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Viele der Opfer wurden bereits am Wochenende bestattet.
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Viele der Opfer wurden bereits am Wochenende bestattet.

Massenpanik in Israel

Nach der Tragödie

  • Inge Günther
    VonInge Günther
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Die Massenpanik mit Dutzenden Toten auf dem Berg Meron stürzt die Menschen in Israel in tiefe Trauer. In das Entsetzen mischt sich auch die Frage, wer für die Katastrophe verantwortlich ist.

Die Nationalflaggen stehen in ganz Israel auf Halbmast. Die Regierung um Premier Benjamin Netanjahu hatte den Sonntag zum Staatstrauertag erklärt, in Gedenken an die 45 Todesopfer der schlimmsten Katastrophe, die das Land in Friedenszeiten erlebt hat. Ausgelöst durch eine Massenpanik beim größten religiösen Festival seit Beginn der Pandemie, zu dem in der Nacht auf Freitag mehr als 100 000 Menschen zum heiligen Berg Meron im Norden eds Landes geströmt waren.

Die meisten der ausschließlich männlichen Toten sind bereits nach jüdischer Tradition bestattet worden, unter ihnen ein Dutzend Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren. Zwei Familien verloren gleich zwei ihrer Söhne. Doch in das Entsetzen und Mitgefühl mischt sich die Frage nach den Verantwortlichen dieser Tragödie. Und vieles spricht dafür, dass sie zu vermeiden gewesen wäre, wenn Polizei und Politik die angeratenen Sicherheitsauflagen nicht ignoriert hätten.

Warnende Stimmen gab es schon lange, dass die alljährliche Lag Ba’Omer-Feier auf dem Meron, ein Massenevent, das vor allem ultraorthodoxe Juden anzieht, enorme Risiken berge. Dort befindet sich die Grabstätte von Schimon Bar Jochai, einem Rabbiner aus dem zweiten Jahrhundert und Urheber eines der wichtigsten Texte der Kabbala. Zu seinen Ehren und zur Erinnerung an den Bar Kochba-Aufstand gegen die Römer werden zwischen großen Konzertbühnen große Lagerfeuer angezündet, um die gottesfürchtige Haredim oft bis zur Ekstase tanzen. Doch die Zugänge zum provisorischen Festivalgelände sind eng und überlaufen. Einer wurde nun zur Todesfalle, als nach Mitternacht auf einer abschüssigen, nur wenige Meter breiten und von Seitenwänden begrenzten Rampe Panik in der dichtgedrängten Menge ausbrach.

Immer mehr Personen, überwiegend Männer und Kinder, gerieten auf den metallglatten und aufgrund weggeworfener Wasserflaschen glitschigen Stufen ins Rutschen und stürzten. Diese Passage macht einen 90-Grad-Bogen, so dass die nachrückenden Massen von den panischen Szenen hinter der Kurve nichts mitbekamen und weiter voran wollten, raus aus dem Tunnel.

Zeuginnen und Zeugen schilderten, wie die Leute in dieser Stampede auf die Vorderen flogen und niedergetrampelt wurden. Verzweifelte Rufe „wir können nicht atmen“, seien immer stiller geworden „Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, um uns herum lagen Tote“, berichtete ein Überlebender später im Krankenbett. Der Druck auf den Stufen sei entsetzlich gewesen. Alle hätten Todesängste ausgestanden. Viele konnten nur in letzter Minute von Rettungskräften aus der Menge gezogen werden.

Von den 150 Verletzten kamen die meisten mit Prellungen davon. Mehr als 20 Israelis mussten aber wegen schwerer, teils lebensgefährlicher Verletzungen per Rettungshubschrauber in Hospitäler geflogen werden. Fotos vom Morgen danach zeigten den Hauptschauplatz der Tragödie übersät mit Schuhen, zerbrochenen Brillen und zerdrückten Trinkbehältern.

Premier Benjamin Netanjahu, der mit seinem für Öffentliche Sicherheit zuständigen Minister Amir Ohana am Freitag den Ort in Augenschein nahm, versprach eine „gründliche, ernsthafte und tiefgehende Untersuchung, damit sich ein solches Desaster nicht wiederholt“. Jedoch erinnerten kritische Stimmen daran, dass Netanjahu selbst in Lockdown-Zeiten aus Rücksicht auf religiöse Koalitionspartner:innen über das notorische Nichtbefolgen von Kontaktbeschränkungen in strengfrommen Wohnvierteln hinweggesehen habe.

Auch soll sich Minister Ohana gegen jegliche Teilnehmerbeschränkung bei der Feier auf dem Meron ausgesprochen haben. Wäre es nach den Gesundheitsbehörden gegangen, hätten am Einlass nur 10 000 Gäste nach Kontrolle ihres „Green Pass“, dem Nachweis der doppelten Corona-Impfung, eingelassen werden dürfen. Allerdings hatte neben rechten Knesset-Mitgliedern auch Innenminister Arie Deri darauf bestanden, den frommen Haredim freien Zugang, wie vor der Pandemie üblich, zu gewähren. Israel sei schließlich fast durchgeimpft.

Die 5000 Polizist:innen sahen sich angesichts des unerwartet großen Andrangs offenbar nicht in der Lage, jedwede Auflagen durchzusetzen. Der polizeiliche Bezirkskommandant Schimon Lavi bekannte sich zwar gleich nach dem Unglück zu seiner „vollen Verantwortung“, ohne aber seinen Rücktritt zu erklären. In israelischen Kommentaren hieß es, Lavi sei einigen Leuten in der Regierungsspitze als Sündenbock willkommen, um von deren politischem Versagen abzulenken.

Die Ermittlungen jedenfalls konzentrieren sich bislang auf polizeiinterne und behördendienstliche Fehlentscheidungen. Rufe nach einer staatlichen Untersuchungskommission, die auch Mitglieder der Regierung vorladen könnte, stießen nur in der Opposition auf Unterstützung. Noch Stunden vor der fatalen Freitagnacht waren rechte Spitzenminister voller Selbstlob über das von ihnen ermöglichte Event. Aber auf einmal, bemerkte „Maariv“-Journalist Ben Caspit bissig, „sind sie alle von unseren Bildschirmen verschwunden“.

Premierminister Benjamin Netanjahu (Mitte) auf dem Berg Meron. dpa

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