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Die Welt ist verkehrt, Corona macht sie noch ungerechter. Doch die Krise könnte neuen Schwung bringen für einen solidarischen Feminismus.

Corona und Feminismus

Warum die Corona-Krise die Stunde der Frauen einläuten kann

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Die Welt ist verkehrt, Corona macht sie noch ungerechter. Doch die Krise könnte neuen Schwung bringen für einen solidarischen Feminismus. Elf Frauen skizzieren ihre Ideen.

  • Kann die Corona-Krise die Stunde der Frauen einläuten?
  • Elf Frauen des öffentlichen Lebens wurden nach ihrer Empfehlung zur Krise gefragt
  • Die Krise als Chance und neuen Schwung für einen solidarischen Feminismus

Frankfurt – Wie wäre diese Krise verlaufen, wenn Angela Merkel nicht nur zwei, sondern 15 Ministerpräsidentinnen in Deutschland zur Seite gestanden hätten? Das ist die Fragestellung, die hinter diesem Projekt steckt.

Die Idee dazu hatte ich während eines Livestreams mit Nils Minkmar, in dessen Verlauf wir auch über Frauen und das Coronavirus sprachen: „Was hätte in den Empfehlungen der Leopoldina gestanden, wenn man mehr Frauen einbezogen hätte? Sollten Frauen eine Leopoldina für Frauen gründen?“, fragte ich. Auf Twitter wurde das Gedankenspiel begeistert aufgenommen, umgehend schrieben Twitterer die Namen von Frauen ins Netz, deren Gedanken zur Krise sie gerne hören würden.

Feminismus und Corona: „Wenn die Pandemie eine Krise für die Frauen ist, was ist euch jetzt wichtig?"

Es scheint viele Menschen zu geben, die nur darauf warten, Frauen zu nennen, von denen sie etwas zur Krise hören möchten. Das kann man sich angesichts der männlichen Dominanz in dieser Krise kaum vorstellen. Daher habe ich mich von der Begeisterung auf Twitter inspirieren lassen und elf Frauen des öffentlichen Lebens gefragt: „Wenn die Pandemie eine Krise für die Frauen ist, was ist euch jetzt wichtig? Welche Empfehlungen würdet ihr an die Regierungen oder an die Gesellschaft richten?“ Frauen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen haben geantwortet – und unsere Thesen und Gedanken zur Corona-Krise sollen ein Beitrag zu einer Debatte sein, wie die Bundesrepublik sie derzeit braucht. Eine Debatte, in der vermehrt auch die Stimmen von Frauen Gehör finden – und die Bedürfnisse von Frauen ins Blickfeld rücken.

Jagoda Marinic ist Autorin. Zuletzt erschien von ihr „SHEROES – neue Held*innen braucht das Land“.

Im Moment überwiegt Alarmismus beim Thema Frauen. Das ist wichtig, denn wer jetzt nicht schreit, wird schnell vergessen. Das Horrorszenario „Backlash“ wird seit Wochen an die Wand gemalt. Wie viele Jahrzehnte fallen wir zurück? Es geht um die Erfolge einer ganzen Generation Feministinnen. Erste Studien belegen die Tendenz zu „Retraditionalisierung“. Diesen Schockmoment können wir nutzen, um mehr als den Erhalt des Status quo zu fordern.
Ich habe eine Utopie und hoffe, mit ihr diesem ersten Schock etwas entgegensetzen zu können: Statt nur den Backlash in die Fünfzigerjahre zu verhindern, sollten Frauen versuchen, in dieser Krise Fortschritte für den Feminismus einzufordern. In extremen Krisenzeiten wird Gesellschaft neu organisiert. Notgedrungen werden staatliche Maßnahmen neu verhandelt. Themen stehen auf der Tagesordnung, für die man im Normalmodus oft Monate oder gar Jahre braucht, um sie überhaupt auf die Agenda der politischen Entscheider*innen zu heben.
Natürlich fällt man zunächst in alte Gewohnheiten zurück. Doch der Schock darüber könnte Frauen auch zum Gegenteil bewegen: Wenn jetzt Kinderbetreuung neu ausgehandelt wird, dann nicht ohne uns Frauen! Corona-Elterngeld? Bitte nur paritätisch, so zumindest lautet eine Forderung der Frauen, die sich an diesem Projekt beteiligt haben.

