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Auf einer AfD-Demonstration in Chemnitz: Am 1. September 2018 marschierten Markus H. (links) und Stephan Ernst mit anderen Neonazis sowie Funktionären der Partei durch die sächsische Stadt.

Mordfall Walter Lübcke

Verdächtiger Markus H. hetzte im Internet: Rechtsextreme Beiträge geben tiefe Einblicke

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Im Mordfall Walter Lübcke kommentierte Markus H. auch auf HNA.de. Die rechtsextremen Aussagen lassen tief blicken. 

  • Markus H. kommentierte auf HNA.de
  • Er nutzte das Pseudonym "Professor Moriatti"
  • Seine Kommentare geben Einblicke in sein Denken

Kassel - Bislang war Professor Moriarty als böser Gegenspieler von „Sherlock Holmes“ bekannt, nun spielt er auch im Mordfall Walter Lübcke eine Rolle. Das bisher einzige bekannte Video, das den Kasseler Regierungspräsidenten auf der Bürgerversammlung zur geplanten Flüchtlingsunterkunft im Bürgerhaus Lohfelden zeigt, stammt von einem Youtube-Kanal mit dem leicht abgewandelten Namen Professor Moriatti.

Kassel: Mordfall Walter Lübcke - Markus H. hetzte als Professor Moriatti

Dahinter stecken aller Wahrscheinlichkeit nach der mutmaßliche Täter Stephan Ernst und sein Komplize Markus H. Jedenfalls hatte Ernst in seinem ersten und später widerrufenen Geständnis ausgesagt, die beiden Neonazis hätten den Clip ins Netz geladen. Auch auf unserer Internetseite HNA.de gab es einen Nutzer mit dem Namen Professor Moriatti. Der schrieb unter anderem über sein Alter und seinen Wohnort. Demnach muss es sich dabei um Markus H. handeln.

Liest man die dort veröffentlichten und auch die nicht freigegebenen Kommentare, erhält man Einblicke in das Denken eines Mannes, der mit fast allem unzufrieden ist. Manche Äußerungen klingen nach einem normalen Wutbürger, andere sind unverhohlen rechtsextrem. Die Übergänge sind fließend. Wir fassen seine wichtigsten Aussagen in der von ihm verwendeten Rechtschreibung zusammen.

Kassel: Mordfall Walter Lübcke - Markus H. hetzt im Internet

Nach der Bürgerversammlung in Lohfelden bei Kassel verteidigte Lübcke seinen umstrittenen Satz im HNA-Interview. Professor Moriatti wetterte dennoch gegen den CDU-Politiker, den er nur „Lübke“ nennt. Der Satz „Wer diese Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen“ gelte „natürlich nur für die einheimische Bevölkerung und die Untertanen dieser Politclique“. 

Er zweifelt Lübckes Hinweis an, dass der Westen mitschuldig sei an der Armut im Süden: „Wir bestimmt nicht Herr Lübke, eher ihre Partei Finaziers und Verbündeten aus dem Ausland!“ Dies ist eine in rechten Kreisen beliebte Verschwörungstheorie über das Finanzkapital.

Kassel: Verdächtiger im Mordfall Lübcke stempelt Flüchtlinge als Kriminelle ab

Flüchtlinge sind für Professor Moriatti Schmarotzer. Wäre er selbst Syrer, „würde ich für mein Land kämpfen, wäre ich Afrikaner würde ich Brunnen graben und Felder anlegen. ich würde mich schämen mit Smartfon und Jogginganzug irgendwo einzufallen und irgendwas zu fordern!“ Zudem stempelt er Flüchtlinge als Kriminelle ab, die Frauen vergewaltigen, Leute vor der Disco A7 zusammenschlagen und von Kindern Schutzgeld erpressen.

Kassel: Politiker sind Marionetten - Beiträge von Markus H. geben Einblicke in sein Denken

Für die etablierten Parteien verwendet Professor Moriatti Begriffe wie „Clique“. Für ihn gehorchen diese „Marionettenpolitiker“ lediglich dem Kapital: „Es wird Zeit das sich die Menschen Ihre Länder und ihr Europa zurückholen. Wir wollen als Menschen in Europa leben und unsere Kultur und Grenzen behalten!“ Das ist so ziemlich genau das, was auch die AfD fordert, wie der Autor Sascha Lobo bereits auf Spiegel.de analysiert hat.

Verdächtiger im Mordfall Lübcke schreibt 124 Kommentare

Presse und Rundfunk sind für Professor Moriatti mehr oder weniger gleichgeschaltet. Mehrmals kritisiert er die HNA. Zum einen für naive Kommentare zur Flüchtlingsdebatte, zum anderen wegen einer angeblichen Zensur auf der Webseite. Für Professor Moriatti sind die Medien mitverantwortlich, dass Deutschland bald ausstirbt: „Verehrte ,RedakteurInnen’, wen Sie die Völker abschaffen wollen samt ihrer Kulturen gehören Sie zu keiner Avantgarde die gutes für den Erdball will.“ Von insgesamt 124 Kommentaren von Professor Moriatti auf HNA.de wurden 26 gar nicht erst freigegeben.

Rechtsextreme: "Professor Moriatti" kommentiert über NPD

Immer wieder kommentiert Professor Moriatti die NPD, mit deren Mitgliedern er auch demonstrierte. Trotzdem hält er die Partei von ausländischen Geheimdiensten unterwandert: „Die NPD ist schon immer ein Instrument gewesen um die deutsche Rechte wie auf einem Schiff zu sammeln und an den Klippen zerschellen zu lassen.“ Einmal stellt er die abstruse Theorie auf, dass „wirkliche Nationalsozialisten nicht ausländerfeindlich“ seien, denn die Waffen-SS sei „die größte multiethnische Armee die Europa je hatte (inkl. bosnischen Muslimen!)“.

Mordfall Lübcke: Verdächtiger kommentierte auch Geschehnisse in Kassel 

Mit lokalen Themen befasst sich Professor Moriatti nur selten. Gleich zweimal kommentiert er jedoch die Innenstadt in Kassel. Obwohl er es zu Fuß nur zehn Minuten bis in die City habe, sei er dort nur ein- bis zweimal im Quartal: „Unattraktiv, schlechte Atmosphäre. Da bringe ich mein Geld lieber nach Erfurt.“ Ziemlich oft flüchtet er sich in Sarkasmus. Einmal fordert er für Flüchtlinge, die er „unsere neuen“ nennt, kostenlosen Nahverkehr und WLAN-Zugänge mit dem Schlagwort „Refutschies welkom!“ 

Youtube-Kanal war nach dem bösen Gegenspieler von Sherlock Holmes benannt

Ihren Youtube-Kanal benannten die im Mordfall Walter Lübcke Tatverdächtigen Stephan Ernst und Markus H. nach dem „Napoleon des Verbrechens“. Sir Arthur Conan Doyle hatte Professor Moriarty als bösen Gegenspieler seines Sherlock Homes erfunden. Ernst und H. wandelten die Schreibweise in Moriatti ab. Auf HNA.de zählte Professor Moriatti mit 124 Beiträgen zu den durchschnittlich aktiven Kommentatoren. 

Video: Bundesgerichtshof hebt Haftbefehl auf

Von Matthias Lohr

Bundesjustizminsterin Christine Lambrecht spricht bezüglich des Mords an Walter Lübcke von einer „Zäsur“. Die Tat zielte laut der CDU-Politikerin auf die ganze Gesellschaft.

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