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Keine Führungsfigur: Antoine Griezmann.

EM 2016

Musterknaben mit Ecken und Kanten

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Kann der Fußball eine ganze Nation positiv beeinflussen? In Frankreich schien dies nach dem WM-Sieg 1998 wahr zu werden – fast.

Wie das bei frisch Verliebten so ist: Der Verstand hat nichts mehr zu melden. Die Konturen verschwimmen. Alles rosarot. Oder, in diesem Fall, himmlisch blau, geht es hier doch um eine Liaison besonderer Art: um die der Franzosen und ihrer Fußball-Nationalelf, les Bleus, den Blauen. Es war der 12. Juli 1998, als Zuneigung in Liebe umschlug. Die Fußballmagier Zinedine Zidane und seine Zauberlehrlinge holten bei der Weltmeisterschaft in Frankreich den Titel. Freudetrunken lagen die Franzosen einander in den Armen und ihren WM-Helden zu Füßen. Alles traute das Volk ihnen zu. Wer Wunder auf dem grünen Rasen vollbringt, so lautete die aus der Euphorie geborene Überzeugung, ist dazu auch im grauen Alltag imstande. Kühnste Hoffnungen keimten. Die allerkühnste: Die Blacks, Blancs und Beurs – die schwarzen, weißen und die aus arabischen Ländern stammenden Fußballer, die sich zum Ruhme des Vaterlands zusammengerauft und Frankreich den ersten WM-Titel beschert haben – würden der Nation den Weg zur Integration auch außerhalb des Spielfelds weisen.

Das „Allez les bleus“, mit dem die Fans die Nationalspieler traditionell anfeuern, bekam eine neue Konnotation. „Auf geht’s, ihr Blauen“ bedeutete nun auch: auf dass der Rest des Landes folgen möge, auf dass die in Vorstadtgettos abgedrängten Jugendlichen mit afrikanischen und arabischen Wurzeln und ihre in besseren Verhältnissen lebenden Altersgenossen ein neues, mit sich selbst versöhntes Frankreich aus der Taufe heben. Black-blanc-beur, so sollte das ganze Land nun sein. Freudetrunken stimmten eben noch fremdenfeindliche Parolen schwingende Franzosen Multi-Kulti-Hymnen an. Der frühere Innenminister Charles Pasqua, der sich als Scharfmacher hervorgetan und eine auf null reduzierte Einwanderungsquote gefordert hatte, schlug in einem Anfall von Glückseligkeit vor, alle illegal eingereisten Immigranten mit Aufenthaltspapieren auszustatten.

Geworden ist aus all dem bekanntlich nichts, schon weil die Weißen, die alteingesessenen Franzosen, nicht mitgespielt haben. Mit dem Black-blanc-beur Ernst machen, hätte bedeutet, den Vorstadt-Jugendlichen in mannschaftlichem Geiste das Tor zum gesellschaftlichen Aufstieg zu öffnen, einem Khaled oder einer Rachida auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt die gleichen Chancen einzuräumen wie einem Francois oder einer Hélène. Es hätte bedeutet, den defekten sozialen Aufzug zu reparieren, der Angehörige unterer Einkommensgruppen nach oben bringt.

Den WM-Helden nachgeeifert haben allein die Banlieue-Jugendlichen afrikanischer oder arabischer Herkunft. Der Triumph in Vorstadtsiedlungen aufgewachsener Champions wie Lilian Thuram hat daran erinnert, dass man mit dem Ball am Fuß dem von Armut, Arbeitslosigkeit und Gewalt gezeichneten Getto für immer den Rücken kehren kann. Einer von Zehntausend kann es zumindest, ein Auserwählter, der nicht schon auf den ersten Stufen der Karriereleiter abstürzt, in der vierten Liga landet oder in der Gosse.

Wenn am 10. Juni nun das nächste große Fußballturnier in Frankreich beginnt, die Europameisterschaft, erwarten die Franzosen von den Blauen denn auch keine Integrationswunder mehr. Die Liebe ist abgekühlt. Sie macht nicht mehr blind für die soziale Wirklichkeit. Wobei die Ernüchterung nicht von heute auf morgen einsetzte.

