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Der deutsche Modeschöpfer Karl Lagerfeld ist gestorben. 

Karl Lagerfeld

Die Modewelt hat ihren größten Star verloren

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Es sind keine Sätze für die Ewigkeit, die Karl Lagerfeld sagte. Und trotzdem vermochten sie den Modediskurs seiner Zeit zu dominieren. Ein Nachruf. 

Vielleicht war das der bedeutendste Satz seines Lebens. Einer der wichtigeren war es allemal. „Was ich sage, ist nur gültig, wenn ich es gerade sage“, erklärte Karl Lagerfeld einmal. „Morgen bin ich schon ein ganz anderer Mensch.“ Damit hat der Designer nicht nur die Willkür einer ganzen Branche, die Launenhaftigkeit der Mode auf sich selbst übertragen, sich selbst einmal mehr zum Patron der Wechselhaftigkeit erklärt. Mit wenigen Worten hat sich der Designer selbst die Absolution erteilt.

Denn was der Mann so alles sagte, es wechselte sprunghaft zwischen einnehmendem Witz und scharfzüngigem Spott, zwischen Weibergewäsch und Altherrenwitz, Brillanz und Ironie. „Nur Menschen sind billig, Bekleidung ist preiswert.“ „Stress kenne ich nicht, ich kenne nur Strass.“ „Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Das sind keine Sätze für die Ewigkeit. Und doch wussten sie immer die Modemagazine, manchmal auch die Zeitungen zu dominieren, mal in den Klatschspalten, mal auf der Titelseite, gefallen hat sich Karl Lagerfeld an beiden Stellen.

Zu immer neuen Pointen und Pamphleten mögen den Designer Gefallsucht und Eitelkeit getrieben haben. Aufmerksamkeit – das ist ohnehin die Währung, mit der in der Mode gezahlt und gehandelt wird. Das wusste Karl Lagerfeld. Und das beherrschte er, wie kein zweiter. Der berühmteste Modedesigner war er ohnehin – gar nicht unwahrscheinlich, dass er auch der bekannteste lebende Deutsche überhaupt war. Weiß ein Kind in Südafrika, wer Merkel ist? Kennt ein Teenager in Singapur den Namen Ratzinger? Aber Karl Lagerfeld – den kennt man! Wenn nicht den Namen, dann doch zumindest das Profil.

Karl Lagerfeld ist zum Mythos geworden

Der Herr mit gepudertem Pferdeschwanz und Sonnenbrille, mit gestärktem Kragen und Autofahrerhandschuhen – er ist zum Symbol, zum Mythos geworden. Und wie es sich für einen Mythos gehört, ranken sich auch um das Leben Lagerfelds allerhand Geheimnisse und Ungereimtheiten. Das geht schon mit dem Geburtstag los. Karl Otto Lagerfeld wird am 10. September 1933 geboren, so zumindest wollen es verlässliche Quellen. Der Designer selbst hatte sein Geburtsjahr lange Zeit mit 1938 angegeben, es später auf 1935 korrigiert.

Über sein Privatleben schwieg sich der Designer lieber gleich ganz aus. Wenig erzählte Lagerfeld etwa über seine Liebe zu dem Pariser Dandy Jacques de Bascher, der 1989 an Aids starb. „Er war der eleganteste Franzose, den ich je gekannt habe“, sagte Lagerfeld lediglich, und dass er, der disziplinierte Deutsche, de Bascher um seinen ausschweifenden, hedonistischen Lebensstil beneidete. Nach dem Tod seines Partners zog es Lagerfeld vor, allein zu leben, neben seinem Apartment in Paris besaß er zwischenzeitlich Wohnungen und Häuser in Monte Carlo, Biarritz, Rom, Vermont und New York, ein Schloss in der Bretagne dazu. Zu seinen Musen zählten Claudia Schiffer und Inès de la Fressange, zu seinen engsten Vertrauten Stéphanie von Monaco und Caroline von Hannover.

