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Patientinnen warten auf eine Untersuchung im Maradi-Krankenhaus im westafrikanischen Niger.
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Patientinnen warten auf eine Untersuchung im Maradi-Krankenhaus im westafrikanischen Niger.

Rund drei Millionen Betroffene

Nach der Geburt verletzt und verstoßen: Frauen mit Geburtsfisteln leben mit Leid und Scham

  • VonAndrea Jeska
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Geburtsfisteln: In Ländern mit guter Gesundheitsversorgung kein Problem. Doch vielen Frauen weltweit fehlt der Zugang zur richtigen Behandlung. An diesem Samstag wollen die Vereinten Nationen auf diese Krankheit aufmerksam machen.

Genet war 13, als man sie verheiratete. Ein dünnes Mädchen aus einem Dorf im Norden von Äthiopien. Mit 14 wurde sie schwanger. Die Wehen dauerten vier Tage, die alten Frauen aus dem Dorf sagten ihr, sie solle sich hinhocken, dann ginge es schneller. Also hockte sie, bis ihre Beine abstarben. Das Kind wurde tot geboren.

Almaz aus der Nähe von Addis Abeba war 27 und ihre Familie weigerte sich, sie zur Geburt ins Krankenhaus zu bringen. Es sei zu teuer. Erst als offensichtlich wurde, dass das Kind in ihrem Bauch tot war und es Almaz nicht gelingen würde, es zu gebären, brachte man sie in eine Gesundheitsstation.

Camille wurde von einem Polizisten im Osten des Kongo vergewaltigt und geschwängert. Ihr Mann warf sie daraufhin aus dem Haus. Sie lebte in einer verfallenen Hütte am Anfang des Waldes. Das Kind brachte sie allein zur Welt, drei Tage dauerte es.

Starke Verletzungen bei der Geburt: Millionen Frauen weltweit leiden unter Geburtsfisteln

Am 23. Mai, dem Tag der Vereinten Nationen zur Beendigung von Geburtsfisteln, stellen Sie sich einmal vor, Sie wären Genet, Almaz, Camille. Sie wären früh verheiratet worden. In einem Alter, in dem Ihr Körper noch nicht ausgebildet ist, um ein Kind zu gebären. Oder vielleicht doch ausgebildet, aber Sie sind unterernährt. Oder man hat Sie beschnitten, Ihnen die Schamlippen zugenäht, und das Gewebe in Ihrem Inneren ist vernarbt und reißt schnell.

Sie werden schwanger. In Ihrer Nähe gibt es keine Praxis und keine Klinik für Geburtsvorsorge. Sie hätten ohnehin keine Zeit für Vorsorge, weil Sie bis zum Tag der Wehen auf einem Feld arbeiten müssten. Dann setzen die Wehen ein, aber das Kind steckt im Geburtskanal fest. Sein Kopf drückt auf das Gewebe Ihrer Vagina, auf jene Wand, die die Vagina von der Blase und vom Rektum trennt. Drückt so lange, bis das Gewebe abstirbt und nun Löcher in ihrer Vaginawand entstehen.

Hartnäckiges Stigma: Viele Frauen in afrikanischen Ländern werden aufgrund von Geburtsfisteln ausgestoßen

Zwei Tage, drei Tage, manchmal fünf Tage haben Sie Wehen, das Baby ist längst tot, aber noch immer steckt es fest. Irgendwann hat Ihre Familie Geld aufgetrieben, um Sie in eine Klinik zu bringen, wo man Sie vom Körper des toten Kindes befreit und Ihnen sagt, von nun an seien Sie inkontinent. Urin, im schlimmsten Fall auch Fäkalien, werden aus Ihrem Körper laufen. Unaufhaltsam, Tag und Nacht. Sie werden schlecht riechen. Das Fleisch an Ihren Oberschenkelinnenseiten wird sich vom Urin entzünden.

Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach dieser Tortur nach Hause und Ihre Familie oder Ihr Ehemann sagt Ihnen, in diesem Haus sei nun kein Platz mehr für Sie. Weil Sie stinken. Weil Sie keinen Wert mehr haben. Sie können in Ihrem Zustand keine Arbeit finden, denn wo immer Sie hingehen, umweht Sie der Geruch. Also gehen Sie irgendwohin, wo Sie wenigstens Schutz finden. In eine Höhle. Oder in ein verlassenes Haus. Dort leben sie im Verborgenen wie ein Tier und hoffen auf barmherzige Seelen, die ihnen Essen bringen. Wenn Sie das nicht mehr aushalten, töten Sie sich selbst.

Eine Hilfsorganisation in Niger bringt geheilten Frauen das Nähen bei. So können sie sich selbst versorgen und wieder in der Gemeinschaft leben.

Das klingt furchtbar, oder? Geburtsfisteln sind das, was zwischen zwei und drei Millionen Frauen auf der Welt widerfahren ist und jedes Jahr kommen schätzungsweise 150 000 Frauen hinzu. Wie viele genau, das kann nicht einmal die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagen, denn nur Klinikfälle werden gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen.

Am 23. Mai rufen die Vereinten Nationen zum Internationalen Tag zur Beendigung von Geburtsfisteln aus

Es ist nicht so, dass dieser Zustand nicht heilbar ist, sogar ohne großen Aufwand. Man kann diese „Löcher“ nähen, zumindest, wenn man dafür ausgebildet ist. Fistelchirurgen und -chirurginnen mit ruhigen Händen und Erfahrung brauchen dafür gerade mal zwei Stunden. Und alles ist wieder gut.

Doch es sind nicht Sie, nicht wir, die eine Geburt mit diesen traumatischen Konsequenzen durchleiden müssen. Sondern Frauen in armen Ländern in Afrika und Asien, Frauen ohne Stimme, ohne Gesicht und gelten als wertlos für die Volkswirtschaften und für die globale Entwicklung. Ein Drittel von ihnen stirbt unter solchen Geburten, und die meisten anderen leben irgendwo, wo sie unsichtbar sind.

Fisteln gibt es, seit Frauen Kinder gebären. Forschende fanden sie an einer 2000 Jahre alten mumifizierten Frauenleiche. Eine Fistel zu vernähen, gelang erstmals 1663 einem Amsterdamer Chirurgen. Der US-amerikanische Gynäkologe Marion Sims experimentierte im 19. Jahrhundert an Sklavinnen und vernähte etliche Fisteln mit Erfolg, weshalb er zwar als Vater der Fistelchirurgie gilt, nicht aber als menschlicher Arzt.

Der Tag

Zwischen zwei und drei Millionen Frauen weltweit leiden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO unter Geburtsfisteln, weil sie keine angemessene medizinische Hilfe bei der Geburt ihrer Kinder erhalten.

Am 23. Mai wird jährlich der internationale Tag zur Beendigung von Geburtsfisteln begangen, um für diese Krankheit ein Bewusstsein zu schaffen,. Ins Leben gerufen wurde er 2014 von den Vereinten Nationen. Weitere Informationen gibt es unter www.un.org/en/observances/end-fistula-day

Es ist also ein Jahrtausende altes medizinisches Problem. Jahrtausende, in denen Menschen sesshaft wurden, das Rad und die Eisenbahn erfanden, in denen es industrielle Revolutionen gab, Männer zum Mond flogen, Ärzte Herzen ersetzen und Brüste vergrößern können, schließlich das Internet erfunden wurde. Aber in denen es nicht gelang, ein weltweites System an Geburtsvorsorge aufzubauen und genügend Kliniken zu gründen, in denen man Risse in vaginalem Gewebe nähen kann.

