Missbrauchsvorwürfe

„Mutter des Kindes war informiert“

Klinikleitung am Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS) weist Vertuschungsvorwürfe zurück.

Bei dem neuen Verdachtsfall von sexuellem Kindesmissbrauch am Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS) in Homburg hat die Klinikleitung Vertuschungsvorwürfe zurückgewiesen. Am Dienstag hatte die FR berichtet, dass ein Mädchen im Juli 2012 in der dortigen Hals-, Nasen-, Ohrenklinik mutmaßlich missbraucht worden sein soll. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in dem Fall gegen unbekannt. „Die Mutter des Kindes war seitens der Klinik informiert worden“, teilte nun der Ärztliche Direktor des UKS, Wolfgang Reith, am Mittwoch laut der Deutschen Presseagentur mit. Mit der Mutter sei erneut 2019 ein Gespräch geführt und es sei ihr Akteneinsicht ermöglicht worden.

Nach Recherchen der FR-Autoren Klaus Martens und Peter F. Müller ergibt sich aus den Ermittlungsakten allerdings ein anderes Bild: Laut den bei der Staatsanwaltschaft in Saarbrücken unter dem Zeichen 83UJs8/19 geführten Akten, so die Autoren, wendet sich die Mutter im Juni 2019 an die Staatsanwaltschaft und fragt, ob ihre Tochter zu den Patienten gehöre, die mutmaßlich von dem Assistenzarzt Matthias S. in der Kinderpsychiatrie missbraucht worden seien. S. ist mittlerweile verstorben. Ihm wird zur Last gelegt, über Jahre Kinder und Jugendliche in der Klinik sowie in seinem Amt als Judotrainer sexuell missbraucht zu haben. Die Antwort, die die Mutter am 1. Juli vom Leitenden Staatsanwalt Michael Görlinger erhalten habe, sei negativ gewesen.

Um Näheres zu erfahren, so die Aktenlage, möge sie sich direkt an die Klinik wenden. Die Mutter habe daraufhin die Klinik aufgefordert, die Patientenakte ihrer Tochter herauszugeben. Von Klinikchef Reith habe sie jedoch weniger Seiten erhalten, als die Patientenakte, die sie seit der Behandlung im Jahr 2012 aufbewahrt hatte, umfasse. Damals seien dem sechsjährigen Mädchen während seines Aufenthalts im Operationssaal der HNO erhebliche Verletzungen im Analbereich zugefügt worden. Verletzungen, die nach Einschätzung der Klinik selbst auf einen schwerwiegenden Missbrauch hindeuteten.

Erst 2014, also zwei Jahre später, so die Recherchen von Martens und Müller, habe der Chefarzt der HNO seine Mitarbeiter über den Vorfall informiert, ohne aber eine Strafanzeige gegen Unbekannt zu stellen. Dies sei erst 2019, und zwar auf Veranlassung der Rechtsanwältin, an die sich die Eltern wendeten, geschehen.

Zu den Verdachtsfällen tagte gestern der parlamentarische Untersuchungsausschuss nichtöffentlich im Saarbrücker Landtag. Der neue mutmaßliche Missbrauchsfall am UKS hatte unter saarländischen Politikern Empörung ausgelöst. 

FR/dpa

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