Was bislang schlecht funktionierte, funktioniert nun gar nicht mehr. Es ist an uns, diese Missstände, da sie wie unter einem Brennglas sichtbar werden, anzuprangern. Die Rollenverteilung in Beziehungen muss neu ausgehandelt werden, auch bei Paaren, die das sonst meiden. 

Coronavirus: Wenn die Care-Arbeit zu größeren Teilen an Männern hängen bliebe, würde hier schnell für Lösungen gesorgt

Zu viele Frauen erleben gerade schmerzhaft: Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ist nicht von Natur aus, wie es ist, sondern weil die Gesellschaft und die Art, wie Gesellschaft sich organisiert, die Geschlechter in diese Rollen zwängt. Die Corona-Maßnahmen spiegeln dabei die Leitbilder unserer Gesellschaft wider. In Dänemark öffneten die Kitas als Erste, weil Gleichstellung kein Feigenblatt ist und Kinder nicht bloß Frauensache. Man darf sicher sein: Wenn die Care-Arbeit zu größeren Teilen an Männern hängen bliebe, würde hier schnell für Lösungen gesorgt.

Der Backlash, den Corona forciert, ist leider nicht ganz neu. Schon vorher war eine Rückkehr in traditionelle Frauenrollen zu beobachten, sank die Zahl der Frauen in deutschen Parlamenten, wurde angesichts der neuen Rechten vor einem Backlash für die Frauenbewegung gewarnt. Aber: Warum sollten wir stehen bleiben bei einem Schreckensszenario? Es gibt auch jetzt Frauen, die Kraft genug haben, für sich und für andere einzustehen. Die Corona-Krise könnte der Beginn eines solidarischeren Feminismus sein. Nicht „Retraditionalisierung“, sondern „Repolitisierung“ sollte jetzt zum Hauptschlagwort des Feminismus werden. 

Ich danke jeder einzelnen Frau, die eine These oder einen Gedanken zu diesem Projekt beigesteuert hat und somit in die Debatte gibt. Unsere Thesen werden von manchen für wichtig befunden werden, von anderen für nichtig. In Zeiten von Hate Speech den Mut zu finden, in die öffentliche Arena zu treten, auch darum geht es. Meine frauenpolitische Forderung in der Corona-Krise lautet daher: Öffentlich-rechtliche Sender sollen die nächsten 18 Monate alle 14 Tage Bericht erstatten, wie viel Sendezeit sie Frauen vor und hinter den Kameras ermöglicht haben. Durch die Krise werden so mehr Frauen im öffentlichen Diskurs hörbar und formulieren ihre Anliegen. Wenn uns das auf mehreren Feldern gelingt, könnte man für den Feminismus sagen: Wir haben diese Krise zu einer Chance für die Frauen gemacht.

Marylyn Addo zu Corona-Krise: „Situation transparent und sachlich erklären“

Marylyn Addo

„In der aktuellen Debatte halte ich es für besonders wichtig, der Bevölkerung transparent und sachlich die derzeitige Situation zu erklären. Obwohl meiner Wahrnehmung nach ein Großteil der Bevölkerung der Wissenschaft vertraut, beobachte ich doch mit Sorge die Zunahme an Fake News – vor allem in den sozialen Medien. Als Ärztin und Wissenschaftlerin konzentriere ich mich auf evidenzbasierte Fakten und kommuniziere diese, so oft es geht, um dieser Entwicklung entgegenzuarbeiten.“

Marylyn Addo ist Oberärztin und Leiterin der Sektion Infektiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Georgine Kellermann zu Corona-Krise: „Vertrauen ist irre wichtig“

Georgine Kellermann

„Bei mir dreht sich die Diskussion mit mir selbst gerade um ‚Vertrauen‘. Vertrauen in mich selbst, in andere, die mehr wissen als ich. Sehr beeindruckt hat mich in den letzten Wochen die Infektiologin Marylyn Addo. Weil ich sie für sehr kompetent halte und weil sie ein sehr herzliches, strahlendes Wesen hat. Ihr vertraue ich. Und natürlich Angela Merkel. Mehr als allen männlichen Politikern, die gerne aus ihren Auftritten auch ein Schaulaufen machen. Meine These wäre: Vertrauen ist irre wichtig.“

Georgine Kellermann ist Journalistin beim Westdeutschen Rundfunk.