Zwei Jahre nach dem WM-Triumph flackerte sogar noch einmal die Hoffnung auf, dass aus Black-blanc-beur doch noch etwas werden könnte. Frankreichs Multi-Kulti-Elf hatte bei der in Belgien und den Niederlanden ausgetragenen Europameisterschaft ihren Führungsanspruch untermauert und den Titel geholt. Deutlich sichtbare, hässliche Risse in Frankreichs heiler Fußballwelt sollten erst später aufscheinen. Die ersten gab es bei der WM in Deutschland 2006, wo die Blauen nach enttäuschendem Beginn ins Finale vorgedrungen waren und sich mit den Italienern zu messen hatten.

Es lief die 109. Minute, als ein wuchtiger Kopfstoß Zidanes nicht den Ball traf, sondern die Brust des Italieners Marco Materazzi. Zidane sah die rote Karte. Die Italiener, die bis dahin 0:1 zurückgelegen hatten, gewannen 5:3 nach Elfmeterschießen. Und die Franzosen fragten sich, wieso der sonst so überlegt und souverän das Spiel gestaltende Mittelfeldregisseur nach beleidigenden Worten Materazzis derart ausgerastet war.

Bei der WM in Südafrika, für die sich die Blauen nur dank eins von Thierry Henry regelwidrig mit der Hand Richtung Tor weitergeleiteten Balles qualifiziert hatten, gab es dann nicht nur Risse, sondern Scherben. Ernüchtert mussten die Franzosen im Sommer 2010 zur Kenntnis nehmen, dass ihr Team alles schuldig geblieben war, was man ihm aufgetragen hatte. Sportlich war der Auftritt mit nur einem Punkt aus drei Begegnungen der Gruppenphase blamabel, moralisch war er die Katastrophe. Die Nationalelf zeigte Auflösungserscheinungen. Nicht einmal innerhalb der Mannschaft mochten Schwarze, Weiße und Nachfahren arabischer Einwanderer noch gemeinsame Sache machen. Und als wäre der Zerfall nicht peinlich genug, wurde er auch noch live in alle Welt übertragen.

Hunderte Millionen Zuschauer sahen einen am Rand des Trainingsgeländes geparkten Mannschaftsbus, dessen Insassen beschlossen hatten, die Arbeit zu verweigern. Der nicht erst in diesem Moment hilflos wirkende Trainer Raymond Domenech bekam von den Meuterern eine Erklärung ausgehändigt, die der Coach dann vor laufenden Kameras verlas. Im Geiste der Solidarität mit Stürmer Nicolas Anelka war das Papier verfasst worden, der Domenech zuvor einen Hurensohn genannt und ihm empfohlen hatte, sich von hinten penetrieren zu lassen.

Der Verherrlichung folgte die Verdammnis. Frustriert kehrte die Nation den Totalversagern den Rücken. Dabei hatten Anelka und Konsorten doch eigentlich nur getan, was sie als Kinder und Jugendliche gelernt hatten. Sie hatten sich zur Wehr gesetzt, wie es im Vorstadtmilieu Aufwachsende eben tun, wenn sie sich zurückgesetzt, herabgewürdigt fühlen. Sie haben den Kerl, der sie in ihren Augen dumm angemacht hat, cool abblitzen lassen, ihn mit einer Salve von Schimpfwörtern eingedeckt. Und der planlos agierende Coach war ja nicht nur in der Mannschaft extrem unbeliebt. Was Anelka ihm entgegen schleuderte, war zuvor an den Bistrotheken des Landes zu hören gewesen, wenn auch meist in weniger vulgären Versionen.

Sportpolitiker und Verbandsfunktionäre zogen die Konsequenzen. Es hieß jedoch nicht, dass man von geografisch und gesellschaftlich an den Rand gedrängten jungen Menschen nicht erwarten kann, dass sie, zu Ruhm und Reichtum gelangt, plötzlich zu gutbürgerlichen Musterknaben werden. Das Gegenteil wurde beschlossen: Nationalspieler sollte fortan nur noch werden, wer moralisch höchsten Ansprüchen genügt. Frankreichs Premier hat es vor ein paar Wochen noch einmal bekräftigt. „Wer das blaue Trikot trägt, hat vorbildlich zu sein“, sagte Manuel Valls.

