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Gute Aussichten? Blick aus einer Moskauer Plattenbauwohnung.

Russland

Moskau: Ein Traum von einer Stadt

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Offiziell feiert sich Moskau gern als feudal und fortschrittlich, großzügig und grün. Und zumindest im Stadtkern trifft das auch zu. Weiter außerhalb ist von der teuren Stadtentwicklung nichts zu spüren.

Blaugraue Gewitterwolken schwimmen heran, aber das schert die Moskauer im Feierabend kaum. In der Abendluft hängen melodischer Sowjetrock, Saxophon-Jazz und kaukasischer Rap, scheinbar herrscht in der ganzen Stadt Jam-Session. Dazwischen schlendern die Leute, lässig oder lächelnd, wer es eilig hat, kurvt auf E-Rollern durch das Gewimmel. Und über der großzügigen Kamergerskaja-Fußgängerzone leuchten tausende muschelfarbende Kunststoffsterne. Plötzlich kommt heftiger Wind auf, reißt dutzende Sterne von den Leinen. „Mama“, jubelt ein kleines Mädchen, „es regnet Sterne.“

Moskau ist Russlands Traumstadt, immer schon gewesen. Reich und riesig, hier leben offiziell 12,6 und geschätzt 25 Millionen Menschen, kreisen 68 Prozent des russischen Kapitals. Hier versucht jeder sechste Russe Karriere und Geld zu machen. Eine laute, anstrengende, sich ständig neu bauende Stadt. Aber seit der Sibirier Sergei Sobjanin 2010 Bürgermeister wurde, arbeitet die Riesin daran, auch Schönheit zu werden.

„Wenn ich morgens aus der Wohnung gehe, hat ein Penner ins Treppenhaus gekackt. Und draußen hat mir nachts jemand eine Beule ins Auto gefahren“, räsonierte der Stardesigner Artemi Lebedew schon vor 15 Jahren über den Moskauer Alltag. „Dafür ist das Leben viel schöpferischer als eure westlichen Komfortzonen“.

In Moskau droht Lebedew inzwischen eine kreative Dauerkrise. Neue Rasenflächen und Straßencafés, nachts hell beleuchtete Prachtalleen, tennisplatzbreite Blumenbeete und Trottoire, neue Zebrastreifen und Radwege haben die etwa 20 Quadratkilometer Stadtmitte innerhalb der Gartenringstraße zur fast flächendeckenden Wohlfühlzone gemacht.

Die Ströme der Joggerinnen, die im Gorki-Park an Beachvolleyballplätzen, Pizzerien und Freilichtkinos vorbeisausen, sind mittlerweile ähnlich dicht wie im New Yorker Central Park. Auch weiter stadtauswärts turnen Kinder in Klettergärten über weichem Tartanbelag. „Die russische Hauptstadt ist mittlerweile gepflegter als die deutsche“, schwärmt selbst der Journalist und notorische Russlandkritiker Boris Reitschuster auf Facebook.

Hohe Lebensqualität? Schon zu Sowjetzeiten entstanden die vielen Betonwälder Moskaus.

„Moskaus Infrastruktur hat einen großen Sprung nach vorne gemacht“, sagt Witali Stadnikow, Professor für Urbanistik an der Moskauer Hochschule für Ökonomie, der FR. Stadnikow lobt auch die neuen Multifunktionszentren, wo die Bürger ihre Amtsangelegenheiten erledigen können, ohne die oft monströsen Wartezeiten und den Schmiergelddruck früherer Jahre.

Moskaus Jahreshaushalt beträgt umgerechnet knapp 33 Milliarden Euro. Die Stadt gibt pro Einwohner mehr aus als London oder Rom und gut sechsmal so viel wie Jekaterinburg, eine der wohlhabendsten Provinzhauptstädte Russlands. „Mit diesen Summen will man auch den Lebensstandard und die Laune der Hauptstädter heben“, erklärt Stadnikow.