Anders als um sein Alter und allzu private Details machte Lagerfeld um seine gute Herkunft indes kein Geheimnis. Als Sohn des Hamburger Kondensmilch-Fabrikanten Otto Lagerfeld und dessen Frau Elisabeth wuchs er mit einer älteren Schwester erst auf Gut Bissenmoor bei Bad Bramstedt, später in seiner Geburtsstadt Hamburg auf. Über den Vater, der die Marke „Glücksklee“ gründete, ist nur wenig bekannt, von seiner Mutter erzählte Lagerfeld stets als strenge, sarkastische Frau. „Du hättest mehr aus dir machen können, aber bei deinem Mangel an Ehrgeiz ist schon in Ordnung, was du geschafft hast“, soll sie ihrem Sohn einst gesagt haben. Da hatte Lagerfeld mit der Mode bereits Millionen verdient.

Die Arbeit in einer unsicheren, einer frivolen Branche, die so nichts zu tun hat mit grundständigen Werten und protestantischer Zurückhaltung, sie mag die Hamburger Unternehmereltern mit Unbehagen erfüllt haben. Dabei ist gerade die Mutter nicht unbeteiligt daran, welche Wege der Sohn einschlagen wird. 1953 zieht sie mit Lagerfeld nach Paris, einer dynamischen Stadt, gerade in der jüngeren Nachkriegszeit, in der sich die Salons wieder mit Leben füllen und ein gewisser Christian Dior mit dem „New Look“ die Rückkehr der Eleganz nach Jahren des Elends feiert.

Lagerfeld gewinnt 1954 ersten Modepreis

Karl Lagerfeld

Entgegen Diors voluminösen Linien wurde für Lagerfeld ein zurückhaltenderer Entwurf zum ersten Erfolg: Mit einem hellen Mantel mit U-Boot-Kragen und Schnallendetail gewann er 1954 den Modepreis in der Kategorie „Mantel“ des Internationalen Wollsekretariats IWS. Der junge Yves Saint Laurent, mit dem Lagerfeld anfangs eine innige Freundschaft, später eine erbitterte Rivalität verband, holte den Preis für das beste Abendkleid. Lagerfelds Sieg brachte ihm eine erste Anstellung ein: Bei dem Pariser Couturier Pierre Balmain, der Juror des Modepreises war und Lagerfelds Mantel für die eigene Linie produzieren ließ, absolvierte er eine Schneiderlehre.

Wie sich der Lehrling schlug? Darüber ist nicht viel bekannt. „Karl Lagerfeld hat in seinem Leben noch nie eine Schere angefasst“, wird später der Couturier Azzedine Alaïa sagen, noch ein Rivale Lagerfelds. „Ich mag seine Mode nicht und auch nicht seinen Geist und seine Attitüde. Es ist zu viel an Karikatur.“ Karl Lagerfeld war tatsächlich das überaus markante Gesicht jener Marken, für die er arbeitete. 1958 bis 1963 als Künstlerischer Direktor bei Jean Patou, danach bis 1978 bei Chloé, ab 1965 bis zu seinem Tod bei dem römischen Pelzhaus Fendi, ab 1983 zudem bei Chanel. Mit dem eigenen Label, der ganz eigenen Handschrift, wollte es indes nie so recht klappen.

Das Label Karl Lagerfeld, das er 1984 mit dem französischen Textilhersteller Bidermann gründete, hat zwischenzeitlich zwar beachtliche Gewinne eingefahren, nie aber ein eigenes, signifikantes Profil gewonnen. Es mag an der turbulenten Geschichte der Marke liegen, die mehrfach verkauft und umbenannt wurde, dessen Unterlinien aufgebaut und wieder eingestellt, für dessen Produkte Lizenzen an eine lange Liste an Produzenten verkauft wurden. Oder war es die Arbeit Lagerfelds, sein Stil, sein Talent, das eben nur vor dem Hintergrund einer bekannten Marke und im Dialog mit dessen Wurzeln funktionierte?

Lagerfeld verhalf Chanel zu neuem Glanz

Dann aber, an der Spitze eines berühmten und begehrten Labels, strahlte Lagerfeld umso stärker. Der angestaubten Marke Chanel jedenfalls verhalf er zu neuem Glanz. In den 1980ern wurde sie allenfalls von älteren Damen gekauft und getragen – das Geschäftsjahr 2017 konnte Chanel mit einem Wachstum von 11,5 Prozent und einem Umsatz von 8,3 Milliarden Euro abschließen.

