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Klargestellt: Dieser Demonstrant forderte am vergangenen Donnerstag den Rücktritt Yoshiro Moris. Tags drauf sollte es dann so weit sein. Philip FONG/AFP
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Klargestellt: Dieser Demonstrant forderte am vergangenen Donnerstag den Rücktritt Yoshiro Moris. Tags drauf sollte es dann so weit sein. Philip FONG/AFP

Sexismus

Mori, der Wutmacher

  • vonFelix Lill
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Der Skandal um den Olympia-Organisator Yoshiro Mori zeigt, wie stark Sexismus die japanische Gesellschaft prägt. Der erzwungene Rücktritt des 83-Jährigen wiederum zeigt die Macht und Entschlossenheit all jener, die sich für Gleichberechtigung einsetzen

Er hatte sich wirklich darauf gefreut, sagt Shinji Tsubokura, aber seit einigen Tagen steht für ihn fest: „Die olympische Fackel will ich nicht mehr tragen.“ Diese Worte hat der 57-Jährige nun auch an die Organisatoren der Spiele von Tokio gerichtet. Tsubokura stammt aus Fukushima und ist einer von vielen Sportbegeisterten, die sich dafür beworben hatten, von Ende März an für ein paar Meter die olympische Fackel auf ihrem Weg in die japanische Hauptstadt tragen zu dürfen, wo am Abend des 23. Juli die Olympischen Spiele eröffnet werden sollen. Aber mit diesem symbolträchtigen Ritual würde Shinji Tsubokura eben auch die Positionen der Verantwortlichen mittragen, findet er. Und das will er nicht mehr.

Seit Anfang Februar empfinden viele Menschen in Japan ähnlich. Dabei geht es nicht darum, dass eine Mehrheit der Bevölkerung ohnehin dagegen ist, die Olympischen Sommerspiele inmitten der Pandemie abzuhalten. Zu jener riesigen Kontroverse ist mittlerweile eine weitere dazugekommen, die das größte Sportereignis der Welt im ostasiatischen Land noch unbeliebter gemacht hat: Yoshiro Mori, bis vor wenigen Tagen Vorsitzender des Tokioter Organisationskomitees, hat sich in den Augen vieler Menschen als Sexist offenbart.

Konkret geht es um Folgendes: Während Japans Olympisches Komitee beschlossen hatte, den Anteil von Frauen auf 40 Prozent erhöhen zu wollen, war vom 83-jährigen Mori die Bemerkung gekommen: „Wenn eine von ihnen die Hand hebt, denken sie wahrscheinlich, dass sie auch etwas sagen müssen. Und dann sagen alle etwas.“ Übersetzt in Alltagssprache heißt das: Wenn viele Frauen in einem Komitee sitzen, dauern Diskussionen einfach viel zu lange, weil alle Frauen mitreden wollen.

Seit diese Worte Moris öffentlich wurden, befindet sich das Land, in dem die Diskussionskultur ansonsten eher eine zurückhaltende ist, in einer Art Aufruhr. Binnen drei Tagen wurden für eine Onlinepetition, die Moris Rücktritt forderte, 100 000 Unterschriften gesammelt. Eine Umfrage der Nachrichtenagentur Kyodo ergab, dass 60 Prozent der Japanerinnen und Japaner den ehemaligen Premierminister Mori für sein aktuelles Amt für ungeeignet hielten.

Mori aber dachte zunächst überhaupt nicht daran, zurückzutreten. Im Verlauf einer eigens einberufenen Pressekonferenz sagte er eine Woche nach seinem Aufreger vom 3. Februar bloß: „Ich möchte diese Aussage zurücknehmen.“ Nur schien das zu dieser Zeit kaum noch jemanden zu interessieren. Selbst das Internationale Olympische Komitee (IOC), das seine Ausrichterpartner ansonsten lieber lobt als sie für irgendwas zu kritisieren, das nicht unfertige Wettkampfstätten betrifft, bezeichnete Moris Äußerung als „absolut unangemessen“ und distanzierte sich klar. Am vergangenen Freitag trat Mori schließlich doch zurück.

