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Morsende Pottwale: Auf der Suche nach dem Klick

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Über das Klicken der Pottwale lässt sich auch ihre Größe bestimmen.
Über das Klicken der Pottwale lässt sich auch ihre Größe bestimmen. © Getty Images/iStockphoto

Einst als verschriene Ungetüme der Meere gejagt, gelten Pottwale heute als gefährdete Art. Einer, der zu ihrem Schutz beitragen will, ist Nino Pierantonio. Im Mittelmeer erforscht er das Verhalten der Tiere – und übersetzt ihren einzigartigen Gesang

Eingezwängt zwischen Schreibtisch und holzgetäfelter Wand hört Nino Pierantonio dem Meer zu. Mit zusammengekniffenen Augen blickt er auf den Monitor, lauscht den Geräuschen auf seinem Kopfhörer und verfolgt die Tonspur, die sich als gezackte grüne Linie über den Bildschirm bewegt. „Im Moment höre ich nur die Fähre, das ist dieser Graph“, sagt Pierantonio und zeigt auf den Monitor. Im Bauch des Segelbootes „Pelagos“ wartet er auf ein anderes Geräusch. Manchmal passiert den ganzen Tag nichts. Dann werden am Abend die Messgeräte wieder eingepackt, das Boot unverrichteter Dinge im Hafen von Sanremo geparkt. Um zu erklären, wonach er sucht, schnalzt Pierantonio dreimal mit der Zunge, es klingt wie eine Art Klicken: Er wartet auf das Geräusch eines singenden Pottwals.

„Pottwale sind kommunikative Tiere, etwa achtzig Prozent der Zeit machen sie Geräusche“, sagt der Forscher. Bis zu zweihundert Klicks kann der größte aller Zahnwale pro Sekunde produzieren, je näher er seinem Futter kommt, desto häufiger wird geklickt. Eine kurze Pause bedeutet: Er frisst – vor allem Tintenfische, die er in großer Tiefe erbeutet, aber auch Kabeljau, Thunfisch, kleinere Haie oder größere Krustentiere.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurden Pottwale, die in allen Weltmeeren zuhause sind, für ihr Fett, Fleisch und Tran bejagt. Besonders begehrt: Ambra, ein Stoff aus dem Darm der Wale, der zur Parfümherstellung genutzt wurde und aus dem Kopf die Substanz Spermazeti, auch Walrat genannt, verwendet für Salben, Kerzen und Kosmetika. Obwohl kommerzieller Walfang 1986 von der Internationalen Walfangkommission verboten wurde, werden etwa von japanischen Fischern unter dem Label des wissenschaftlichen Walfangs weiterhin Pottwale gejagt.

Früher gejagt, noch immer bedroht: Pottwale gehören zu den gefährdeten Arten

Bis heute hat sich die Population nicht erholt. Die International Union for the Conservation of Nature (IUCN) listet die Spezies auf der Gefährdungsskala als „vulnerable“, im Mittelmeer seit 2006 sogar eine Stufe schärfer: „endangered“, gefährdet. Forscher:innen schätzen die Population dort auf nur rund zweihundert Tiere.

Und da sind weitere Gefahren: im Meer treibende, verlorene Fischernetze – sogenannte Geisternetze – in denen sich die Wale verheddern können, am Meeresboden verlaufende Seekabel, dort, wo Pottwale auf Nahrungssuche gehen, die Kollision mit Schiffen und die steigenden Meerestemperaturen. Vor allem aber der seit Jahrzehnten zunehmende Lärm stört die Tiere. Das Brummen von immer mehr Schiffen – die Schallbelastung entlang großer Schifffahrtswege ist schätzungsweise 32-mal so hoch wie vor fünfzig Jahren –, der Bau und Betrieb von Windenergieanlagen, das piepende Sonar der Fischerei, militärische Erkundungen oder das Wummern von Schallkanonen zur Suche nach Öl- und Gaslagerstätten. Allein der Einsatz der bis zu 260 Dezibel lauten Schallkanonen ist im Mittelmeer zwischen 2005 und 2013 um 20 Prozent auf 27 Prozent der Oberfläche gestiegen. Zum Vergleich: Ein Presslufthammer verursacht etwa 100 Dezibel. All das stört die Wale, deren wichtigster Sinn das Gehör ist.

1953 hat die US Navy zum ersten Mal einen Pottwal auf Tonband aufgenommen. Vorher war nicht bekannt, dass Pottwale Geräusche machen, sagt Pierantonio. Vier Monate im Jahr verbringt der 42-Jährige auf dem Segelboot im Mittelmeer und folgt dem Klicken der Pottwale. Der Biologe leitet die Feldforschung für die italienische NGO Tethys. Das Tethys Research Institute wurde 1986 gegründet und hat sich der Forschung zu und dem Schutz von Meeressäugern im Mittelmeer verschrieben. 35 Forschende widmen sich Walen und Delfinen, aber auch Mönchsrobben und Meeresschildkröten. Ihr Ziel ist es, zum Erhalt der Meeresumwelt durch das Bereitstellen von wissenschaftlichen Erkenntnissen beizutragen.