Annett Gröschner zu Corona-Krise: „Kinderbetreuung ist keine Privatsache“

Annett Gröschner

„Die Pandemie zeigt in aller Deutlichkeit, was mich als ostsozialisierte Feministin schon seit 1990 an dieser Gesellschaft zweifeln lässt: Wenn es drauf ankommt, fällt dieses Land in Sachen Gleichstellung in den 1950er-Jahre-Modus der alten BRD zurück. Wären Kinder Autos oder Flugzeuge, hätte es längst schon einen Gipfel für sie im Kanzleramt gegeben. Kinderbetreuung ist keine Privatsache, sondern Aufgabe der Gesellschaft. Care-Arbeit nur auf den Balkons klatschend zu belohnen, anstatt sie angemessen zu bezahlen, ist zynisch. Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag, solidarisch, klima- und kinderfreundlich.“

Annett Gröschner lebt seit 1983 als Schriftstellerin, Journalistin und Dozentin in Berlin.

Paula-Irene Villa Braslavsky zu Corona-Krise: „Care ist Arbeit, Care ist auch Lebenssinn und Glück“

Paula-Irene Villa Braslavsky

„Care-Tätigkeiten – die Sorge, das Sich-Kümmern – halten das System am Laufen, im Allgemeinen und nun in der Pandemie im Besonderen. Care ist traditionell weiblich konnotiert. In der Figur der Hausfrau wird Care in höchsten Sonntagsredentönen gelobt – derzeit auch gern von Balkonen beklatscht – und zugleich skandalös ausgebeutet. Care-Tätigkeiten sind schlecht bezahlt und schlecht abgesichert. Das muss sich ändern. Dringend und nachhaltig. Wir müssen Gesellschaft und Politik am Leitbild der Ermöglichung von Care ausrichten, für alle. Denn alle Menschen haben das Recht, Care zu erhalten und zu geben; Care ist Arbeit, Care ist auch Lebenssinn und Glück. Dafür braucht es Zeit, Geld, Ressourcen.“

Paula-Irene Villa Braslavsky ist Professorin am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. 

Maria Furtwängler zu Corona-Krise: „Es braucht gesellschaftliches Miteinander auf Augenhöhe“

Maria Furtwängler

„Um gut durch die Pandemie zu kommen, braucht es gesellschaftliches Miteinander auf Augenhöhe. Das heißt auch: Männer sehen, dass Geschlechtergerechtigkeit auch für sie einen Mehrwert bringt, und machen den Frauen Platz: an Entscheidungstischen und in Expertisekreisen. Sichtbar sein und mehr noch: sichtbar machen heißt für die Verantwortlichen in den Medien auch, Frauen in diesen Wochen vor die Kameras zu holen, wenn es um Expertise und Deutungshoheit geht.“

Maria Furtwängler ist Schauspielerin und Mitgründerin der MaLisa-Stiftung, die sich für gesellschaftliche Vielfalt einsetzt. 

Bascha Mika zu Corona-Krise: „Ein neuer Geschlechtervertrag muss her!“

Bascha Mika

Corona hat die schreiende Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen nicht hervorgebracht, nur ins Rampenlicht befördert. Diese Aufmerksamkeit müssen wir nutzen. Ein neuer Geschlechtervertrag muss her!“

Bascha Mika war FR-Chefredakteurin und schreibt nun als Autorin für die FR. Sie ist Honorarprofessorin an der Universität der Künste Berlin.

Hedwig Richter: „Corona bietet das Schauspiel der Wissenschaft“

Hedwig Richter

„Corona bietet das Schauspiel der Wissenschaft: Wenig ist bekannt, die Suche nach Wahrheit ist aufregend, Argumente werden getauscht, Erkenntnisse gewonnen, Positionen revidiert. Viele der großen Intellektuellen aber staksen mit holistischen Welterklärungen durch die Welt, zornig zumeist, weil sie nicht wahrhaben wollen, dass die Empirie eines Virus sie herausfordert. Sie sollen sich die Hände waschen, wo sie doch angetreten sind, die Welt zu retten!“

Hedwig Richter ist Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der  Universität der Bundeswehr in München.