Dabei hat sich in Japan, wo angesichts weiter steigender Infektionszahlen inmitten der Pandemie und oftmals unentschlossener Reaktionen durch die Regierung derzeit viel Unmut herrscht, der Protest gegen notorischen Sexismus in diverse Sphären ausgebreitet. Nicht nur Tokios Gouverneurin Yuriko Koike, die zwar nicht Moris Partei angehört, wohl aber zum konservativen Flügel des Landes gerechnet wird, hatte angekündigt, dass sie Meetings zu Olympia, zu denen auch Mori erscheinen sollte, boykottieren würde. Im nationalen Parlament in Tokio trugen die wenigen weiblichen Abgeordneten zuletzt auch weiße Kleidung – in Anlehnung an die Frauenbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts, als ein Frauenwahlrecht gefordert wurde. Einige Männer trugen dementsprechend weiße Rosen am Revers.

Als besonders unsportlich hallen die Äußerungen von Yoshiro Mori aber in jener Welt wider, in der der 83-Jährige einer der wichtigsten Männer gewesen ist: im Sport. Kaori Yamaguchi, Mitglied von Japans Olympischem Komitee, bezeichnete Moris Zögern bis zum Rücktritt als eine Eigenschaft von Diktatoren. Von den Zehntausenden Volunteers, die im Sommer die Tokioter Spiele als Freiwillige unterstützen sollen, zogen mehr als 500 ihre Einsatzbereitschaft zurück. Und die japanische Tennisspielerin Naomi Osaka, die zugleich ein Gesicht der olympischen Werbekampagne ist, nannte ihn „ignorant“.

patriarchat Japan

Der Fall Yoshiro Mori hat erneut auf ein in Japan seit vielen Jahren kritisiertes Problem hingewiesen: die strukturelle Benachteiligung von Frauen infolge einer tief in der Gesellschaft verankerten Frauenfeindlichkeit. Für dieses Problem gibt es in Japan auch einen Namen: „josei besshi“.

Neben dem „Global Gender Gap Report“ des Weltwirtschaftsforums, in dem Japan aktuell auf Platz 121 von 153 Ländern liegt, verweist eine Umfrage aus dem Jahr 2018 darauf, wie weit Wunsch und Wirklichkeit bei Gleichberechtigung in Japan voneinander entfernt liegen. Das Portal Sumikai, das Nachrichten aus Japan für Interessierte in deutscher Sprache aufbereitet, berichtete 2019 über eine Umfrage unter den Abgeordneten in Japans Unter- und Oberhaus. Von den 703 Abgeordneten, die mit Fragen zum Thema „Frauen in der Politik“ kontaktiert wurden, antworteten 140 Personen. Die meisten davon sprachen sich zwar für eine Frauenquote von 50 Prozent aus. Ein Blick auf die Zusammensetzung des Parlaments zu dieser Zeit zeigte aber: Im Unterhaus waren zehn Prozent der Abgeordneten Frauen, im Oberhaus machen sie immerhin 21 Prozent aus. boh

Denn man muss die Augen schon fest verschließen, um zu übersehen, dass altmodische Geschlechterrollen in Japan ein großes Problem sind. Im „Global Gender Gap Report“ des World Economic Forum, das Chancengleichheit in den Lebensbereichen Politik, Wirtschaft, Gesundheit und Bildung vergleicht, belegte Japan im Jahr 2020 von 153 Ländern den 121. Platz. Direkt davor standen Benin und die Vereinigten Arabischen Emirate. Zumal: Japan rutscht in dem Ranking seit Jahren sukzessive weiter nach hinten.

Besonders schlecht schneidet Japan im Bereich Wirtschaft ab. Weiterhin hält sich in den Personalabteilungen von Unternehmen das Vorurteil, Frauen blieben nicht lange im Beruf und würden spätestens mit der Schwangerschaft aus dem Erwerbsleben ausscheiden. So wird weniger in deren Humankapital investiert, Frauen bleiben häufig auf Assistenzstellen hängen. Obwohl der bis Sommer 2020 regierende Premierminister Shinzo Abe eine Gesellschaft versprochen hatte, „in der alle Frauen strahlen“, ist in Sachen Gleichstellung wenig passiert.