So schön das klingt, so wichtig es für den Zusammenhalt der Mannschaft ist, in der Praxis hat es unschöne Folgen. Der aus Algerien stammende französische Schriftsteller Magyd Cherfi hat sie kürzlich aufgezeigt. Mustergültig sein, das bedeutet für einen aus der Banlieue stammenden Nationalspieler, seine Wurzeln kappen, sagte Cherfi. Das könne nicht gut gehen. Die Familienangehörigen und Freunde, die der Fußballer in der Vorstadt zurückgelassen habe, die seelischen Verletzungen, die er sich dort zugezogen habe, seien Teil seiner Persönlichkeit, seines Erbguts.

Mit der bürgerlichen Welt und ihren Codes habe er in Kindheit und Jugend nichts zu tun gehabt, er habe sie sogar abgelehnt, wenn nicht bekämpft. Als Erwachsener bürgerliches Verhalten anzunehmen, es exemplarisch vorzuleben, sei zu viel verlangt. So mancher Spieler werde darüber schizophren, falle aus der Rolle.

Fest steht, dass viele Blaue dem Anspruch nicht genügen und gehen müssen. Dass Anelka, der Wortführer der Meuterer von Südafrika, die Koffer zu packen hatte, verstand sich von selbst. Für moralisch nicht gut genug befunden wurde auch Samir Nasri, der sich zwar als grandioser Mittelfeldspieler von Manchester City hervorgetan hatte, aber eben auch als latenter Querulant. Ende April wurde der als unstet und launisch geltende Mamadou Sakho aussortiert. Der Verteidiger des FC Liverpool war bei einer Dopingprobe positiv getestet worden. Der zu Übergewicht neigende 26-Jährige soll ein Körperfett verbrennendes Medikament eingenommen haben, das unzulässige Substanzen enthält.

Auch einen Star wie Karim Benzema hat der Bannstrahl getroffen. Stammkraft bei Real Madrid, darf auch er bei der EM nicht mehr mitspielen. Der aus der algerischen Kabylei stammende Franzose gilt als klassischer Fall eines zwischen Banlieue-Vergangenheit und bürgerlicher Gegenwart zerrissenen, aus der Rolle fallenden Blauen. Der 28-Jährige hatte die Verbindung zur Lyoner Vorstadt Bron, wo er aufwuchs, nie abreißen lassen. Großzügig pflegte er den Bewohnern des Viertels unter die Arme zu greifen. Als sein Freund Karim Zenati Ende 2013 aus dem Gefängnis kam, gründeten beide eine Stiftung zur Unterstützung von Vorstadtkindern. Zu den mit Stiftungsgeldern bedachten Einrichtungen zählte Benzemas frühere Grundschule. Im Februar 2015 lud der Champions-League-Sieger Jugendliche aus den Problemvierteln Narbonnes nach Madrid ein. Ein paar Monate später war es dann passiert. Ein Kumpel aus Bron vertraute Benzema an, er versuche mit Hilfe eines Sex-Videos, das den Nationalspieler Mathieu Valbuena mit seiner Freundin zeige, 100 000 Euro zu erpressen. Benzema erklärte sich bereit, Valbuena zur Zahlung zu ermuntern. Davon geht zumindest die Staatsanwaltschaft aus, die ein Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zu versuchter Erpressung und Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung eingeleitet hat.

Nationaltrainer Didier Deschamps wies dem Beschuldigten im Einvernehmen mit dem französischen Fußballverband die Tür. Das Volk applaudierte. Mehr als 70 Prozent heißen den Ausschluss des zuvor als erfolgreichster Torjäger der Blauen Gefeierten gut. Und Linksverteidiger Patrice Evra ließ wissen: „Ich weiß, dass ich raus bin, wenn ich auch nur ein bisschen aus der Reihe tanze.“

Angeblich soll Deschamps kürzlich Lust verspürt haben, die ganze Mannschaft zum Teufel zu jagen. In Amsterdam war das gewesen, wo die Blauen ein Testspiel gegen die Niederlande zu bestreiten hatten. Der Gegner wie auch das Publikum gedachten der verstorbenen Fußball-Legende Johan Cruyff, schwiegen ehrfurchtsvoll, standen still. Die Franzosen liefen unbeeindruckt weiter. Nichts ist für diese Kerle selbstverständlich, alles muss man ihnen erklären, soll Deschamps in diesem Moment gedacht haben. Das vermutet zumindest Grégory Schneider, Sportreporter der Zeitung „Libération“.

