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Die Gedenktafel erinnert an die Opfer des Anschlags 2015. 

Paris

Der Nachhall des Terrors

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Wie im Pariser Konzertsaal „Bataclan“ das Kulturleben weitergeht.

Diese Säule, sagt Jean-Claude leise, habe ihm das Leben gerettet. „Als es losging, konnte ich mich hinter ihr verstecken.“ Er deutet auf den Bereich über dem Konzertgraben: „Hier standen sie und feuerten wahllos in die Menge. Ich drückte mich gegen die Säule. Ich dachte, jetzt ist es aus.“ Jean-Claude befand sich am 13. November 2015 unter den Besuchern des Pariser Konzertsaals „Bataclan“. Die US-Band „Eagles of Death Metal“ spielte gerade eines ihrer ersten Lieder, als drei schwer bewaffnete Terroristen in den vollbesetzten Saal eindrangen.

Sie töteten 90 Menschen, verletzten hunderte und nahmen etliche als Geisel, bis die Polizei nach Stunden das Gebäude stürmte. Dabei starben die Täter, Mitglieder eines neunköpfigen Terror-Kommandos, das an diesem Abend mordend durch die französische Hauptstadt zog. Sie brachten insgesamt 130 Menschen um; die meisten von ihnen waren keine 40 Jahre alt.

In der Folge wurde der „Bataclan“, bis dahin vor allem unter Pariser Musikliebhabern eine bekannte Adresse, weltweit berühmt. Touristen machen hier manchmal Selfies; eine Gedenktafel und ein Mahnmal auf dem kleinen Platz gegenüber erinnern heute an die Opfer. „Bataclan“, der Name ist untrennbar mit jener Pariser Horror-Nacht 2015 verknüpft.

Dabei lässt sich die Geschichte des vielfarbigen Pagoden-Baus am Boulevard Voltaire nicht nur darauf reduzieren, handelt es sich doch um eines der ältesten Vergnügungs-Etablissements der Stadt. Vor 155 Jahren, am 3. Februar 1865, öffnete es nach dem Entwurf des Architekten Charles Duval unter dem Namen „Ba-Ta-Clan“, in Anspielung an die gleichnamige Operette von Jacques Offenbach, die am Hof eines fernöstlichen Kaiserreichs spielt – dazu passte die orientalische Dekoration mit Laternen und Drachen.

Zunächst war es ein Konzert-Café mit Tanzsaal, nach einer Insolvenz und einem Besitzerwechsel traten hier unter anderem der Kabarett-Sänger Aristide Bruant und sogar Buffalo Bill mit seinen Wildwest-Shows auf. Im Billard-Saal wurden zu Kriegszeiten 1870/1871 Verletzte behandelt und während der Pariser Kommune tagten in diesen Räumen Aktivisten des revolutionären Aufstands, den die konservative Zentralregierung bald niederschlug. Später feierten hier die Sängerin Mistinguett und Chansonnier Maurice Chevalier Erfolge, bis die Konzerthalle 1926 zum Kinosaal umfunktioniert wurde. Zwar zerstörte ein Brand im Folgejahr einen großen Teil des Original-Balkons, doch auf der Leinwand wurden bis zur Schließung des Kinos 1969 Filme gezeigt. Noch im selben Jahr fand ein erstes Rockkonzert im „Bataclan“ statt, der zunehmend Stars anzog – von Genesis über Metallica bis Prince oder David Bowie. Auch Rapper und Kabarettisten gaben sich die Ehre: Aufgrund der intimen Atmosphäre galt der „Bataclan“ mit seinen 1500 Plätzen als kulturelle Institution.

Weiterleben, weitermachen!

„Ich kam mehrmals pro Woche hierher, es war die beste Konzerthalle der Stadt“, sagt Jean-Claude, der trotz seiner schweren Erinnerungen an den Terroranschlag heute wieder zu den Stammgästen gehört. Leicht falle ihm das nicht, gibt er zu. „Aber wenn die Türen geschlossen geblieben wären und wir nicht mehr tanzen würden, hätten die doch gewonnen.“ Genau ein Jahr nach dem Anschlag eröffnete der Bataclan – komplett renoviert und mit verstärktem Polizeischutz – mit einem Hommage-Konzert von Sting in Gedenken an die Opfer.

Heute sei zwar fast jedes Konzert ausverkauft, aber es kommen weniger Künstler und Bands als früher, da viele Hemmungen haben, sagt Florence Jeux, die seit einem Jahr den „Bataclan“ leitet. Seit 2018 gehört das Haus der Lagardère-Gruppe. Sie arbeite an einem multidisziplinären Programm mit Konferenzen und Veranstaltungen rund um Tanz, Poesie oder Mode, so Jeux: „Wir wollen, dass der Bataclan ein echter Ort der Begegnung und der Schöpfung ist, für ein Publikum zwischen sieben und 77.“ Es gehe nicht darum, das Geschehene zu vergessen oder auslöschen zu wollen. Es gehe ums Weiterleben, Weitermachen – und darum, ein neues Kapitel einer langen Geschichte zu schreiben.

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