Vergangenes Jahr verschob die Regierung ihr einst unter Abe gestecktes Ziel, dass bis 2020 mindestens 30 Prozent der Führungspositionen weiblich besetzt sein sollen, auf 2030. Unterdessen werden nur drei Prozent solcher Positionen in Japans börsennotierten Unternehmen von Frauen bekleidet. Und nur zehn Prozent dieser Unternehmen haben überhaupt eine Frau in der Chefetage. Viel Erfahrung mit Frauen, die durch ihre Redebeiträge Meetings in die Länge ziehen, dürften alteingesessene Führungspersonen wie Yoshiro Mori gar nicht haben – gibt es doch kaum Frauen, die sich zu Wort melden könnten.

Manche stellen sich die Frage: Wird jetzt, wo Mori weg ist, zumindest der öffentlich geäußerte Sexismus verschwinden? Die nüchterne Antwort lautet: Wenn überhaupt, dann nicht so schnell. Was nicht nur daran liegt, dass sich der Nachfolger oder die Nachfolgerin für den Posten des Chef-Olympia-Organisators auch erst mal bewähren muss. Nachdem am Wochenende der zunächst favorisierte Saburo Kawabuchi, 84, ehemals Fußball-Nationalspieler und heute erfolgreicher Sportmanager, bekannt gab, die Nachfolge Moris nicht antreten zu wollen, ist nun Olympiaministerin Seiko Hashimoto, 56, im Gespräch.

Aber: Moris Worte, die ihn nun zum Rücktritt zwangen, dürften viele Menschen nicht wirklich überrascht haben. Yoshiro Mori ist immer wieder durch sexistische Statements aufgefallen. Im Wahlkampf unterstellte der konservative Ex-Politiker der Opposition schon mal, dass diese ihre Kandidatin nur wegen deren schöner Figur aufgestellt habe. Alten Frauen, die kinderlos geblieben waren, hätte Mori einst auch gern die Sozialhilfe aberkannt – da diese sich ja nicht durch Kindererziehung nützlich gemacht hätten.

Wobei Yoshiro Mori, der der in Japan übermächtigen Liberaldemokratischen Partei angehört, auf solche Äußerungen längst kein Monopol hat. Angesichts niedriger Geburtenraten in Japan bezeichnete dessen Parteikollege und Gesundheitsminister Hakuo Yanagisawa im Jahr 2007 Frauen als „Gebärmaschinen“, die leider nicht produktiv genug seien. Als vor zwei Jahren auch in Japan eine #Metoo-Debatte aufkam und einem Beamten im Finanzministerium vorgeworfen wurde, gegenüber einer Reporterin sexuell übergriffig geworden zu sein, spielte Finanzminister Taro Aso die Sache runter – mit dem Argument, sexuelle Belästigung sei kein Straftatbestand.

Derselbe Taro Aso hatte kurz darauf eine Lösung parat: Es wäre doch besser, wenn nur noch männliche Journalisten geschickt würden, um über das Finanzministerium zu berichten. Ein weiterer Parteikollege, der mit eigenen Gedanken auffiel, war Tadashi Nagao. Der twitterte im Frühjahr 2018, nachdem mehrere Abgeordnete im Parlament #Metoo-Plakate hochgehalten hatten, ein Foto dieser Frauen und Männer mit dem Kommentar: „Sexuelle Belästigung ist etwas, das nicht passieren darf. Jedenfalls für mich sind diese Personen von sexueller Belästigung weit entfernt. Ich erkläre, dass ich niemals irgendeine von ihnen sexuell belästigen werde.“ Der Tweet wurde später gelöscht.

Die Liste solcher Fälle ließe sich fortführen. Das Muster ist immer dasselbe. Meist sind es ältere Männer, die durch antiquierte Vorstellungen von Geschlechterrollen auffallen. Mori ist heute 83 Jahre alt, Yanagisawa war damals 71, Taro Aso war 77. Zudem wiederholen sich die Reaktionen, sobald es zu öffentlicher Empörung kommt. Die Äußerungen werden runtergespielt, ein Missverständnis insinuiert, man distanziert sich halbherzig vom Gesagten. So war es vergangene Woche auch mit Mori. Er sei falsch verstanden worden, und für die öffentliche Empörung seien die Medien verantwortlich. Als wäre er ein Einzelfall.

Abgetreten: Yoshiro Mori. AFP
Angesehen: Seiko Hashimoto. AFP

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