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Eigentlich schaut sich der Bewerber am liebsten selbst im Spiegel an, hier blickt er ausnahmsweise mal seiner Partnerin in die Augen.

Musical „Bodyguard“

Musical Bodyguard: „Geh‘ joggen und sing dabei“

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Ein paar schöne Melodien trällern, ein bisschen über die Bühne hüpfen – die Hauptdarstellerin des Musicals „Bodyguard“ muss mehr können.

In einem Kursraum der bekannten Londoner Tanzschule „Danceworks“ dehnen sich an diesem Nachmittag junge Frauen und Mädchen gerade. Es ist die erste Ballettstunde ihres Lebens. Sie ahnen nicht, dass wenige Treppenstufen weiter unten, im Keller, schon seit Stunden ein ziemlich hartes Casting für „Bodyguard - das Musical“ läuft.

Im Neonlicht schwitzen dort 30 Tänzerinnen und Tänzer zu den fürs Musical neu arrangierten Welthits „Queen of The Night“ und „I’m Every Woman“. Seit dem frühen Morgen müssen sie einige der extrem anspruchsvollen Choreografien, die durchaus an ein Beyoncé-Konzert erinnern, in kürzester Zeit erlernen. Der Sauerstoff-Gehalt im Raum ist nur noch mäßig. Außer, dass sie sich den Schweiß abwischen, merkt man den Tänzerinnen und Tänzern die Anstrengung trotzdem kaum an.

Die durchtrainierten Frauen tanzen cool und grazil in Leggings und Sport-Tops – ob Salsa-, Modern- oder Hip-Hop-Schritte. „Das Vortanzen ist wirklich sehr herausfordernd, weil die Choreo einem technisch wie körperlich alles abverlangt“, erzählt die 28-jährige Veronica. Sie hoffe sehr, das Engagement zu bekommen. In einer deutschsprachigen Inszenierung mit den englischen Originalsongs geht „Bodyguard – das Musical“ ab Herbst auf große Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. In der Frankfurter Alten Oper wird es sogar das Weihnachtsmusical sein. Ab 2015 lief es schon einmal im Kölner Dome – fast zwei Jahre lang. Nun kommt es mit einer komplett neuen Besetzung zurück in die Theater.

Schon bevor beim Casting die eigentliche Choreo losgeht, wird es ziemlich sexy, ein bisschen Richtung hüftiger „Dirty Dancing“-Engtanz. Die Tänzerinnen drehen sich in dicken Socken unermütlich auf ihren Zehenspitzen, ihre männlichen Konterparts heben sie schwungvoll in die Höhe. Ein langhaariger Tänzer – Marke muskulöser Jesus, der seine langen Haare mit einem Stirnband bändigt – zwinkert sich zwischendurch ein bisschen selbstverliebt im Spiegel zu.

Die durchtrainierten Tänzerinnen lassen sich die Anstrengungen kaum anmerken.

„900 Tänzerinnen und Tänzer haben sich bei uns beworben und bislang sind 30 weitergekommen. Am Ende brauchen wir aber nur zwölf, also sechs Tänzerinnen und sechs Tänzer“, sagt Martin Flohr, Direktor der Produktion. Nach Sichtung der Lebensläufe hätten sie überhaupt nur 150 Bewerberinnen und Bewerber zum Casting eingeladen. Nicht nur aus England, sondern aus so ziemlich allen europäischen Ländern gab es Bewerbungen, so Flohr. Er ist einer der Jurymitglieder, die am Tisch vor dem großen Spiegel des Tanzstudios sitzen und Notizen machen, während immer Dreiergruppen auftreten. Zweimal dreißig Sekunden haben diese am Ende des Tages Zeit, um die Jury zu überzeugen.

Bis heute ist der Hollywood-Blockbuster „The Bodyguard“ aus dem Jahr 1992 mit Popstar Whitney Houston und Schauspieler Kevin Costner in den Hauptrollen legendär. Als Musical feierte die Liebesgeschichte um Superstar Rachel Marron und ihren Bodyguard Frank Farmer, der sie vor einem gefährlichen Stalker schützt, Ende 2012 im Londoner Westend Premiere. Es war das Jahr, in dem die Musikerin starb. „Als ich anfing für das Musical zu arbeiten, lebte Houston noch“, erzählt Komponist und Arrangeur Chris Egan. Wenige Stunden vor dem Tänzercasting sitzt er in seinem Musikstudio.

Es befindet sich auf dem Gelände der Shepperton Film Studios, wo zahlreiche Filme gedreht wurden, darunter Alan Taylors „Thor: The Dark World“. Chris Egan hat schon als Arrangeur mit Größen wie Lady Gaga oder Lionel Richie gearbeitet. Er schreibt aber auch Musik für TV-Serien wie die britisch-amerikanische Produktion „The Spanish Princess“. „Als ich vor ein paar Jahren das Angebot bekam, die Musik fürs Bodyguard-Musical zu schreiben, habe ich keinen Moment gezögert“, sagt er. „Ich habe den Film sehr geliebt.“

