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Alpintourismus verwandelt den Mount Everest zunehmend in die höchste Müllhalde der Welt.

60 Jahre Erstbesteigung

Mount Everest - der überfüllte Berg

Vor 60 Jahren erreichte Edmund Hillary als erster Mensch den Gipfel des Mount Everest. Heute ist der höchste Berg der Welt zu einer lebensgefährlichen Touristenattraktion geworden. Der Autor Walther Lücker hat recherchiert, was damals geschah.

Von Walther Lücker

Vor genau 60 Jahren, am 29. Mai 1953, bezwangen Edmund Hillary und Tenzing Norgay als erste Menschen den Mount Everest. Heute ist der höchste Berg der Welt zu einer lebensgefährlichen Touristenattraktion geworden. Allein im Mai 2012 starben an zwei Tagen zehn Menschen. Dieser Text ist ein Auszug aus Walther Lückers „Der höchste Berg – Traum und Albtraum Everest“, das im Malik-Verlag erschienen ist.

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Etwa 200 Bergsteiger machen sich an diesem Abend des 18. Mai zwischen 20 Uhr und Mitternacht von der Südseite her auf den Weg in Richtung Gipfel. An der Nordseite sieht es nicht sehr viel anders aus. Alle, die nun an ihrer Ausrüstung herumfuhrwerken, die Stirnlampen einschalten und schließlich losgehen, wissen ganz genau, wie gefährlich das ist, was sie in den folgenden vielen Stunden tun werden.

Aber sie alle müssen diesen Gedanken ausblenden, denn sonst würden sie womöglich so kurz vor dem Ziel vor Ehrfurcht und Angst erstarren. Sämtliche Anwärter lassen sich jetzt von der Hoffnung leiten, dass ihnen schon nichts geschehen wird. Jedem anderen, aber nicht mir. So funktioniert Bergsteigen seit 250 Jahren.

Doch dies ist kein normaler Abend. Auch nicht die Nacht. Und auch nicht der darauffolgende Tag. Es sind abermals viel zu viele Menschen unterwegs. Zweihundert, das ist entschieden mehr, als die Engstellen am Grat aufnehmen können. Schon bald gibt es wieder Stau, wieder Ärger, wieder Verdruss. Als der deutsche Bergsteiger Eberhard Schaaf, ein 61 Jahre alter Arzt aus Aachen, am Hillary Step ankommt, herrscht dort weiterhin Chaos, da hier immer noch Massen von Bergsteigern im Stau stecken. Es ist acht Uhr, und er steht im zunehmenden Wind in der eisigen Kälte.

Zwei Stunden lang. Die beiden Sherpa Pemba Tshering und Pasang Temba haben Bedenken und schlagen den Rückzug vor. Doch Schaaf will weiter. Er kommt allerdings nur noch mit Mühe den Step hinauf. Ein so langes Anstehen ist für sämtliche Bergsteiger nicht nur eine Geduldsprobe, sie werden davon psychisch und physisch auch vollkommen ausgehöhlt. Um kurz nach elf ist Eberhard Schaaf dennoch am Ziel. Endlich. Seit er den Südsattel verlassen hat, sind fast 15 Stunden vergangenen.

Schaaf sinkt am Gipfel zusammen, setzt sich auf seinen Rucksack und zieht sich die Sauerstoffmaske vom Gesicht. Die dünne Luft, auch wenn er sie nur für ganz kurze Zeit einatmet, schwächt ihn weiter. Einer der beiden Sherpa setzt ihm die Maske wieder auf und will ihn hinunterbringen. Doch Schaaf bleibt fast eine Stunde dort oben sitzen. Bergsteiger kommen und gehen, während der Deutsche offensichtlich immer schwächer wird. Schließlich steht er doch auf.

Schaaf hat sich mit einem Freund lange Wochen und Monate auf diesen Tag vorbereitet. Sie ließen sich sogar in einer Kältekammer einsperren, um Ausrüstung zu testen. Sie schliefen in einer Skihalle und balancierten stundenlang im Garten mit Steigeisen über lange Aluleitern, um die Gegebenheiten im Eisbruch zu simulieren.

