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Ein Hemd ist eben nur ein Hemd – bis es beschrieben und besprochen wird.

Fashion Week

Wir müssen mal reden

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Oder doch nicht? Während es in Berlin immer weniger Modenschauen gibt, kommen jede Saison mehr Talks und Konferenzen hinzu. Was das ganze Gequatsche über schöne Kleider bringt.

Eigentlich ein genialer Satz. Auch wenn man ihn kaum mehr hören mag, eben weil er so oft zitiert wurde. „Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen“, sang die Hamburger Punkband „But Alive“ Ende der 90er – und setzte damit der ambivalenten Rolle der Musikjournalistin und des Musiktheoretikers ein süffisantes Denkmal.

Die Mode hat auch so einen viel zitierten Satz. Nur dass er nicht die Unmöglichkeit, sondern die Unabdingbarkeit des Schreibens und Sprechens über Kleider nahelegt. „Nicht dass sie hergestellt und getragen, sondern dass sie beschrieben wird, macht die modische Kleidung zu einer sozialen Tatsache“, stellte der französische Philosoph und Literaturkritiker Roland Barthes 1967 fest.

Damit kann auch Diana Weis etwas anfangen, „Moden an oder für sich sind weder hässlich noch schön, weder gut noch schlecht, altmodisch oder innovativ, sondern müssen immer auf einen Kontext treffen, um ausgehandelt zu werden“, sagt sie. „Das sind viele Prozesse, und dazu gehört auch das Beschreiben der Mode, das Lesen und Sprechen über sie.“

Weis ist nicht nur Professorin für Modejournalismus an der Business School Berlin. Als Modetheoretikerin schreibt sie auch brillante Essays und Kolumnen, setzt sich mit Soziologie und Ästhetik auseinander, mit Körpernormen zudem, promovierte etwa zum Nervengift Botox. Natürlich weiß sie, dass aus der bloßen Ware erst in der Interaktion und Diskussion wirkliche Mode werden kann.

Und doch findet Diana Weis, Barthes’ Textmetaphern, die Mode vornehmlich als Sprache begreifen, seien aus der Zeit gefallen. „Wir leben ja jetzt in einer eher bildlichen Kultur“, sagt sie. Durch Digitalisierung und soziale Medien, durch iPhone und Instagram würde Mode zunehmend visuell konsumiert, „da braucht es nicht mehr so viel Sprache an sich, der Diskurs findet eher über das Angucken und Teilen statt“.

Merkwürdig also, das ausgerechnet auf der Berliner Modewoche immer mehr geredet wird. Und zwar nicht nur in Form von Smalltalk am Rande des Laufstegs, mit Champagner in der einen und Canapé in der anderen Hand. Auch die orchestrierte Modediskussion gewinnt an Relevanz. Jedenfalls schießen jede Saison neue Gesprächsformate, Panel-Talks und Modekonferenzen aus dem kreativen Nährboden Berlins.

Am Montag etwa wurden Prognosen zur Zukunft der Textilbranche beim „State of Fashion Talk“ des Fashion Council Germany und der Unternehmensberatungsfirma McKinsey präsentiert. Auch die Unternehmen Telekom, Red Bull und Schoeller Textil AG stellten eine gemeinsame beheizbare Kollektion am Dienstag auf einem Panel-Talk vor. Auf der „Fashiontech“-Konferenz geht es ebenso um technologische Neuerungen, auf dem „Fashion-Sustain“-Format der Modemesse Neonyt um nachhaltige Konzepte. Und am gestrigen Mittwoch fand zum zweiten Mal die Gesprächsreihe „The Networkx“ statt.

„Mit unseren Modulen wollen wir Möglichkeiten zum Netzwerken schaffen und die nötigen Kompetenzen dafür fördern“, sagt Organisatorin Sevil Uguz, die auch den Berliner Laden LNFA führt. „Mode ist Kommunikation, und deshalb sind Talks nicht weniger passend als Modenschauen.“ Mehr noch, für Berlin seien all die Gespräche sogar angebrachter als der bloße Catwalk-Reigen, findet Uguz.

In Anbetracht der übermächtigen Konkurrentinnen Paris, Mailand, London und New York müsse sich die Stadt schließlich ein Alleinstellungsmerkmal schaffen. Da könne doch gerade im Land der Dichter und Denker der Diskurs ein probates Mittel sein. „Schon möglich, dass wir hierzulande besonders gerne reden und diskutieren, warum auch nicht?“, sagt Sevil Uguz. „Mode ist schließlich ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft und eine Ausdrucksform der Persönlichkeit, deshalb ist es unerlässlich, drüber zu sprechen.“

Die Berliner Szene sieht das ähnlich. Das zeigt ja der Terminplan dieser Modewoche. Scheint es jede Saison weniger Schauen zu geben, wächst die Zahl an Talks und Konferenzen an. „Ich glaube schon, dass dadurch auch eine Lücke gefüllt werden soll“, sagt Diana Weis. „Zudem leidet gerade die Modebranche immer darunter, als oberflächlich zu gelten. Also inszeniert sie sich gerne so, als setze sie sich besonders intensiv mit der Materie auseinander, das schmeichelt ihr ungemein.“

Was zurück zu Weis’ These der Bildhaftigkeit führt: In einer Zeit, in der die Mode so flach zu werden droht wie die Bildschirme, auf denen sie konsumiert wird, muss sie sich mehr denn je ihrer Relevanz, ihrer Tiefe versichern. Den Spaß an der Sache muss das ja gar nicht nehmen. „Das ist wie mit jeder Kulturform“, findet Weis. „Über die Beschäftigung damit kommen die Menschen zu einem tieferen Verständnis und damit auch zu einer tieferen Freude. Jeder, der sich professionell mit Mode auseinandersetzt, kann nur davon profitieren, genau wie jeder interessierte Laie übrigens.“

Also richtet sich Weis’ eigenes Konferenzformat an ein breites Publikum. Zwar findet „Inventur“ nicht zur Fashion Week statt. Im nächsten Jahr aber bringen Weis und die Verlegerin und Publizistin Christiane Frohmann neben den Konferenzen auch eine Publikationsreihe heraus. „Wir wollen darstellen, dass Mode jeden betrifft“, sagt Weis. „Alle ziehen sich was an, beschäftigen sich zwangsläufig mit Mode, auf ganz unterschiedlichen Ebenen.“

Eine erste Ausgabe der „Inventur“ setzte sich dementsprechend mit der unsterblichen Skinny Jeans auseinander, die bei führenden Modemarken eine immer geringere, in privaten Kleiderschränken trotzdem noch immer eine große Rolle spielt. Und zur Ausstellung „Jil Sander – Präsenz“ im Museum Angewandte Kunst Frankfurt berichteten Weis und Frohmann 2018 von der weiblichen Arbeitsbekleidung.

„Wir wollen immer ganz lebensnahen Themen auf die Schliche kommen“, sagt Weis. „Wo kommt das her, wo geht es hin, warum ziehen wir das gerne an oder eben auch nicht.“ Damit setzen sie und Frohmann in der eher tradierten Modetheorie Deutschlands modernere Akzente. „Die akademische Beschäftigung mit Mode ist hierzulande ein bisschen biedermeierlich, eher Klein-Klein und fleißig“, so Weis. „Sie beschäftigt sich kaum mit kontemporären Phänomenen.“ Gut, dass wir mal drüber gesprochen haben.

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