Christina Hölzel zu Corona: „Wir brauchen mehr Ambiguitätstoleranz“

Christina Hölzel

„Wir brauchen mehr Ambiguitätstoleranz im Umgang mit der Coronavirus-Pandemie – mehr von der Fähigkeit, Ungewisses, Mehrdeutiges auszuhalten. Als Gesellschaft, aber gerade auch als Naturwissenschaftler*innen. Naturwissenschaftliche Forschung wird von Hypothesen geleitet, die es zu be- oder widerlegen gilt. Das verführt zu binärer, vereinfachter Darstellung: Wir versuchen, die Welt in Begriffen von ‚wahr‘/‚falsch‘ zu beschreiben, als sei sie ein Puzzle, das man eindeutig lösen kann. Die Wirklichkeit ist aber widersprüchlich und mehrdimensional. Wir brauchen mehr interdisziplinäres Ringen um Lösungen – weniger Wettstreit um die eine, einzige Wahrheit.“

Christina Hölzel ist Mikrobiologin und Professorin an der Christian-Albrechts-Universität Kiel.

Margrethe Vestager zu Corona-Krise: „Lasst uns unsere Gesellschaft erneuern!“

Margrethe Vestager

„Wir haben schon früher versucht, langsamer zu werden. Doch nie gab es einen Lockdown, absoluten Stillstand. Die Welt vor Corona hatte ihre Vorzüge, aber auch Mängel, Schieflagen und unerfüllte Versprechen. Versprechen von Bildung, Gesundheit, reiner Luft und sauberem Wasser – um nur einige zu nennen. Und natürlich: Geschlechtergerechtigkeit. Wir brauchen mehr als nur Versprechungen. Wir brauchen ihre Erfüllung. Also lasst uns unsere Gesellschaften erneuern! Grüner werden, digitale Tools bestmöglich nutzen. Und sicherstellen, dass jene Bereiche, in denen viele Frauen arbeiten, beim Wiederaufbau dieselbe Aufmerksamkeit erhalten wie andere Bereiche. Das wäre wirklich neu.“

Margrethe Vestager ist EU-Wettbewerbskommissarin und Vizepräsidentin der EU-Kommission.

Nadja Erb zu Corona-Krise: „Wir müssen endlich Strukturen ändern“

Nadja Erb

„Jetzt sind es wieder die Frauen, die sich um die Kinder kümmern. Die Krise zeigt: Zwei ‚Vätermonate‘ reichen nicht, um jahrhundertealte Rollenmuster zu durchbrechen. Elternhilfen dürfen deshalb in Zukunft nur noch paritätisch gewährt werden. Egal ob Elterngeld oder Steuervorteile – die volle Unterstützung bekommt nur, wer die Sorgearbeit gleichberechtigt innerhalb der Partnerschaft aufteilt. Wir müssen endlich Strukturen ändern, um neue Muster zu schaffen.“

Nadja Erb ist stellvertretende Leiterin des Politik-Ressorts der FR.

Maren Kroymann: „Müssen wir wirklich noch beweisen, dass wir’s können?“ 

Maren Kroymann

„Die Krise verstärkt jeden Konservatismus und trifft Frauen härter als Männer – schonweil sie krass schlechter bezahlt werden. Deshalb müssen wir gerade jetzt dafür kämpfen, dass Frauen und Männer einen gleichberechtigten Zugang zu allen Entscheidungspositionen und Ressourcen bekommen. Müssen wir wirklich noch beweisen, dass wir’s können?“
Maren Kroymann ist Schauspielerin, Kabarettistin und Sängerin. 

Von Jagoda Marinic

Eine Performance gegen sexuelle Gewalt wird von Frauen weltweit aufgeführt. Die Initiatorinnen kommen aus Chile. In dem südamerikanischen Land ist der Feminismus auch eine treibende Kraft im Kampf gegen soziale Ungleichheit.

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