Moskau, einst Schaufenster der Sowjetunion, ist zur Vitrine für den inneren Gebrauch geworden: Schaut, wie toll es uns geht! Und die Moskauer glauben es. Nach einer Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM sind 69 Prozent der Bürger zufrieden mit der Lage in ihren Bezirken, nur sechs Prozent wollen bei den kommenden Stadtratswahlen für Oppositionelle stimmen.

Moskau hat allein vergangenes Jahr 33 Kilometer U-Bahn-Linie und 17 neue Metrostationen in Betrieb genommen. Anton Kulbatschewski, Chef des Moskauer Umweltschutzdepartements verkündet stolz, man habe den Ausstoß von Autoabgasen seit 2010 um 22 Prozent gesenkt.

Allerdings stellen andere Statistiken diese Erfolgszahlen infrage: So stieg die Zahl der Pkws in Moskau und Umgebung im gleichen Zeitraum von 5,7 Millionen auf 7,7 Millionen. 3,6 Millionen davon kurven täglich durch die Hauptstadt, nach einer internationalen INRIX-Umfrage verbringt der Durchschnittsmoskauer jährlich 91 Stunden in Staus, der zweite Platz weltweit hinter Los Angeles. Und die meisten Radwege enden sowieso sehr abrupt am Gartenring.

Das Projekt Moskau hat sich längst als Dauerbaustelle definiert. Auf den zentralen Trottoirs etwa wechselt man allsommerlich die von Sobjanin eingeführten Granitplatten aus, weil die allwinterlich gestreuten Frostschutzchemikalien sie angefressen haben – beides kostet umgerechnet dutzende Millionen Euro, nach Ansicht von Oppositionellen ein Kreislauf mit enormer Korruptionskomponente.

Während die Stadt verkündet, Moskau sei die grünste Weltmetropole, schimpfen Naturschützer, zwischen 2003 und 2018 seien von 172 000 Hektar Grünflächen 70 000 Hektar verschwunden. „Es gibt kein Grün, du kannst dich vor der Sonne nicht retten“, klagt die Moskauerin Kari Guggenberger. Sie ist deshalb aus der Plattenbau- gegend Tscherjomuschki in den Sawjolowski-Bezirk umgezogen, wo noch viele Bäume und niedrige Backsteinhäuser stehen.

Aber auch diese Gebäude sollen zum Großteil abgerissen und durch neue Wohnhochhäuser ersetzt werden, Guggenberger kämpft in einer Bürgerinitiative dagegen. Schon zu Sowjetzeiten wuchsen außerhalb des Gartenrings Betonwälder aus meist 18-stöckigen Wohnsilos, ihre monumentale Hässlichkeit wuchert längst über den äußeren Autobahnring hinaus. Im Gegensatz zu westlichen Großstädten seien hier die Durchschnittsimmobilien schlechter, je weiter vom Zentrum entfernt, so Urbanist Stadnikow.

Das riesige Moskau ist ohnehin ein Einzeller, Theater, Szeneklubs und Autorencafés ballen sich in der Stadtmitte, während sich um die U-Bahnstationen der Wohnviertel herum immer das gleiche Angebot versammelt: Einkaufspalast mit Kino, McDonald’s und andere Fast-Food-Ketten. Phantasielose Komfort- und Konsum-Inseln, eingekreist von Plattenbau und Blechlawinen.

Auch an der „Straße der Bakuer Kommissare“ stehen 17-stöckige Wohnhochhäuser wie schmutzige, leicht aufgeweichte Schuhkartons. Dabei gilt das Viertel im Moskauer Südwesten noch als gehobene Wohngegend. Auf einer Seitenstraße zwischen den Plattenbauten schaukelt ein Lada-WAS-Kombi vorbei, Baujahr 1990, durch Schlaglöcher und über holprige Teerflicken. Aus seinem Heck ragt ein Sperrholzschrank. Von hinten fliegt ein blitzend schwarzer Toyota-Parkettjeep heran, bremst, drängelt, aber vorbei kommt er nicht.

Es wird noch lange dauern, bis die Moskauer wirklich so leben, wie es die Stadt gern möchte.

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