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"Du musst große Fehler machen"

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Hat Zweifel an Shakespeares Biografie: Vanessa Redgrave.
Hat Zweifel an Shakespeares Biografie: Vanessa Redgrave. © dapd

Vanessa Redgrave spricht im Interview über ihre Rolle in Roland Emmerichs Film „Anonymous“, langjährige Zweifel an der Biografie Shakespeares und notwendige Voraussetzungen für Erfolg in der Schauspielerei.

Aufnahme“ – Leicht verwundert spricht Vanessa Redgrave das Wort nach, das auf dem iPhone vor ihr erscheint. Die 74-Jährige scheint nicht ganz fassen zu können, dass Handys heute bei Interviews eingesetzt werden. Zunächst wirkt sie wie jemand, die sich schnell durcheinander bringen lässt. Doch als das Gespräch beginnt, ist sie geistesgegenwärtig. Man spürt ihre Güte, ihren ironischen Scharfsinn und auch jene Energie, die sie in ihrer aktuellen Rolle entfaltet – als alte Queen Elizabeth I. in Roland Emmerichs „Anonymous“. Der Film ist nun in den Kinos zu sehen und zeigt die Entstehung der Shakespeare-Stücke in neuem Licht.

Sie haben viele große Shakespeare-Rollen gespielt. Stört es Sie da nicht, wenn ein Film wie „Anonymous“ dessen Autorenschaft in Frage stellt?

Ich finde diese Frage faszinierend. Noch bevor ich erfuhr, dass möglicherweise eine andere Person diese Stücke verfasst hat, haben mich einige Stellen in der Biografie von Shakespeare irritiert. Wie kam es, dass er nie eigene Bücher hatte, die er seinen Kindern vorlesen konnte? Eine von Shakespeares Töchtern war sogar Analphabetin. Mein Vater hatte eine ganze Bibliothek; er fing als armer Schauspieler an, und jeder einzelne Band war ihm kostbar.

Sie können sich dieser Theorie also anschließen?

Ich habe nicht alle Studien zu dem Thema gelesen. Aber ich habe feststellen müssen, dass die Professoren, die auf der Autorenschaft von William Shakespeare beharren, sehr engstirnig sind. Und ich mag nun mal unvoreingenommene, offene Menschen. Ein Film wie „Anonymous“ eröffnet uns alle möglichen Gedankengänge, und er vertieft auch unsere Liebe für diese Stücke. Deshalb finde ich ihn sehr aufregend.

Gibt es bei Ihren Shakespeare-Erfahrungen eine, die besonders denkwürdig war?

Einmal sah ich meinen Vater als Hamlet in einer Kostümprobe. In der Szene, in der Hamlet von dem Geist erfährt, dass sein Vater ermordet wurde, erstarrte ich vor Schmerz und Kummer. Ich war überzeugt, dass diese Tat wirklich passiert war, und dass dieser Mensch – der mir in dem Moment wie ein Fremder vorkam – zum ersten Mal davon hörte.

Sie sind ja Angehörige eines Schauspieler-Clans, auch Ihre Töchter folgten in Ihren Fußstapfen. Hielten Sie sie an, die Familientradition fortzusetzen?

Ich würde das Bild ein wenig zurechtrücken wollen. Mein Großvater war Angehöriger der Royal Navy und unterrichtete Kadetten, zwei meiner Onkel kämpften im zweiten Weltkrieg. Es gibt auch Sänger und Kameratechniker in der Familie. Und ich wollte absolut nicht, dass meine Töchter Schauspielerinnen werden. Es ist doch einer der schlecht bezahltesten Berufe. Wir sind nicht besser als Metzger oder Bäcker.

Aber es gelang Ihnen doch nicht, sie zu stoppen.

Weil das Schauspielerdasein letztlich eine Frage von Leidenschaft und Berufung ist. Wenn du die verspürst, dann gibt es keine Alternative.

In „Anonymous“ spielt Ihre Tochter Joely Richardson eine jüngere Version Ihrer selbst. Erkennen Sie sich in Ihr wieder?

In keinster Weise. Warum sollte ich das? Sie ist eine wunderbare, wunderschöne Schauspielerin, das ist alles. Ich gebe durchaus zu – diese Frage ist völlig berechtigt. Aber ich sehe sie als sie selbst und nicht mich in ihr.

Gibt es keine Gemeinsamkeiten?

Wir beide lieben Gartenarbeit.

Sie tauschen sich über Ihren Beruf aus?

Zunächst haben wir das nicht gemacht. Aber in den letzten beiden Jahren hat sich das geändert. Ich trete am Broadway auf, meine Tochter hatte das bereits hinter sich. Auch aus diesem Grund gab es leidenschaftliche Unterhaltung. Wir sind regelrecht von dem Thema „Kunst“ besessen. Und wenn du mit jemandem sprichst, dem du völlig vertraust und der die gleiche Obsession für deinen Beruf hegt, dann beginnst du neue Entdeckungen zu machen.

Hat Ihnen dieses Verhältnis auch geholfen, um mit den Schicksalsschlägen der letzten Jahre zurechtzukommen – wie den Tod Ihrer Tochter Natasha Richardson und Ihrer Geschwister Lynn und Corin.

Es hat uns näher zusammengebracht, das kann ich nicht genug betonen. Aber mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Welche Erkenntnisse über die Schauspielerei haben Sie Ihren Töchtern vermittelt?

Es geht nicht darum, ihnen Ratschläge zu geben. Aber eine grundlegende Erkenntnis ist: Du musst große Fehler machen, um dich weiterzuentwickeln. Manchmal denke ich: „Das war jetzt aber schlecht.“ Dann muss ich in aller Demut anerkennen, dass ich nicht jedes Mal ein Tor erzielen kann. Ein anderer Aspekt ist das physische Training. Viele Leute begreifen nicht, welche Rolle das spielt. Aber wenn ich 16, 17 Stunden am Tag auf der Bühne stehe, muss ich mich optimal vorbereiten. Dazu gehören Gymnastik und Übungen für die Atmung.

Haben Sie auch Erkenntnisse, wie man eine Rolle anlegt – zum Beispiel die alte Elizabeth in „Anonymous“?

Alles geht auf die Grundfrage des großen Schauspiellehrers Stanislawski zurück: „Wenn ich mich an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten persönlichen Situation befinden würde, was würde ich tun, wie würde ich handeln?“ Elizabeth ist eine alte Königin, und daraus definiert sich alles. Aber im Detail kann ich es Ihnen nicht sagen. Sie würden für diese Frage eine gute Antwort verdienen, aber dazu bin ich nicht imstande. Wie ich diese Rolle angelegt habe, das sehen Sie auf der Leinwand.

Das Interview führte Rüdiger Sturm

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