Odontoceti, Zahnwale, zu denen der Pottwal gehört, sind für Pierantonio die interessantesten Wale. Ihre im Gegensatz zu melodisch singenden Walen kurzen, harten Klick-Geräusche faszinieren ihn. Die Geräusche funktionieren ähnlich wie ein Sonar, über das Echo können die Wale navigieren, kommunizieren, Nahrung orten. Er will verstehen, warum die Wale das Klicken nutzen, wann und wie sie es einsetzen – so ließen sich Rückschlüsse auf Alter, Größe und Verhaltensweise ziehen.

Anders als andere Wale nutzen Pottwale keine Pfeiftöne zur sozialen Interaktion. Statt mit dem Kehlkopf produzieren sie ihre Töne mit der Nase, ganz vorne an der Spitze. Rechts und links des Blaslochs befindet sich eine Art Lippen, durch die sie Luft pressen, so senden die Wale Töne ins Meer. Einen Teil der dafür nötigen Energie recyclen sie – diese wandert wiederum in Form eines Tons von der Nase durch den Kopf, wird von dem konkaven Knochen, der den Kopf vom Körper trennt, zurückgeworfen und tritt vorne wieder aus. Misst man die Zeitspanne, die der Ton braucht, um den Kopf zu durchqueren, lässt sich die Körpergröße genau bestimmen. „Pottwale sind ehrliche Tiere, sie können einfach nicht lügen“, sagt Pierantonio: Sich etwa über den Gesang größer machen als sie sind, können sie nicht.

Lärmbelastung im Mittelmeer wird für die Pottwale immer mehr zum Problem

Wellen schaukeln das Schiff hin und her, die Sonnenspiegelung blendet selbst durch das kleine Bullauge. Unter Deck staut sich die Hitze, auf Pierantonios Stirn haben sich Schweissperlen gebildet. Dann ist da endlich ein Geräusch, Pierantonios Augen weiten sich. Es klickt, ungefähr einmal pro Sekunde. Das Geräusch ist kurz, es klingt ein wenig, als würde der Wal morsen. Der Pottwal wird lauter, sein Gesang schneller – dann verstummt er: das Zeichen, dass er auftaucht.

Auf dem Segelboot geht jetzt alles schnell. Pierantonio zieht sich den Kopfhörer vom Kopf, zwängt sich aus der Sitzecke, greift nach Fernglas und Kamera und spurtet an Deck. „Das Klicken hat aufgehört“, ruft er übers Boot. Sein Team aus fünf angehenden Wissenschaftler:innen, die meisten studieren Biologie und nutzen die Zeit an Bord zur praktischen Forschung, macht sich bereit. Die Crew sucht das Meer nach einem Zeichen ab: einer Rückenflosse, einer Blaswolke, einer Bewegung.

Einmal hätten sie eine ganze Familie Pottwale gesichtet, öfter treffe man hier aber junge Bullen. Während sich Weibchen mit ihren Jungtieren zu sozialen Verbänden von rund zwanzig Tieren in eher wärmeren Gewässern zusammentun, sind Bullen erst in kleinen Gruppen unterwegs und, je älter sie werden, allein und bis in die Polregionen zu finden.

Gut sechs Minuten dauert es, bis der Wal von seinem halbstündigen Tauchgang in bis zu tausend Metern Tiefe an die Oberfläche kommt. Sechs Minuten, in denen die Forscher:innen dem Tier möglichst nahe kommen wollen. „Der Wal kommt relativ gerade nach oben, aber er macht in der Zeit keine Geräusche. Wir können nur schätzen, wo er auftaucht“, hatte Pierantonio zuvor erklärt.

Die Sonne mit der Hand abgeschirmt steht er nun am Bug. „Da!“, ruft er, „30 Grad Nordwest!“ Eine Blaswolke, hunderte Meter entfernt. Die Atemwolke steigt im 45-Grad-Winkel nach vorn in die Höhe. Der Skipper dreht das Boot und beschleunigt. Wieder atmet der Wal, diesmal ist die Wolke näher. Pierantonio verfolgt sie durchs Fernglas, dann bedeutet er dem Skipper, langsamer zu werden.

Das Pelagos Sanctuary soll Pottwalen und anderen Tieren einen sicheren Schutzraum bieten

Das Boot schaukelt nur noch, jetzt ist der Wal so nah, dass man meint, man könne die Hand nach ihm ausstrecken. Pierantonios Kamera klickt ununterbrochen. Der Wal ist offenbar entspannt. Neun Minuten bleibt er an der Wasseroberfläche; jede Bewegung wird fotografiert, jedes Ausatmen notiert. Alle zwanzig Sekunden nimmt er einen Atemzug, schließlich zeigt er seine Fluke und taucht ab.