Geburtsfisteln sind eigentlich leicht zu heilen - doch es fehlt an Verständnis und medizinischer Versorgung

Auch in Europa erlitten Frauen jahrhundertelang unter der Geburt schwere Verletzungen, und die Kinder wurden tot geboten. Von 1935 bis 1950 jedoch wurde viel Wissen und Geld in die europäischen Gesundheitssysteme investiert, um Müttersterblichkeit und damit das Auftreten von Fisteln zu beenden. Seit es Klinikgeburten, Schwangerschaftsuntersuchungen, Hebammen und Kaiserschnitt gibt, gehören Geburtsfisteln in Europa und anderen westlichen Ländern der Vergangenheit an.

Heute sind es die Ärmsten der Armen, die unter Fisteln leiden. Dass es nicht gelang, diese Geburtsverletzungen weltweit zu vermeiden, ist nur ein Beispiel für die gravierenden Unterschiede der Gesundheitssysteme in reichen und in armen Ländern. Müttersterblichkeit und Fisteln, gerade weil beides mit einfachen Mitteln zu verhindern wäre, sind die Indikatoren eines Versagens nationaler Gesundheitssysteme – und globalen Engagements für Frauen in armen Ländern.

Zwar sterben weltweit inzwischen weitaus weniger Frauen unter der Geburt – die Müttersterblichkeit konnte um 38 Prozent gesenkt werden – doch das Ziel, Müttersterblichkeit nahezu abzuschaffen, das sich die Vereinten Nationen im Jahr 2000 setzten, ist noch weit entfernt.

Geburtsfisteln: Ein Jahrtausende altes medizinisches Problem

Nach Schätzung von Unicef und der WHO sterben noch immer alle elf Sekunden entweder eine Mutter oder ein Kind unter der Geburt, 2,8 Millionen im Jahr. Und auch das sind wiederum keine Frauen in den reichen Ländern der westlichen Welt. In Deutschland sterben vier bis sieben Frauen pro Jahr infolge von Geburtsproblemen. In den Ländern Afrikas südlich der Sahara sind es 1000 Frauen auf 100 000 Lebendgeburten, am höchsten ist die Zahl in Sierra Leone mit mehr als 1000 Frauen im Jahr.

Frauen mit Fisteln sind von diesen Zahlen und Bemühungen so gut wie nicht erfasst, und es gibt wenig öffentliche Wahrnehmung dieses Problems. Kein Pharmakonzern kann daran verdienen, kein Wissenschaftsteam sich profilieren. Die Anzahl an Organisationen, die sich dem Kampf gegen Fisteln widmen, ist überschaubar, ebenso wie die Spendensummen zu ihrer Bekämpfung.

Eine Reportage zum Thema

Vor vier Jahren schrieb unsere Autorin Andrea Jeska erstmals über die weltweiten Probleme durch Geburtsfisteln. Ihre FR7-Reportage über betroffene Frauen können Sie hier nachlesen.

Doch nicht nur das Gesundheitssystem ist schuld, auch die gesellschaftlichen Strukturen sind es. Frauen mit Fisteln werden stigmatisiert, und die wenigsten trauen sich in die Öffentlichkeit. Die Wahrscheinlichkeit, von möglicher Hilfe zu erfahren, ist besonders in den ländlichen Gegenden gering. Der Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen UNFPA hat Frauen mit Fisteln als die besitzlosesten, ausgestoßensten, machtlosesten Frauen der Welt bezeichnet.

Vereinte Nationen: 23. Mai ist internationaler Tag zur Beendigung von Geburtsfisteln.

Müttersterblichkeit und Geburtsverletzungen hängen zusammen. Anhand vorhandener Daten schätzt Saifuddin Ahmed von der US-amerikanischen Johns Hopkins Universität, einer der wenigen Experten für beides, dass die Zahl der Müttersterblichkeit multipliziert mit drei die Anzahl der Fistel-Fälle pro Land ergibt. Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau betonte Ahmed jedoch, in manchen Ländern gäbe es durchaus Fortschritte, nämlich dort, wo Regierungen in Geburtsvorsorge und Schulung von Ärztinnen und Ärzten investierten. Vielfach sei die Bekämpfung lediglich eine Frage der finanziellen Mittel.

