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Erfahrungsbericht

Alltag in den USA: Zerbrochene Demokratie, Rassismus und Corona-Leugner

  • Bascha Mika
    vonBascha Mika
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Der deutsche Journalist Jürgen Fränznick ist nach 13 Jahren in den USA längst nicht mehr nur fasziniert von seiner Wahlheimat. Bascha Mika hat seine Eindrücke und Alltagserfahrungen aufgezeichnet.

  • Nach der Amtszeit von Donald Trump muss Joe Biden neue Brücken in den USA bauen.
  • Eine Mutter in Kentucky würde ihren schwulen Sohn auf offener Straße erschießen.
  • Viele Menschen in den USA lebten so, als würde es das Coronavirus nicht geben.

Es war eine seltsame Amtseinführung – zwanzigtausend Nationalgardisten und keine zivilen Zuschauer. Doch dieser Tag hat mich für einen Moment glücklich gemacht. Als Joe Biden als neuer US-Präsident vereidigt wurde, saß ich wie wir alle vor unseren Bildschirmen, mit einem guten Gefühl. Allein schon, weil es keine Gewalt gab – wobei erschreckend ist, dass man sich darüber freuen muss.

Kaum zu glauben, dass Donald Trump weg ist. In den vergangenen Jahren habe ich jede Minute gelitten, auch wenn ich mir nie wünschte, woanders als in den USA zu sein. Krisenzeiten sind für uns Journalisten hervorragend, manchmal haben wir ja etwas von Aasgeiern.

Ich weiß, Befindlichkeit ist kein politischer Maßstab. Und doch tat es gut, beim Festakt in die Gesichter zu schauen. Ja, es sind Politiker. Ja, sie repräsentieren eine bestimmte Elite. Und sicher wird mit ihnen nicht alles paradiesisch werden. Aber sie haben keine kriminelle Ausstrahlung wie die frühere Mischpoke im Weißen Haus. Die Trump-Kamarilla war, wie Brecht so schön formuliert, zur Kenntlichkeit entstellt. Man konnte ihnen ihren Charakter regelrecht ansehen.

USA: Trump hinterlässt einen Scherbenhaufen

Bei Interviews mit Ministerialen, die eigentlich nichts zu befürchten haben, war es buchstäblich spürbar, in was für einer hündisch-ergebenen, rückgratlosen und heimtückischen Umgebung du dich befindest. Dabei sehe ich durchaus den Unterschied zwischen Trump-Anhängern und den Mafiosi, mit denen er regiert hat.

Bidens Antrittsrede war sicher nicht die beste, aber okay. Kritiker sagen, dass hier mal wieder die Versöhnungskeule rausgeholt und so getan wurde, als könne man vor der Geschichte ausbüxen. Stimmt alles, aber doch auch wieder nicht. Was mich an diesem Land gleichermaßen fasziniert und auch wieder verzweifeln lässt – hier gibt es eine Grundhaltung, wie sie im letzten Satz des Hollywood-Schinkens „Vom Winde verweht“ zusammengefasst wird: „After all, tomorrow is another day.“ – „Morgen ist ein anderer Tag.“ Dieser Satz ist Amerika für mich.

Denn das Land bringt es tatsächlich fertig zu sagen: Schluss, jetzt geht’s nach vorn. Und dann gehen sie nach vorn. Auf die aktuelle Lage bezogen heißt das: Es hilft ja nichts. Trump hat fast alles zerschlagen, was scheinbar festes Porzellan im Geschirrschrank der Demokratie war. Jetzt müssen wir die Scherben wegkehren und neue Tassen in den Schrank stellen.

Joe Biden ist als Brückenbauer der USA gefragt

Sicher, Biden wird es nicht leicht haben, Brücken zu bauen. Vom Zuschütten der gesellschaftlichen Gräben will ich gar nicht reden. In meinem Viertel in Queens gibt es den guten und den bösen Italiener. Der böse ist ein politischer Stinkstiefel, macht aber leider das beste Brot und dann auch noch Bio. Als ich am Tag nach dem Sturm aufs Kapitol bei ihm einkaufen ging, saßen da die üblichen Verdächtigen und tranken Kaffee.