Mit einem langen Kescher in der Hand beugt sich Pierantonio über die Reling und fischt die Reste, die das Tier zurückgelassen hat, aus dem Wasser. Kleine schwarze Brocken landen im feinmaschigen Netz des Keschers. „Der Walkot ist groß wie ein Basketball“, sagt Pierantonio, „er zerfällt aber sofort.“ Im Labor werde später analysiert, was dieser Pottwal gefressen hat, auch Mikroplastik ließe sich so nachweisen. Plastik ist ein Problem für die Wale: Während die millimeterkleinen Partikel in giftige Bestandteile zerfallen, werden große Plastikteile irrtümlich für Tintenfische oder Quallen gehalten. 2019 strandete ein trächtiges Pottwalweibchen vor Sardinien – im Bauch 22 Kilo Plastik.

Mittagspause auf dem Meer. Es gibt Pasta und Salat im Schatten des Sonnensegels. Seit dem frühen Morgen kreuzt der Segler im Dienst des Tethys Research Institute vor der italienisch-französischen Küste. Es ist das Gebiet des Pelagos Sanctuary, einem 87 500 Quadratkilometer großen Meeresschutzgebiet, das das nördliche Mittelmeer zwischen Monaco, Norditalien und Korsika umfasst und bis an die Nordküste von Sardinien reicht. Es ist einer der wichtigsten Futtergründe des Mittelmeers, entsprechend hoch ist die Konzentration an Walen und Delfinen. 1999 auf Bestreben von Tethys, Greenpeace und der Universität Barcelona gegründet, gehört das Schutzgebiet inzwischen zum Umweltprogramm der Vereinten Nationen.

Bevor Pierantonio zu den Pottwalen kam, betreute er ein Delfinprojekt vor der Westküste Griechenlands. „Delfine singen auf einer hohen Frequenz“, sagt Pierantonio und pfeift ein paar Töne, „Pottwale klingen ähnlich.“ Obwohl Pottwale sehr laut sind – 190 Dezibel wurden schon gemessen – sind sie für Menschen nicht hörbar: Sie singen auf einer tiefen Frequenz von höchsten 24 Kilohertz.

Pierantonios Ohr unter Wasser ist ein unscheinbares Messgerät. Das Hydrophon hängt an einem 200 Meter langen, orangenen Kabel hinter dem Boot im Meer, es wandelt die Schallwellen, die sich unter Wasser schneller ausbreiten als in der Luft, in hörbare Signale und auf dem Bildschirm ablesbare Kurven um.

Unter Deck tippt Pierantonio die Daten der Walbegegnung in die Datenbank. Geo- und Wetterdaten, Uhrzeit, Aufenthaltszeit des Wals an der Oberfläche, Atemstöße, die Tonaufnahme des Tiers. Verknüpft mit den Fotos, die das Team geschossen hat, erhält man ein Walporträt mit der Fluke als Passfoto – sie ist so etwas wie der Fingerabdruck eines Wals, individuell und einzigartig. Indikatoren sind etwa Farbe, Noppen, Verletzungen.

Manche Pottwale kennt das Forschungsteam schon seit zwanzig Jahren

Unseren Wal schätzt Pierantonio auf gut zwölf Meter Länge, allein der Kopf sei vier Meter lang. Weil er allein unterwegs ist: vermutlich ein Männchen. Wie alt? Schwer zu sagen. In den ersten zehn Jahren sind beide Geschlechter etwa gleich groß. Während Weibchen aber mit dreißig Jahren ausgewachsen sind (etwa zwölf Meter), dauert es bei den Bullen bis zum 50. Lebensjahr (20 Meter); sie können bis zu fünfzig Tonnen schwer werden. Pottwale im Mittelmeer sind kleiner als ihre Artgenossen im Atlantik – warum, ist eine offene Frage.

Manche der Wale kennen die Forscher:innen von Tethys seit Mitte der 90er Jahre. Langzeit-Datenreihen helfen ihnen, die Wale zu verstehen. So wurde beispielsweise herausgefunden, dass Mittelmeer-Pottwale einen Dialekt verwenden, der im Pazifik nicht nachgewiesen werden konnte. Dessen Bedeutung kenne man noch nicht, so Pierantonio. Auch Wanderrouten und Winterplätze im Mittelmeer seien weitgehend unerforscht, Geld gibt es für solch langandauernden Projekte wenig. Tethys finanziert sie zum großen Teil über Citizen Science: Jede und jeder kann sich gegen Geld eine Woche auf dem Forschungssegler einmieten und Pierantonio über die Schulter schauen.

Unter Deck klickt der Forscher durch Fotos vergangener Walsichtungen – und findet die Fluke unseres Wals in der Datenbank. Dieser Wal wurde schon früher gesichtet, mehrfach sogar, das erste Mal vor zwanzig Jahren. Und: Der hellgraue Pottwal ist ein Weibchen und heißt Sabina. Pierantonio ruft die Kunde durchs Boot, das inzwischen gen Westen segelt. Ziel ist ein Unterwassercanyon vor der Küste Monacos, aufgrund seines Mikroklimas ist das Meer dort besonders nähstoffreich.

Pierantonio greift nach seinem Kopfhörer, die grün gezackte Linie wandert vor ihm über den Bildschirm. Er lauscht – ganz leise hat wieder ein Pottwal mit dem Klicken begonnen.

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