Viele Frauen, die unter Fisteln leiden, wurden schon als Teenagerinnen verheiratet und viel zu früh schwanger. Den Strapazen der Geburt konnten ihre Körper nicht standhalten.

Was Geld bewirken kann, zeigt das Beispiel Äthiopien. Noch Anfang des 21. Jahrhunderts starben fast nirgends auf der Welt so viele Frauen bei der Geburt wie in dem ostafrikanischen Land. Die schwerverletzt Überlebenden zählte niemand. Seither hat Äthiopien mit einem verbesserten Gesundheitssystem, das zum größten Teil von den Vereinten Nationen und westlichen Regierungen finanziert wird, die Rate der Müttersterblichkeit um 45 Prozent gesenkt, eine wahre Erfolgsquote. Entsprechend sanken die Zahlen der Fistelfälle. Schaut man sich die Statistiken genauer an, sieht man jedoch, dass die Erfolge sich auf die urbanen Gebiete beziehen. Die ländlichen Regionen sind unterversorgt. Wie sehr, zeigen diese Zahlen: In Deutschland gibt es eine Ärztin beziehungsweise einen Arzt für 226 Patient:innen, in Äthiopien einen für 33 500 Patient:innen.

Mit der Behandlung von Geburtsfisteln konnte Äthiopien die Müttersterblichkeit um 45 Prozent senken.

Auch die Zahl der Kliniken, in denen Fisteln vernäht werden können, ist erschreckend klein. Eine Statistik, die in einem Aufsatz im Wissenschaftsmagazin „The Lancet Global Health“ erschien, zeigt, dass es nur in wenigen der 29 betroffenen subsaharischen Staaten überhaupt die Möglichkeit der medizinischen Hilfe gibt. Und dort, wo es sie gibt, werden pro Land im Jahr nur 2000 von durchschnittlich 110 000 betroffenen Frauen behandelt.

Genet wurde im Fistula Krankenhaus von Addis Abeba operiert. Die Klinik gilt als eine der besten auf der Welt für die operative Beseitigung von Fisteln. Doch Genet konnte nicht geheilt werden, die drei Fisteln, die sie erlitten hatte, erwiesen sich als zu groß, auch der Harnleiter war zerstört. Sie lebt seither in einer Einrichtung für Frauen mit Fisteln. Dort teilen alle dasselbe Schicksal. So unter sich müssen sie sich ihres Geruchs nicht schämen. Genet gefällt es dort, es gibt einen großen Garten, und die Frauen halten Hühner.

Auch Almaz wurde in jenem Krankenhaus operiert, nach drei Stunden waren ihre Fisteln vernäht. Sie kehrte nicht zu ihrer Familie zurück, die sie nach der Geburt davongejagt hatte. Sie blieb in Addis Abeba und arbeitet dort in einem Café.

Millionen Frauen erhalten nach der Geburt keine angemessene Behandlung.

Camilles Baby überlebte die Geburt, ein seltener Fall. Camille wurde in ihrer Hütte von Menschen gefunden, die sie in das Pansi Hospital von Bukavu brachten, einer Stadt im Ostkongo. Dort erhielt sie zunächst psychologische Hilfe und genügend Essen, um wieder zu Kräften zu kommen. Als sie emotional und körperlich wieder stabil war, wurde sie operiert.

Auch das Pansi Krankenhaus hat vielen inkontinenten Frauen ein neues Leben ermöglicht. Dort haben der Chirurg und Nobelpreisträger Denis Mukwege und sein Team etwa 60 000 Patientinnen operiert, die meisten mit Erfolg. Während ihres Heilungsprozesses machte Camille an der Klinik einen Nähkurs und erhielt anschließend eine Nähmaschine von einer Hilfsorganisation. Auch sie kehrte nicht zu ihrer Familie zurück, sondern machte sich in Bukavu selbständig.

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