In den fast 40 Jahren dazwischen hatte Lagerfeld mit Neuinterpretationen des klassischen Tweedkostüms, der Umdekorierung ikonischer Taschenmodelle wie der „2.55“ und einem hemmungslosen Einsatzes des Markenlogos die Faszination für die ineinander geschlungenen Cs völlig neu entfacht. Von den Kritikern seiner Arbeit, die immer leisere Töne anschlugen, je lauter Lagerfeld selbst zu werden schien, heißt es oft, der Designer habe bloß die Ideen Coco Chanels reproduziert, sie modern übersetzt, statt die Marke mit eigenen Inhalten zu füllen. Ähnlich wurde seine Fotografie bewertet, der sich Lagerfeld seit den späten 80ern vermehrt widmete.

Die Fotos und die Mode – Lagerfeld war das lange nicht genug. 1999 eröffnete er in Paris einen Buchladen, gründete 2010 gemeinsam mit Gerhard Steidl den LSD-Verlag, mit 300 000 Büchern soll er eine der größten Privatbibliotheken Europas besessen haben. Unzähligen Kooperationen widmete sich Lagerfeld in seiner Karriere. 2004 entwickelt er als erster namhafter Designer eine kostengünstige Kollektion für H&M, seinem Vorbild folgten unter anderem Roberto Cavalli, Donatella Versace und Alexander Wang. Später entwirft er einen Stoffteddybären für Spielzeughersteller Steiff, einen Motorradhelm für den französischen Hersteller Les Ateliers Ruby, eine Flasche für Coca-Cola, illustriert und karikiert für Tageszeitungen und Bücher – je ungewöhnlicher die Kollaboration, desto mehr reizte sie den Designer, so schien es. Im Gedächtnis bleiben wird Lagerfeld aber vor allem für seine Arbeit bei Chanel.

Beides voneinander trennen? Chanel ohne Lagerfeld? Fast 40 Jahre hindurch war das undenkbar. Und auch wenn Lagerfeld oft vorgeworfen wurde, sein Respekt vor dem Erbe Coco Chanels, dessen Portrait bis heute über seinem Schreibtisch hängt, sei größer gewesen, als seine eigene Ideenwelt: Ergänzt hat er die Arbeit der Modemacherin um den Humor, die „Karikatur“, wie Alaïa es nannte. Geradezu manisch soll der Designer hunderte Zeichnungen gemacht haben, aus denen die Atelierarbeiterinnen Kleider machten.

Den Themen, die Lagerfeld für seine Chanel-Kollektionen wählte, ordneten sich nicht nur die üppigen Bühnenbilder im Pariser Grand Palais, sondern auch die einzelnen Modeteile unter. 2010 lässt er die Models in Fellstiefeln, die an Yetis erinnern, vor einem eigens aus Schweden eingeflogenen Eisberg vorbei stapfen. 2014 tragen sie Handtaschen in Form von Einkaufskörben und Eierkartons an einer Supermarktkulisse vorbei. 2017 präsentiert Lagerfeld das erste Mal eine Chanel-Show in Deutschland – und zeigt in der Hamburger Elbphilharmonie Matrosenmützen und kleine Schiffscontainer als Abendtaschen.

Virginie Viard folgt auf Lagerfeld

Ob es Virginie Viard ähnlich machen wird? Lagerfelds langjährige „rechte Hand“ soll nun für die Kollektionen des Hauses verantwortlich zeichnen. Das ließ Chanel-Eigentümer Alain Wertheimer noch am Dienstag mitteilen. Wer sein Erbe bei Fendi antritt, ist indes noch nicht bekannt. Spekulationen um Lagerfelds Nachfolge hatte es in den letzten Monaten vermehrt gegeben, nachdem sich der Designer auf einer Modenschau in gebückter Haltung von Viard gestützt zeigte und einer anderen Schau gleich ganz fernblieb.

Es ist gut möglich, dass Lagerfeld, der am Dienstag in einer Privatklinik bei Paris starb, an dieser Entscheidung zuvor noch beteiligt war. Er selbst hatte mit Chanel einen unkündbaren Vertrag auf Lebenszeit. Zufrieden wäre Lagerfeld aber wohl auch mit einer progressiveren Lösung gewesen. „Ich finde es besser, wenn sich die Leute im Grab umdrehen, als ewig zu ruhen“, sagte er einmal.

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