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Eine Boeing 737 auf dem Rollfeld des Flughafens in Addis Ababa.

Äthiopien

„Die Alarmglocken läuten“

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Nach dem Flugzeugabsturz in Äthiopien mit 157 Toten wächst das Misstrauen gegen die Boeing vom Typ 737 Max 8.

Die Flaggen wehen auf Halbmast, die äthiopische Regierung erklärte den Montag zum Trauertag. Trotzdem herrscht auf einem Feld außerhalb der Kleinstadt Bischoftu hektische Betriebsamkeit. Angestellte der zivilen Flugbehörde und Mitglieder des Roten Kreuzes suchen das fußballfeldgroße Areal ab, auf dem am Sonntagmorgen die Maschine der Ethiopian Airlines zerschellte – alle 149 Passagiere und acht Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Schon am Montagmorgen sind die Suchteams erfolgreich. Sowohl der „Voice Recorder“, der die Gespräche im Cockpit aufnimmt, wie der „Flight Data Recorder“, der eine Aufzeichnung der wichtigsten Flugdaten enthält, sind gefunden. Die „Black Box“ sei beim Aufprall allerdings beschädigt worden, teilt ein Sprecher der äthiopischen Fluggesellschaft mit. Ob auch die Aufzeichnungen beschädigt sind, müsse erst noch festgestellt werden.

Davon hängt nicht nur die Sicherheit von Millionen von Fluggästen und der Betrieb zahlreicher Fluggesellschaften ab. Vor allem fiebert der US-amerikanische Flugzeugbauer Boeing der Auswertung entgegen. Bereits kurz nach dem Unglück war der Verdacht aufgekommen, dass das Kontrollsystem der neuen Boeing 737 Max-8 für den Crash verantwortlich sein könnte. Zu sehr ähnelt der Absturz der äthiopischen Maschine jenem eines Jets desselben Typs der indonesischen Fluggesellschaft Lion Air, der im Oktober vergangenen Jahres in der Nähe von Jakarta ins Meer gestürzt war.

Parallelen zum Absturz der Lion-Air-Maschine in Jakarta

Mehrere Airlines reagierten bereits am Montag auf diesen möglichen Zusammenhang. Zunächst orderte die chinesische Luftfahrtbehörde einen vorübergehenden Flug-Stopp sämtlicher 737 Max-8-Jets an. Fast 100 Maschinen mehrerer chinesischer Fluggesellschaften sind davon betroffen. Dann zogen auch die Ethiopian Airlines, die Cayman Airways, Royal Air Maroc und die indonesische Luftfahrtbehörde nach. „Auch wenn wir die Ursachen des Absturzes noch immer nicht wissen, gehen wir auf Nummer sicher“, teilte ein Sprecher der äthiopischen Fluggesellschaft mit.

Boeing-Vertreter eilten bereits nach Addis Abeba, um sich an der Untersuchung der Absturzursachen zu beteiligen. Sie wurden von Repräsentanten des „U.S. National Transportation Safety Board“ und der „Federal Aviation Administration“ begleitet. Unterdessen sackte der Kurs der Boeing-Aktie um neun Prozent ab. Der Flugzeugbauer hatte den Nachfolger seines mehr als 10 000 mal verkauften „Arbeitspferdes“ 737 vor zwei Jahren auf den Markt gebracht. 350 Maschinen des neuen Typs sind schon verkauft, mehr als 5000 weitere in Auftrag gegeben. Die 737 Max-8 soll mehr als zwei Drittel der bis zum Jahr 2032 projizierten Boeing-Verkäufe ausmachen.

Schon beim Absturz der indonesischen Lion-Air-Maschine waren Fragen über das Kontrollsystem des Kurz- und Mittelstreckenflugzeugs aufgekommen. Obwohl es bisher lediglich einen vorläufigen Untersuchungsbericht in Jakarta gibt, scheint fest zu stehen, dass sich die Piloten des Lion-Air-Flugs JT610 in einer ähnlichen Situation wie ihre äthiopischen Kollegen von ET302 befunden haben. In beiden Fällen traten die Schwierigkeiten bereits wenige Minuten nach dem Start ein, beide Maschinen wiesen einen erratischen Flugverlauf – mal steigend, mal fallend – auf, in beiden Fällen wollten die Piloten zum Flughafen zurückkehren, was ihnen nicht mehr gelang.

In Indonesien konzentrierten sich die Nachforschungen offenbar auf Sensoren, die den Auftrieb der Maschine prüfen. Ist dieser zu schwach, sorgt das Kontrollsystem automatisch dafür, dass das Flugzeug in den Sinkflug geht. Vermutlich reagierten die indonesischen Piloten darauf, indem sie den Jet manuell wieder hochzogen, könnten jedoch vom Bordcomputer wieder korrigiert worden sein. Gewissheit über die Absturzursache ist aus Indonesien womöglich nicht zu erwarten. Die „Black Box“ wurde niemals gefunden.

Gegenüber „CNN“ bezeichnete die ehemalige Generalinspektorin der US-Transportbehörde, Mary Schiavo, die Parallelen zwischen dem Absturz in Äthiopien und Indonesien als „höchst verdächtig“. „Wir haben hier zwei brandneue Flugzeuge, die innerhalb eines Jahres abstürzen. Das lässt in der Flugzeugindustrie die Alarmglocken läuten.“

Info

Mehrere Airlines und Behörden haben am Montag mitgeteilt, den Flugverkehr mit 737-Max-8-Jets vorläufig zu stoppen. Dies sind die chinesische Luftfahrtbehörde, Ethiopian Airlines, Cayman Airways, Royal Air Maroc, die indonesische Luftfahrtbehörde.

Deutsche Fluggesellschaften nutzen keine Boeing 737 Max 8, wie ein Sprecher des Verkehrsministeriums sagte. Norwegian setzt weiter auf das Flugzeugmodell – alle Maschinen befänden sich im Betrieb. Tuifly, das ab Mitte April mit der ersten Boeing 737 MAX 8 starten will, äußerte sich abwartend. Wie ein Sprecher sagte, warten die meisten Fluggesellschaften auf Informationen von Boeing und der FAA.

Das Auswärtige Amt bestätigte am Montag fünf deutsche Todesopfer bei dem Unglück in Äthiopien. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte den Angehörigen ihr „tief empfundenes Mitgefühl“. (FR/dpa/afp)

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