Charismatische Fußballer sucht man bei der Équipe Tricolore heute vergebens. Ob es am strengen Auswahlverfahren liegt? Nicht einmal Führungsspieler gibt es. Antoine Griezmann ist keiner, so gut der Stürmer von Atlético Madrid auch mit dem Ball umzugehen versteht. Der Lieblingsspieler der Franzosen ist einfach zu brav. Auch der feinsinnige Hugo Lloris, Stammtorhüter und Kapitän der Blauen, lässt Führungsqualitäten vermissen. Fußballexperten zermartern sich das Hirn, um denjenigen oder gar diejenigen dingfest zu machen, die, wenn schon nicht jetzt, so doch vielleicht in Zukunft zum Alphatier taugen könnten. Fündig werden sie bisher nicht.

Politisch in der Pflicht

Musterknabe zu sein und zugleich Anführer mit Ecken und Kanten, das ist ja auch viel verlangt. Was nicht heißt, dass es da nicht noch weitere schwer erfüllbare Wünsche gäbe, die an die Blauen herangetragen werden.

Staatschef Francois Hollande etwa sieht sie politisch in der Pflicht. Der unbeliebte Präsident, so ist aus dem Elysée-Palast zu erfahren, erhoffe sich von einem guten Abschneiden der Équipe Tricolore einen Stimmungsumschwung im krisengeschüttelten Frankreich und für sich selbst einen Popularitätsgewinn. Schon bei den Gruppenspielen wird Hollande auf der Tribüne sitzen und, wie es ein Vertrauter des Präsidenten formuliert, das Geschehen auf dem Rasen verfolgen „wie einen Topf Milch auf dem Feuer“.

Meinungsforscher können da nur den Kopf schütteln. Brice Teinturier, Chef des Instituts Ipsos, glaubt nicht daran, dass eine für die Gastgeber glanzvolle EM die Stimmung im Land entscheidend aufhellen könne. Die Aufbruchsstimmung nach dem WM-Sieg 1998 sei nicht allein den sportlichen Erfolgen geschuldet, sagt Teinturier. Schon vor Beginn des Turniers sei das gesellschaftliche Klima gut gewesen, der Sieg im Finale habe lediglich stabilisierend gewirkt. Teinturiers Kollege Jérôme Fourquet vom Institut IFOP misst dem Auftritt der Équipe Tricolore genauso wenig gesellschaftspolitische Bedeutung bei. „Anders als Italien, Spanien oder Großbritannien ist Frankreich nicht wirklich eine Fußballnation“, sagt er. Ein EM-Erfolg sei ein bisschen Balsam fürs Herz. Dem im Umfragetief festsitzenden Staatschef zehn Monate vor den Präsidentschaftswahlen zu neuer Beliebtheit verhelfen, das könne die Nationalelf beim besten Willen nicht.

Kein Wunder, dass im Vorfeld der EM einberufene Experten-Runden nicht eben in Vorfreude schwelgen. Öffentliches Fachsimpeln gerät oft zur nostalgischen Rückschau auf die Helden von 1998. Dass sich so mancher Weltmeister von damals heute als Trainer um den Fußball verdient macht, lässt die WM-Größen noch größer erscheinen. Zidane glänzt mit Real Madrid, Laurent Blanc mit dem von den Kataris großzügig ausgehaltenen Paris Saint Germain und Deschamps mit der Nationalelf. Auswärts haben die Blauen zuletzt die Niederlande besiegt, daheim dann noch Russland. Auch wenn es nur Testspiele waren, die Ergebnisse stimmen zuversichtlich.

Sollten les Bleus am Ende doch den Titel holen? Eines wird sich auf alle Fälle nicht wiederholen: In leidenschaftlicher Liebe wird die Nation kein zweites Mal entbrennen. Laut Umfragen haben zwei Drittel der Franzosen von der Équipe Tricolore eine schlechte Meinung. Die Zeiten, da sie an blaue Wunder glaubten, sind dahin.

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