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Im Moskauer Zentrum bleibt der Schnee nicht lange liegen.

Russland

Moskaus asphaltgraues Wintermärchen

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Es schneit und schneit ? Moskau könnte schön sein, aber die Straßenarbeiter schmelzen den Schnee mit viel Chemie weg.

Die Raben fliegen über eine weiße Stadt. Schnee bedeckt die Dächer, liegt schwer auf Bäumen und Büschen, auf den Autos, auf den Straßen. Und er lässt die unzähligen Neujahrsbäume und Lichtskulpturen in Moskau heller strahlen. Seit Anfang Dezember ist über ein halber Meter Neuschnee gefallen. Und es schneit weiter in der russischen Hauptstadt. Bei Temperaturen zwischen sechs und 11 Grad minus schweben überall silberne Schneekristalle in der Luft. Moskau könnte ein Wintermärchen sein – wenn der Schnee nur etwas länger liegen könnte.

Ganze 70 000 Arbeiter und mehr als 15 000 Räum- und Streufahrzeuge führen eine Dauerschlacht gegen den Schnee. Moskau, das trotz Klimawandel noch durchgehend frostige Winter zu bieten hat, ist heftig bemüht, sein weißes Winterkleid möglichst schnell wieder loszuwerden.

Es geht vor allem um freie Straßen. Ohne sie droht der Verkehrskollaps in einer Stadt, in der 5,6 Millionen Autos rumfahren, gerade vor Neujahr, wenn die Hauptstädter ihre Festeinkäufe tätigen und wegen der unverzichtbaren Silvestertanne oft mit dem Pkw unterwegs sind. Die städtischen Dienste bekämpfen den Schnee mit massenhaft Material und ausgeklügelter Taktik. Jährlich werfen ihre Maschinen 185 000 bis 200 000 Tonnen Schmelz- und Streustoffe auf den Moskauer Asphalt, in diesem Jahr hat die Stadt laut dem Nachrichtenportal openmedia.io sogar 324 000 Tonnen gekauft, für umgerechnet 76 Millionen Euro. Kritiker reden von Korruption und von der Schädlichkeit der Chemikalien. Im Gegensatz etwa zu Sankt Petersburg setzt Moskau weniger auf Sand oder Marmorgranulat und stattdessen lieber auf aggressivere Chlorid-, Kalzium-, Natrium- und Salzmischungen.

Schon ehe der Schneefall beginnt, präpariert man die Straßen mit Antifrostmitteln. Bei längeren Niederschlägen rücken die Schneepflüge alle vier Stunden aus, die Streufahrzeuge alle drei Stunden, im gleichen Intervall haben Kleintraktoren und Straßenarbeiter auch Fußwege und Haushöfe zu säubern.

Autofahrer meckern

Die Streustoffe verwandeln auch bei starkem Frost den Schnee in wässrigen Matsch, der nach Ansicht vieler Moskauer Autoreifen, Schuhsohlen und Hundepfoten angreift, Fahrzeuge tragen ihn auf Parkplätze, Fußgänger in die Parks.

Moskauer Schnee wird schnell schmutzig. Und nach dem Schneefall machen sich die Räumkolonnen auch an die Schneeberge in den Straßengräben. Diese landen auf Lastern, die sie in 56 „Schmelzstationen“ karren. Dort wird der oft vereiste Schnee zerkleinert, verflüssigt, gelangt schließlich in die Kanalisation. Laut der Nachrichtenagentur TASS wurden so allein in diesem Winter schon an die drei Millionen Kubikmeter Schnee beseitigt. Und auf den raren Grünflächen taut der Schnee rasch, gerade im Zentrum, wo die Temperaturen im Winter um fünf bis sieben Grad höher liegen als außerhalb der Stadt. Moskau wird wieder asphaltgrau. Und wer hier im Februar Langlaufskier ins Auto trägt, hört oft erstaunte Fragen: „Wo gibt es denn noch Schnee?“

Noch aber ist der Kampf mit dem Winter im vollen Gang. Am zweiten Weihnachtstag kam es bei starken Schneefällen zu einer durchschnittlichen Staudichte von 80 Prozent – ein Wert dicht am Kollaps. Gerade für Pendler aus dem Umland vervielfacht sich jetzt oft die Fahrtzeit zur Arbeit, manche Leute wohnen deshalb sogar zeitweise bei Verwandten in Moskau. „Fünf Stunden am Tag für den Weg zur Arbeit sind mir zu viel“, erklärt eine Frau aus der Vorstadt Balaschicha der Internetzeitung gazeta.ru ihren schneebedingten Umzug.

„Die Autofahrer sind nicht zufrieden“, sagt Rawil Achmetschanow von der Föderation der Autobesitzer Russlands, selbst Moskauer und seit 30 Jahren am Steuer. „Aber die Behörden machen ihre Sache in diesem Jahr gut.“ Er lobt, dass die Räumkolonnen erst gar nicht versuchen, den permanent fallenden Schnee sofort zu beseitigen. „Fast überall liegt eine dünne Schicht Schneematsch auf den Straßen. Deshalb fährt ein Großteil der Fahrer langsamer und vorsichtiger, der Verkehr wird so sicherer.“

Achmetschanow selbst nimmt jetzt je nach Schneefalldichte die U-Bahn. Und wie ein Großteil der Moskauer freut er sich an der Winterschönheit. „Auch Autofahren macht bei Schnee Spaß“, sagt er. „Auf Asphalt fühlst du dich, als führst du auf Eisenbahnschienen, aber auf Schnee wie im Motorboot auf einem See.“

Es schneit weiter. Am Straßenrand häufen sich neue schmutzige Schneehügel. Eigentlich sollte man sich nur noch in gepolsterten Gummistiefeln in die Innenstadt wagen. Die Moskauer aber lieben schönes Schuhwerk. Viele tragen auch bei zehn Grad Frost schicke italienische Halbschuhe oder die neuesten Sneaker. Und die Passagiere der U-Bahn sitzen zum Großteil mit blitzsauberen Schuhen in den Abteilen, als wären sie über den versalzten Winterdreck geflogen. Wie die Fußgänger der Hauptstadt das schaffen, gehört zu den Rätseln des Moskauer Wintermärchens.

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