Der Tote hängt im Weg

Am Hillary Step muss er sich wieder die Beine in den Bauch stehen. Erneut harrt er zwei Stunden frierend und erschöpft aus. Als Eberhard Schaaf dann endlich an der Reihe ist, hat er fast keine Kraft mehr. Er torkelt beim Abseilen über den Step. Schließlich bleibt er im Fixseil hängen und kollabiert. Weil er kurz zuvor darüber geklagt hat, dass er nicht mehr sehen kann, glauben seine Begleiter, dass sich in seinem Kopf ein Hirnödem gebildet hat. Verzweifelt versuchen Pemba Tshering und Pasang Temba Schaaf zu helfen und ihn wieder auf die Beine zu bringen. Doch er stirbt kurze Zeit später. Als die Sherpa weiter absteigen, hängt der Deutsche

noch immer im Fixseil des Hillary Steps. Später schneiden ihn andere Bergsteiger dort heraus, da der Tote ihnen den Weg versperrt.

Am Ende dieses Tages werden innerhalb weniger Stunden acht Menschen am Mount Everest gestorben sein. Ein paar Tage später werden es zehn sein. Schlimmer war es nur 1996. Da starben elf Menschen. Doch die Situation damals ist nicht mit der von 2012 zu vergleichen. 16 Jahre zuvor war die Lage eine völlig andere. Diesmal kommt am Gipfeltag niemand im Sturm um. Es stürzt auch niemand ab, niemand wird von einer Lawine erfasst oder von einem Stein erschlagen.

2012 starben die Bergsteiger am Mount Everest, weil sie zu langsam waren und zu unvernünftig. Weil sie das Risiko dieses unglaublichen Massenauflaufs falsch einschätzten. Weil sie klare Anzeichen von Höhenkrankheit ignorierten. Weil sie sich beharrlich weigerten, umzudrehen, als es noch möglich gewesen wäre. Weil sie zu schwach für den Berg waren und zu stark für ihre Sherpa. Sherpa sind an den höchsten Bergen wunderbare und einzigartig leistungsfähige Begleiter. Aber die allermeisten von ihnen sind keine Führungspersönlichkeiten, die klare Zeichen setzen und eine Umkehr anordnen können.

Am Gipfel gibt es keine Ampeln

Es hat am 18. und 19. Mai 2012 Bergsteiger am Mount Everest gegeben, die verbrauchten acht Flaschen künstlichen Sauerstoff statt der sonst üblichen zwei. Einige schafften es selbst damit nicht bis zum Gipfel. Die zuverlässige Wettervorhersage hatte an einem einzigen Tag viel zu viele Bergsteiger auf die Beine gebracht.

Die Jetzt-oder-nie-Strategie wirkte fast so, als wollten sie sich mit einem Angriffsschrei in ein Kampfgetümmel stürzen. Und selbst als es am Hillary Step zum Megastau kam, als dort entkräftete Menschen apathisch im Schnee saßen oder hemmungslos weinten, als andere schrien und wieder andere darum flehten, man möge sie doch bitte hinunterlassen, kannte niemand Gnade oder Rücksicht.

Im roten Backsteinbau des Tourismusministeriums in Kathmandu hatten sie alle ihr Ticket gelöst. Doch kaum jemand hatte damit gerechnet, dass am Mount Everest niemand sein würde, der den Verkehr regelt. Es gibt in diesen Höhen keine Ampeln und auch keine Polizisten. Es grenzte an diesen beiden Tagen im Mai 2012 fast schon an ein Wunder, dass nicht noch viel mehr passierte.

Teilweise hingen mehr als zwanzig Bergsteiger zwischen zwei Sicherungspunkten in den Fixseilen. Viel zu viele angesichts

der Tatsache, dass die Seile nur mit ein paar Eisschrauben, ein paar windigen Haken oder Firnankern befestigt sind. Ein Sturz, der Ausbruch einer Sicherung, eine Kettenreaktion – und eine noch viel größere Katastrophe hätte sich ereignen können. Die Bergsteigerin Sandra Leduc, eifrige Nutzerin von Twitter-Nachrichten schreibt an diesem Tag: „Ich habe viele Tote und Sterbende gesehen. Ich dachte, ich bin in einem Leichenhaus.“

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