieb immer das Mäandern durch die Kulturen, Takada erfand den „Ethno-Stil“, bevor es den Begriff überhaupt gab.

Der eurozentrischen Mode injizierte Takada eine universelle Perspektive. Dass er den Weg ebnete für viele Generationen nach ihm, hoben selbst seine Konkurrenten hervor. „Kenzo Takada ist der erste Designer aus Japan, der die Modewelt berührt und bewegt hat“, sagte sein Landsmann Yohji Yamamoto einmal, „seine Kleider machen die Menschen glücklich“, lobte Issey Miyake.

Wenn Takada, der am Sonntag im Alter von 81 Jahren an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung in Frankreich starb, überhaupt ein paar Worte über sich selbst verlor, dann schwankten sie zwischen Stolz und Verwunderung über den eigenen großen Erfolg. „Mich beeinflusst die Welt, die meint, von mir beeinflusst zu sein“, sagte Kenzo Takada einmal. „Die Welt, in der ich lebe, ist meine Inspiration.“

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