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Der Mythos vom guten Drogenbaron

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Von: Wolfgang Kunath

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Ein Porträt zeigt Pablo Escobar. Ein Mann, der in der Nähe von Escobars früherem Anwesen lebt, hat eine Kerze angezündet.
Ein Porträt zeigt Pablo Escobar. Ein Mann, der in der Nähe von Escobars früherem Anwesen lebt, hat eine Kerze angezündet. © AFP

Vor 20 Jahren wurde Pablo Escobar, der bekannteste und blutrünstigste Drogenhändler aller Zeiten, auf der Flucht erschossen. Er beschäftigt die Kolumbianer immer noch - in Film, Fernsehen, Literatur, Mode und Volksglaube.

Er wird mit den großen Scheusalen der Menschheitsgeschichte verglichen, mit Pol Pot und Hitler, und dennoch hält sich bis heute auch der Robin-Hood-Mythos, mit dem sich Pablo Escobar, der bekannteste und blutrünstigste Drogenhändler aller Zeiten, zu umgeben wusste. Vor 20 Jahren wurde er auf der Flucht erschossen. Aber Escobar beschäftigt die Kolumbianer immer noch – ein Wiedergänger in Film, Fernsehen, Literatur, Mode und Volksglaube.

Er genoss es, beneidet und geächtet, berühmt und berüchtigt, bewundert und gefürchtet zu sein. Denn was keiner vor ihm und keiner nach ihm wagte, das betrieb er mit höchster krimineller Entschlossenheit: den Staat herauszufordern. Seine Nachfolger mögen bestechen, bedrohen und morden, aber den Kampf gegen den Staat haben sie sich nicht aufs Panier geschrieben.

Früh auf die schiefe Bahn geraten

Escobar, 1949 in ländlich-bürgerlichem Milieu zur Welt gekommen, geriet früh auf die schiefe Bahn. Mit 22 Jahren entführte er einen in seiner Heimatstadt Medellín verhassten Industriellen und erdrosselte ihn, nachdem das Lösegeld eingetroffen war. Ob das sein erster Mord war, ist unbekannt; die Schätzungen der Zahl der Menschen, die wegen ihm das Leben lassen mussten, schwanken zwischen vier- und zehntausend.

Mitte der Siebziger löste das höchst lukrative Kokain das bis dahin übliche Marihuana ab. Einen Konkurrenten, der einige Piloten für Kokain-Flüge in die USA unter Vertrag hatte, ließ Escobar ermorden, und den Piloten wurde mitgeteilt, dass sie künftig für ihn arbeiten.

Wie groß das Vermögen war, das Escobar in den Achtzigern zusammenraffte, ist unklar. Angeblich soll er zeitweise der reichste Mann der Welt gewesen sein, oder jedenfalls einer der reichsten. Das kolumbianische Nachrichtenmagazin „Semana“ verglich ihn ein Jahr vor seinem Tod mit Nelson Rockefeller: Was für den Öl war, war für Escobar das Kokain. Sein Aufstieg fiel in eine Zeit raschen, radikalen Wandels in Kolumbien, und in gewisser Weise war Escobars Macht eine Folge dieses Wandels. Das alte, ländlich geprägte Kolumbien verstädterte zusehends, der Kaffeeanbau verfiel mit den Preisen, die ehedem abgeschottete Wirtschaft öffnete sich dem Weltmarkt. Alte kulturelle Werte wurden überlagert von den neuen, die das Fernsehen und die Globalisierung mitbrachten.

Escobar und sein Robin-Hood-Ruf

Dem entsprach die Kultur des schnellen Drogen-Geldes, die nicht groß nach Gesetz und Legalität fragte, geschweige denn nach Ethik und Moral. Sie prägte nicht nur den Drogenhandel, sondern die ganze Gesellschaft; schließlich war es der alte Geldadel, der den Kokain-Parvenüs mit Banken und Anwälten, mit Immobilien und Luxusimporten zu Diensten war.

Und vor allem prägte sie eine ganze Generation von jugendlichen, chancenlosen Habenichtsen, die im Dienste Escobars mit einem Revolver plötzlich zu persönlicher Macht und den teuren Marken-Turnschuhen kamen, die sie im Fernsehen sahen.

In den frühen Achtzigern tummelte sich Escobar in der Politik und wetterte gegen die alten Verhältnisse. Das klang irgendwie volksnahe und sogar links, und zusammen mit seinen Wohltaten für die Armen – er ließ Kirchen, Sportplätze und Wohnhäuser bauen, und er bedachte stets die Bettler – begründete das seinen Robin-Hood-Ruf.

Dass er mit den rechtsextremen Paramilitärs paktierte, ändert an diesem Ruhm kaum etwas. Und dass er in Saus und Braus lebte, natürlich auch nicht. Sein Landgut Nápoles hatte einen Zoo mit angeblich 2500 exotischen Tieren. Die Flusspferde vermehrten sich und leben bis heute in freier Wildbahn.

Präsidentschaftskandidat, Polizisten, Staatsanwälte sterben

Plata o plomo, frei übersetzt: Knete oder Kugel – unter diesem Motto korrumpierte er den Staat: Entweder man ließ sich schmieren oder man starb. Den Präsidentschaftskandidaten Luis Carlos Galán, der gegen den Drogenhandel vorzugehen versprach, ließ er ermorden, ebenso wie den Justizminister Rodrigo Lara Bonilla und den Verleger, Guillermo Cano, dessen Zeitung „Espectador“ gegen die Drogenmafia anschrieb. Zu hunderten starben Polizisten, Staatsanwälte, Gefängniswärter und Konkurrenten, die dem Drogenzar im Wege waren. Selbst als Gefangener unterwarf er sich noch den Staat: Er hauste in einem Fünf-Sterne-Knast. Als dessen Luxus öffentlich bekannt und zu peinlich wurde, floh er, als er verlegt werden sollte. Dabei wurde er getötet.

Heute ist sein Grab stets mit Blumen geschmückt. Ganz Kolumbien war gefesselt, als 2012 „Escobar, der Herr des Bösen“ in über 70 Folgen im Fernsehen lief. Historische Aufklärung, sagten die Verteidiger, Verherrlichung des Verbrechens, riefen die Kritiker, die lieber Cano, Galán und Lara Bonilla verherrlicht gesehen hätten.

Immer noch erscheinen Bücher und Filme über ihn. Seine in Argentinien lebende Witwe und die beiden Kinder haben kürzlich sogar versucht, den Namen „Pablo Escobar“ international als Marke schützen zu lassen. Allerdings erfolglos: Weil so eine Marke eine Rechtfertigung der Gewalt darstelle.

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