Zur Person

Jürgen Fränznick beschreibt sich so: Zu Anfang die drei K: Kehrwoche in Schwaben / K-Gruppe in Berlin / Kehr um in Teheran, 1979. Und weiter: Studium doch noch abgeschlossen / in Stuttgart bei der Zeitung volontiert / inzwischen seit mehr als 30 Jahren beim Fernsehen. Lebt derzeit als freier TV producer in New York City. Foto:privat

Es dauerte nicht lang, bis sie damit rausrückten: „Da muss man doch erstmal sehen, was uns die Kameras da überhaupt gezeigt haben. Stimmt das überhaupt so? Wurde das Kapitol tatsächlich gestürmt und was ist mit den geklauten Stimmen? Und im Übrigen muss man solchen Abgeordneten mal auf den Schwanz hauen.“

Das ist die gallig-giftige Atmosphäre, die in den USA herrscht. Und wenn Joe Biden sagt, man müsse aufhören, Lügen zu fabrizieren und zu verbreiten, ist das mehr als grausam wahr. Ob er versöhnen kann, ob das in vier Jahren überhaupt zu schaffen ist, ob die Demokraten dazu in der Lage sein werden, so zerstritten wie sie sind – keine Ahnung. Doch hey, ohne nach vorne zu blicken, geht’s gar nicht.

USA besitzen nicht ausreichend Selbstheilungskräfte

Das heißt nicht, dass ich wie früher an die Selbstheilungskräfte dieser Nation glaube. Die werden alleine nicht ausreichen. Es gibt Krankheiten, da hat selbst meine Mutter den Arzt gerufen, obwohl ihre Devise war: „Wer zum Doktor geht ist krank.“ Das optimistische Mindset ist wichtig, aber damit hast du noch kein Werkzeug in der Hand, um die realen Probleme anzugehen – wie fehlende Arbeitsplätze zum Beispiel. Nicht jeder kann Programmierer im Silicon Valley werden.

Für mich ist das Leben hier noch immer ein Abenteuer. Es macht mich neugierig, weil es mich so aufregt. Weil es mich ärgert und verunsichert, weil es mich besorgt und mir Angst macht.

Es ist so furchtbar zu sehen, wie auch in meiner Nachbarschaft die Spaltung der Gesellschaft zur Alltagsrealität wurde. Da gibt es einen sehr tiefen Graben, die Leute reden nicht mehr miteinander und leben in völlig getrennten Welten.

Spaltung der USA: Es gibt zwei Lager, die nicht miteinander reden

Als ich vor einigen Jahren nach Queens rauszog, weil man hier für New Yorker Verhältnisse noch bezahlbar wohnen kann, fiel mir etwas Merkwürdiges auf. Auf meiner Hauptstraße lief die eine Gruppe Menschen immer auf der einen, die andere auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Ich habe es nicht verstanden, bis ich herausfand, dass es sich um Serben und Bosnier handelt. Diese Menschen leben heute noch in den Fronten des alten Jugoslawienkrieges. Die ehemals serbischen Scharfschützen sitzen in der einen Kneipe, und die, die in Sarajewo vor ihnen geflüchtet sind, in der anderen – alle in derselben Straße.

Genauso ist es inzwischen im ganzen Land, jedenfalls in den vielen Ecken, die ich als Reporter bereist habe. Da existieren zwei Lager, die keinen Kontakt haben, nicht miteinander reden und sich nur mit Glück nicht die Schädel einschlagen.

Jürgen Fränznick.

Immigranten in den USA: „Eine Mauer zu Mexiko ist richtig“

Meine Lieblingspizzeria wird von einem Brasilianer betrieben, der die besten Pizzen der Welt macht, na ja, zumindest in Queens. Irgendwann sagt der Pizzabäcker zu mir: „Die Mauer zu Mexiko ist schon richtig, die muss her.“ Ich meinte: „Tschuldigung, und wie bist Du in dieses Land gekommen?“ – „Das ist doch was ganz anderes. Ich bin vor 20 Jahren eingewandert und wollte arbeiten. Jetzt kommen doch nur noch die Drogenhändler und Faulenzer, die ins soziale Netz wollen.“

Anfangs haben mich solche Aussagen sehr irritiert, dann habe ich gemerkt: So denkt nicht nur der kleine Pizzabäcker, sondern fast die ganze Nachbarschaft. Es ist ein kleinbürgerliches Viertel. Die Menschen, die hier schon lange leben, haben oft italienische und griechische Wurzeln, die frisch Zugezogenen meist asiatische. Es sind alles Immigranten.

