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Erdbeben in Nepal

Nachbeben verbreiten Panik

  • Willi Germund
    VonWilli Germund
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Nepal erlebt das schlimmste Erdbeben seit mehr als 80 Jahren, Tausende Menschen kommen ums Leben. Und für viele ist der Albtraum noch nicht zu Ende.

In der Altstadt Kathmandus mit ihren verwinkelten engen Gassen blieb von dem 60 Meter hohen Dharahara-Turm, 1826 zu Ehren der Königin von Nepal gebaut, nur etwas mehr als das Fundament. Das schwere Erdbeben, das am Samstag den Himalaya erschütterte, zerkrümelte das Weltkulturerbe wie ein Stück trockenen Kuchen. Der Turm hatte fast 200 Jahre überstanden und war erst vor zehn Jahren für die Öffentlichkeit freigegeben worden. Nun ist er zerstört – so wie zahlreiche alte Häuser, die typischen Lehmbauten des Himalaya und andere Weltkulturerbe- und Pilgerstätten.

Die Zahl der Toten stieg laut offiziellen Angaben vom Sonntag auf über 2400. Mindestens 2352 Menschen kamen in Nepal ums Leben, in Indien starben 50 Menschen, in China sechs und in Bangladesch eine Frau. Tausende Verletzte würden behandelt, sagte Laxmi Dhakal vom nepalesischen Innenministerium. Unklarheit herrschte über mögliche deutsche Opfer. „Die Recherche zum Verbleib deutscher Staatsangehöriger ist schwierig und die Suche aufwendig“, hieß es am Sonntag im Auswärtigen Amt in Berlin. Bei den deutschen Touristen handele es sich mehrheitlich um Individualreisende, „die sich üblicherweise weder an- noch abmelden“.

„Ich habe Angst vor meinem eigenen Haus“, sagte ein Bewohner der Hauptstadt, „ich fürchte mich vor meinen eigenen vier Wänden.“ Auch am Sonntag versetzten heftige Nachbeben die schockierten Überlebenden in Panik. Soldaten kämpften sich mit Äxten und Schaufeln durch die Trümmerberge der Altstadt. Maschinen kamen durch das Gewirr der engen Straßen nicht durch. Die Menschen versuchten mit bloßen Händen die Trümmer wegzuräumen, unter denen sie Verwandte und Freunde vermuteten. Die Krankenhäuser konnten den Folgen des Bebens nicht standhalten. Einige Ärzte griffen notgedrungen auf der Straße zum Skalpell. „Unter den Toten sind viele Kinder“, sagte Doktor Pratab Narayan aus dem Teaching-Krankenhaus. „Wir sind völlig überwältigt von der Zahl an Menschen.“

Tausende Nepalesen übernachteten wegen der Nachbeben im Freien, obwohl die Temperaturen in vielen Gegenden der Himalaya-Region noch merklich sinken. Auch Präsident Ram Baran Yadaf habe in einem Zelt geschlafen, sagte sein Sprecher in einem lokalen Radio.

Nepal bittet um Hilfe

Nach den politischen Krisen der vergangenen Jahre, die Nepal das Ende der Monarchie bescherten und eine Zeitlang eine maoistische Bewegung an die Macht brachte, war es zwar erstaunlich, wie gut die Behörden im Rahmen ihrer Möglichkeiten auf das Beben reagierten. Dennoch wurde schnell deutlich, dass sie angesichts des Ausmaßes dieser Katastrophe überfordert waren. Landesweit sind 30 der 75 Distrikte betroffen. Die Stromversorgung könnte lange ausfallen, da das Beben die Wasserkraftwerke beschädigt hat, von denen das Land fast all seinen Strom bezieht.

Nepal bat in der Nacht zum Sonntag laut den Vereinten Nationen um internationale Hilfe. „Das Land braucht als erstes Rettungsmannschaften, Zelte für Krankenhäuser, Maschinen zur Beseitigung von Trümmern und Hubschrauber, um in entlegene oder abgeschnittene Gebiete zu gelangen“, hieß es in einem ersten Aufruf von UNOCHA, dem für humanitäre Hilfe verantwortlichen Zweig der Vereinten Nationen. Eine große internationale Hilfswelle lief inzwischen an – erreichte aber zunächst vor allem die Hauptstadt Kathmandu. Der Flughafen war laut Polizei nur vorübergehend für Linienflüge offen. Deswegen sitzen zahlreiche Touristen in Nepal fest – derzeit ist die Hauptsaison für Bergsteiger und Wanderer.

Am schlimmsten wütete das Beben, dessen Zentrum nur zehn Kilometer unterhalb des massiven Himalaya-Massivs mit seinen über 8000 Meter hohen Bergen lag, in den Distrikten Gorkha, der Heimat der Gurkhas, und Lamjung. Dort befänden sich die Dörfer direkt an großen Berghängen und die Häuser bestünden aus einfachen Stein- und Felskonstruktionen, sagte Matt Darwas von der Hilfsorganisation World Vision. „Viele dieser Dörfer sind nur mit Geländewagen und zu Fuß erreichbar, manche Stunden oder sogar Tagesmärsche von der Hauptstraße entfernt.“

"Ich kann nicht glauben, dass ich noch lebe"

Welche Gewalten das Erdbeben freisetzte, wurde auch am Mount Everest, dem höchsten Berg der Erde, deutlich. Teile des mit Bergsteigern gefüllten Basislagers in 5150 Metern Höhe wurden von einer Eis- und Schneelawine verschüttet. „Ich bin um mein Leben gerannt“, twitterte ein rumänischer Bergsteiger. „Ich kann nicht glauben, dass ich noch lebe“, sagte der in Singapur lebende Meeresbiologe George Foulsham der Agentur AFP, „ich sah eine 50 Stockwerke hohe Schneewand auf mich zukommen.“ 17 Menschen starben, mindestens 60 wurden verletzt. Ungewissheit herrschte über das Schicksal derer, die sich in Lager eins und zwei über dem Basiscamp aufhielten, als das Beben den Mount Everest ins Wanken brachte. Eisstürze und niedergegangene Lawinen versperrten den Abstieg. Zudem ist unbekannt, wie viele der Bergsteiger ihre Zelte verloren; eine Nacht im Freien am Mount Everest kann tödlich sein.

„Es wird noch mehr Tote geben“, sagte ein Sherpa im Basislager, bevor er sich auf den Weg ins Tal machte. Der Satz sollte die Lage am Mount Everest beschreiben. Aber er gilt ebenso für ganz Nepal. Umso mehr Klarheit die Behörden über die Verwüstungen gewinnen, desto höher steigt wohl auch die Zahl der Toten.

Geoforscher rechnen noch für lange Zeit mit Nachbeben. „Das wird sicherlich noch Wochen oder Monate so weitergehen und nur langsam abklingen“, sagte der Seismologe Winfried Hanka vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam. Immer wieder könne darunter auch ein stärkeres Nachbeben sein. Das Hauptbeben hatte eine Stärke von 7,8. Danach gab es bereits kleinere Nachfolger mit einer Stärke von bis zu 6,7. Der Experte ging davon aus, dass in der Nähe Kathmandus unterirdisch ein bis zu 150 Kilometer breiter Bereich gebrochen sei. (mit afp/dpa)

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