„Bodyguard- das Musical“ geht in einer deutschen Inszenierung ab Oktober auf große Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. In Deutschland gastiert das Ensemble im Kölner Musical Dome (23. Oktober bis 3. November); im Deutschen Theater in München (7. November bis 15. Dezember); in der Frankfurter Alten Oper (18. Dezember 2019 bis 11. Januar) und im Berliner Admiralspalast ( 7. Mai bis 7. Juni 2010). Alle Termine und Tickets gibt es unter:

www.bodyguard-musical.de/tickets

Transparenzhinweis: Die Reise zu den Castings wurde vom Veranstalter unterstützt

Da das Musical nicht nur eine Aneinanderreihung der Hits aus dem Film sein soll, sondern eben ein echtes Musical, musste Egan die vorhandenen Musikstücke miteinander verweben. Dazu hat er nicht einfach nur die Szenen und Dialoge mit Musik unterlegt. „Ich habe auch ‚I’m Every Woman‘ neu arrangiert. Jetzt klingt es nach einem Gloria-Esteban-Miami-Disko-Sound“, beschreibt er und spielt das Lied prompt vor. Auch „Greatest Love of All“ ist Teil der Show - ein Houston-Titel, der allerdings kein Teil des Films war.

Auf der Bühne werde es ein Live-Orchester geben, sagt Egan. „I will Always Love you“ aber bleibe völlig unberührt. „Das Lied fasst man einfach nicht an. Es ist in dieser Version bereits perfekt“, sagt der Komponist. Selbst für Ausnahmetalent Whitney Houston war das Lied, wie sie einst selbst in einem Interview sagte, eine gesangliche Herausforderung. Was viele nicht mehr wissen: Houstons Hit war die Pop-Version eines Countrysongs, den einst Musikgenie Dolly Parton schrieb und sang.

Und auch abgesehen vom Gesang wird der Hauptdarstellerin im Musical einiges abverlangt werden. „Sie muss ‚I Will Always Love You‘ singen, nachdem sie mehrmals über die Bühne gerannt ist und gerade eine sehr emotionale Szene gespielt hat“, sagt Egan. Überhaupt sei die Rolle der Rachel bei jeder Inszenierung schwer zu besetzen gewesen. „Denn sie muss nicht nur herausragend singen, sondern auch toll tanzen und dazu noch schauspielern können.“ Diese neue Rachel sei bereits gefunden, aber da der Vertrag noch nicht unterschrieben ist, bleibe der Name vorerst ein Geheimnis.

„Die Jungs müssen führen, oki doki?“, ruft derweil Choreografin Karen Bruce in den Tanzstudios. Sie hat hier das Sagen, ihr Tonfall lässt keinen Zweifel daran. „Karen ist eine Frau mit der man sich besser nicht anlegt“, prophezeite Egan schon ein paar Minuten zuvor. „Ich zeige einmal die Bewegungen, dann müssen meine Assistenten ran“, sagt Karen Bruce nun. Seit 30 Jahren arbeitet die Britin als Choreografin für Theater und TV.

Auch sie selbst war als junge Frau Tänzerin im Londoner Westend. „Aber mit meinen 1,80 Metern war es für mich immer schwer, Rollen zu bekommen, weil ich meist einen Kopf größer als die Tänzer war“, erzählt sie. „Aber ich hatte immer schon Freude daran, Choreos zu entwickeln.“ Und schnell wurde aus der weniger gefragten Tänzerin die überaus gefragte Choreografin.

Die Hauptrolle der Rachel beschreibt Bruce, als eine, „die eine selbstbewusste Frau ist: Eine Beyoncé.“ Eine zudem, die ziemlich sportlich unterwegs sein muss. Denn die Nummern seien eben körperlich sehr anstrengend. 16 Lieder plus viele Tanznummern muss sie abliefern. „Als Übung sage ich der Hauptdarstellerin immer: ‚Geh‘ joggen und sing dabei ‚I Will Always Love you‘.“ Und eben weil die Rachel eine besonders starke Frau sei, müssten auch die Tänzer mitziehen. „Keine Boys“, sagt Karen Bruce scharf. „Sie müssen mit ihr auf Augenhöhe sein.“

Am Ende des Castings gibt es dann so einen Moment, woe sich die Herren besonders beweisen müssen: Sie sollen ihre schweißgetränkten Shirts zu „Queen of the Night“ ausziehen und ihre Sixpacks zu präsentieren. Die Textzeile „I’m willing tonight“ passt da ziemlich gut – „heute Nacht bin ich bereit.“. Karen Bruce reichen die tatsächlich ganz schön durchtrainierten Männerkörper ringsherum allerdings noch nicht. „Alle Tänzer, die weiterkommen, müssen durch das ‚Bodyguard-Bootcamp‘, wie ich es nenne“, sagt sie. „Acht Stunden tanzen und dazu gibt es noch anderthalb Stunden Muskeltraining extra für die Männer.“

Aber: „Ich habe die Jungs nicht für mein vergnügliches Vergnügen, das Shirt ausziehen lassen“, betont Karen Bruce noch schnell. „Der Grund ist, dass das allererste, was die Zuschauerinnen und Zuschauer sehen werden, wenn der Vorhang fällt, die nackten, durchtrainierten Rücken der Tänzer sind.“ Und ihre Sixpacks sehen sie in der Show dann sicher auch irgendwann.

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