Und dann findest Du hier – und nicht in Midtown Manhattan – die Aufkleber: Make America great again. In Brooklyn-Williamsburg aber, wo die reichen Hipster wohnen, sind sie alle auf der Seite von Bernie Sanders.

Der Rassismus in den USA ist strukturell

Gleichzeitig ist Rassismus in den Stoff dieses Landes eingewebt, er ist strukturell. People of color haben die schlechteste Ausbildung, sind auf die Jobs am schlechtesten vorbereitet, haben die wenigsten Chancen. Das tradiert sich. Und ist eine der Grundlagen für die ethnische Kampflinie. Und die ist brandgefährlich.

Als ich in die USA kam, hat mich erstaunt, wie tief gläubig und evangelikal geprägt es hier ist. Quer durch alle Ethnien. Die Kirchen spielen eine enorme Rolle, das hatte ich unterschätzt. In den Städten gilt das hauptsächlich für schwarze Milieus, wenn Du aufs Land kommst quasi für alle.

Kirche bedeutet eben auch Kindergarten, Vorschule, Suppenküche, Lazarett. Und wenn Du einen Unfall hattest und eine Zeit nicht mehr arbeiten kannst, dann sammelt die Kirchengemeinde für Deine Arztrechnung. Das sind alltagspraktische Gemeinschaften im besten Sinne, aber gleichzeitig üben sie auch einen hohen sozialen Druck und Kontrolle aus.

Ehepaar in den USA: Mutter würde schwulen Sohn erschießen

Ich denke da an ein Ehepaar in Kentucky, beide Republikaner, auf deren Ranch ich beim ersten Wahlkampf von Donald Trump gedreht habe, noch bevor er dann Präsident wurde. Die Hausherrin hat damals für den Senat kandidiert, ihr Mann ist Veterinär und betreibt eine große Rinderzucht. Beide sind sehr vermögend und tief gläubig. Als sie meinem Team und mir ihre Familie vorstellten, standen da vier Söhne und drei Schwiegertöchter wie die Orgelpfeifen. Und beim jüngsten Sohn war klar, dass er nie eine Frau nach Hause bringen wird.

Als ich die Frau des Hauses alleine und ohne Kamera erwischte, habe ich sie auf ihre Haltung zur Homosexualität angesprochen. Da ist sie fast mit der Nasenspitze an mich rangerückt: „Halt’s Maul! Das geht Dich einen Scheißdreck an!“, zischte sie. „Wenn mein Sohn seinen Partner zum Frühstück mitbringt, bekommt der sein Spiegelei genauso hingestellt wie meine drei Schwiegertöchter. Aber wenn ich die beiden auf der Straße Händchen haltend sehe, schieße ich sie über den Haufen. Erst meinen Sohn und dann den anderen Kerl. Ich werde Dir auch erklären warum: Ich bin seit 25 Jahren mit meinem Mann verheiratet, wir sind noch kein einziges Mal Händchen haltend die Mainstreet runtergelaufen. Das machen wir hier nicht! Das brauchen wir hier nicht! Deshalb wollen wir Euch Schwule und Kommunisten nicht. Ihr lebt in einem Sündenpfuhl, deshalb verstehen wir uns nicht.“

USA: Viele Menschen verhalten sich so, als gäbe es Corona nicht

Kleiner Zeitsprung: Im vergangenen Jahr bin ich während des Wahlkampfs durch die sechs entscheidenden Swingstates gereist. In Arizona war es im Juni superheiß, trotzdem trugen mein Team und ich unsere Masken. Wir waren ganz oft die einzigen. Egal, wo du hinkommst, unglaublich viele Menschen verhalten sich so, als gäbe es keine tödliche Pandemie.

In Phoenix wollten wir eine Straßenumfrage machen. Da kommt ein Mann aus einem Diner und ruft: „Hey, ihr Schwuchteln! Vor was habt ihr mit euren Masken denn Angst?“ Ich war so verdattert, dass mir keine passende Antwort einfiel.

