Nachgeburten

Nach der Geburt ist vor dem Ritual

Nachgeburtenbestattungen haben eine lange Tradition – und sind wieder im Kommen.

Im gemütlich holzigen Dachgeschoss des Schnapsmuseums in Bönnigheim befindet sich der ganze Stolz von Museumsleiter Kurt Sartorius. In Glasvitrinen stehen Tontöpfe und korbgeflochtene Gefäße. Einst wurden darin Nachgeburten, also die dem Kind folgende Plazenta, vergraben. Die Gefäße stammen aus Kamerun, Russland, Neuseeland oder Myanmar. Und aus dem Weinort Bönnigheim in Baden-Württemberg. Denn dort fand Hobbyhistoriker Sartorius vor 35 Jahren Belege für den alten Brauch der Nachgeburt-Bestattung und machte ihn in Forscherkreisen weltweit bekannt.

Der 70-Jährige ist immer noch stolz, dass er mit seinen Grabungen die internationale Wissenschaft beeinflusst hat. 1984 untersuchte der quirlige Mann mit den abstehenden Haaren ein Bönnigheimer Haus, das kurz vor dem Abriss stand. Und fand einen Topf. „Ich habe mich gefreut, endlich kommt der Silberschatz“, erzählt er lachend. Als er weiter grub, kamen weitere Gefäße zum Vorschein – alle leer. In einem Buch hatte Sartorius gelesen, dass Nachgeburten einst im Keller vergraben wurden. „Ich habe die Töpfe mit diesem Brauch in Verbindung gebracht.“

In Bönnigheim sind in der Dachgeschoss-Ausstellung „Kindesglück. Magische Bräuche um Liebe und Geburt“ Töpfe und Gefäße aus der Zeit von 1600 bis 1925 zu sehen. Hintergrund des Brauchs war folgender, erläutert der Museumsleiter: Die Menschen seien früher davon ausgegangen, dass in der Plazenta ein geistiges Wesen lebe, welches eine Verbindung zum Kind habe. Behandelt man das Wesen schlecht, wirft es fort oder gibt es Tieren zum Fressen, räche sich dies am Kind, so der Glaube. Das Bestatten der Nachgeburt sei darum „eine wesentliche Voraussetzung zum Gedeihen des Kindes“ gewesen.

Nach seinem aufregenden Fund buddelte der Hobbyhistoriker weiter. In insgesamt 35 Kellern in Bönnigheim und Umgebung stieß Kurt Sartorius auf weitere Töpfe. „Ein Zufall war ausgeschlossen.“ Er habe das Landesdenkmalamt, Museen und Universitäten angerufen und von seiner Entdeckung berichtet. „Zunächst haben alle nur gelacht“, denkt er zurück. Niemand habe diesen Brauch gekannt, und einen vergleichbaren Fund habe es in Deutschland nicht gegeben. Hinzu kommt: Das Thema Nachgeburt war und ist irgendwie ein Tabuthema.

Doch der Museumsleiter ließ sich nicht beirren. 1997 lud er Forscher aus ganz Europa zum Kongress nach Bönnigheim ein. „Das Kolloquium brachte den Durchbruch.“ Seitdem sei das Thema wissenschaftlich anerkannt, betont Sartorius. Überall in Deutschland und auf der ganzen Welt wurden Gefäße für Nachgeburt-Bestattungen gefunden. Chemische Analysen, die das im Mutterkuchen vorkommende Hormon Östradiol in den Töpfen nachweisen, belegten den Fund auch naturwissenschaftlich. In seinem Museum will der Hobbyhistoriker zeigen, welchen Nutzen Bräuche hatten und haben: „Wenn ein Mensch an den Brauch glaubt, dann verändert das auch etwas in ihm und an seiner Einstellung.“

Derzeit seien Bräuche wieder im Kommen, so der Museumsleiter. Weil der christliche Glaube im Leben vieler Menschen keine Rolle mehr spiele, konzentrierten sie sich vermehrt auf andere Bräuche etwa aus der Esoterik, die ihnen Kraft gäben. Auch die Nachgeburt-Bestattung lebt Sartorius zufolge wieder auf. Wissenschaftlich beschäftigen sich mittlerweile zahlreiche Landesdenkmalämter und Unis mit dem Brauch. „Der Ursprung der Forschung ist aber bei uns in Bönnigheim“, sagt Sartorius (epd)

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