Es gab in den Vereinigten Staaten schon immer einen großen Unterschied zwischen Stadt und Land. Doch Trump hat mit seinem diabolischen Instinkt diesen Gegensatz perfekt bedient. Stadt/Land ist inzwischen ein Synonym für ‚vorne mit dabei‘ oder eben ‚abgehängt‘ zu sein. Das neue Oben und Unten – selbst wenn Du eigentlich Großfarmer bist.

USA: Verödete Industrielandschaften und zerstörte Wirtschaft

In der Fläche, den so genannten Fly-over-States, gibt es kaum noch Arbeit. Haufenweise verödete Industrielandschaften. Du hast hier in weiten Teilen eine zerstörte Wirtschaft, ein großer Teil des Arbeitsmarkts liegt buchstäblich in Ruinen. Da brauchst du in New York nur über den Hudson nach New Jersey rüberzufahren.

Beim Sturm aufs Kapitol ist ein Trump-Anhänger an einem Herzinfarkt gestorben. Dieser Mann hatte früher Obama gewählt und selbst seine Nachbarn haben sich gewundert, wie weit er anschließend nach rechts abgedriftet ist. Der Mann hatte zwanzig Jahre in der Reifenfabrik Good Year gearbeitet, wo auch schon sein Vater lebenslang beschäftigt war. Dann wurde das Unternehmen an eine koreanische Firma verkauft, er verlor seinen Job, wegrationalisiert. So wie ihm ist es im letzten Jahrzehnt ganzen Landstrichen mit Millionen von Leuten ergangen.

Hudspeth County, Texas: „Es gab in den USA schon immer einen großen Unterschied zwischen Stadt und Land. Trump hat mit seinem diabolischen Instinkt diesen Gegensatz perfekt bedient.“

USA: Die Basis der Demokraten lief zu Trump über

Diese Schichten waren mal die Basis der Demokraten, bis die sich in Washington eingebunkert haben. Und Hillary Clinton war auch noch so dummdreist, vom „Korb voller erbärmlicher Gestalten“ zu sprechen. So haben die sich dann auch gefühlt. Und ohne sie entschuldigen zu wollen – diese „erbärmlichen Gestalten“ haben wie Verdurstende in der Wüste auf jemanden wie Donald Trump gewartet. Er hat diejenigen aufstehen lassen, die schon völlig am Boden waren.

Deswegen sind etwa die Kohlekumpel in Virginia dem Kerl hinterhergelaufen. Sie hätten nicht nur das Kapitol gestürmt, wenn er versprochen hätte, dass sie wieder einfahren dürfen. Nur in Regionen mit Industrie 3.0 läuft es wirtschaftlich gut.

USA: Bei Freunden liegt die Glock-Pistole auf der Küchentheke

Manchmal befremdet mich nach wie vor, wie anders die Menschen hier ticken. Und das ist nicht immer nur witzig. Wenn ich zum Beispiel ein befreundetes Paar besuche, liegt ihre Glock-Pistole auf der Küchentheke und er hat ’ne Walther PPK, weil er bei Waffen auf deutsche Präzisionsarbeit steht. Beide sind zivilisierte kluge Menschen, aber wenn es um das Recht geht, Waffen zu tragen…

Trotz allem habe ich es noch keine Sekunde, keine Minute und schon gar keinen Tag bereut, hier zu leben. Selbst nicht in Corona-Zeiten. Anfang April letzten Jahres war klar, dass hier in New York niemand mehr Hilfe bekommen kann, wenn er an Covid-19 erkrankt. Damals hatte mein Sender angeboten, uns rauszufliegen. Den Kolleg:innen in Washington und uns im New Yorker Studio. Es war die letzte Gelegenheit.

Corona in den USA: Ersticke ich in meinem eigenen Bett?

Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, ich hatte richtig große, elende Angst: Werde ich in meinem eigenen Bett ersticken müssen? Aber: Kann ich einfach so abhauen, während der Rest des Bootes – ich weiß wie pathetisch das jetzt klingt – dem Sturm ausgesetzt ist?

Ich bin nicht geflogen. Bin immer noch da, kann aber immer weniger erklären, warum eigentlich. Außer: Nach 13 Jahren in den USA fühle ich mich hier immer noch nicht heimisch, aber, wie wir Schwaben sagen, „fascht wie dahoim“. (Bascha Mika)

Rubriklistenbild: © AFP

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