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Flammen schlagen aus dem ICE.

Deutsche Bahn

ICE-Brand bei Montabaur: Ursache steht fest

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Knapp anderthalb Jahre wurde ermittelt. Nun steht fest, warum ICE 511 bei Montabaur im Oktober 2018 Feuer fing.

  • Im Oktober 2018 brennt ein ICE bei Montabaur.
  • Nun steht die Ursache des Brandes fest.
  • Schuld war eine geschnittene statt gewalzte Stange.

Montabaur - Die unsachgemäße Anfertigung eines Gewindes ist wahrscheinlich die Ursache für den folgenschweren Brand eines ICE der Deutschen Bahn vor eineinhalb Jahren in der Nähe von Dierdorf (Kreis Neuwied) bei Montabaur. Das ist das Ergebnis eines Untersuchungsberichts, den die Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung jetzt im Internet veröffentlicht hat.

Am 12. Oktober 2018 war auf der Schnellfahrstrecke zwischen Köln und Frankfurt am Main ein Feuer im ICE 511 ausgebrochen. Mehr als 500 Menschen wurden gerettet, fünf verletzten sich leicht. Der Brand zerstörte den Zug und beschädigte Gleise. Das beeinträchtigte den Fernverkehr nahezu bundesweit für mehrere Wochen. Der Schaden wird mit mehr als 31 Millionen Euro beziffert.

ICE-Brand bei Montabaur: Gebrochene Stange war Ursache

Der Untersuchungsbericht sieht eine gebrochene Stange, die einen der beiden Haupttransformatoren zusammenhalten musste, als Ursache. Deren Gewinde war geschnitten, es hätte aber gewalzt werden müssen. Das macht einen entscheidenden Unterschied: „Dadurch fehlte die Kaltverfestigung, die sich anrisshemmend auswirkt.“

An jenem trockenen Herbsttag ist es noch dunkel, als der Triebfahrzeugführer in dem ICE der dritten Baureihe um 6.21 Uhr bemerkt, dass kein Strom mehr aus der Oberleitung kommt. Er bremst und fragt beim örtlichen Fahrdienstleiter nach; der wiederum weiß nichts von einer Störung an der Strecke. Mehrmals schaltet ein technischer Automatismus die Hauptsicherung des ICE ein – immer wieder stellt sie sich auf Aus.

ICE-Brand bei Montabaur: Fahrgäste hören einen lauten Knall

Zur gleichen Zeit hören Fahrgäste im vorletzten Wagen 32 einen lauten Knall. Eine Zugbegleiterin nimmt deshalb Kontakt dem Triebfahrzeugführer auf - in dem Moment ruft ihr eine Kollegin zu, es brenne. Der Mann an der Spitze leitet eine Schnellbremsung ein, setzt einen Notruf ab; der Fahrdienstleiter sperrt die Strecke und schaltet die Oberleitung ab. Die Zugführerin und Mitarbeiter des Bordbistros installieren eine Notausstiegsleiter am Wagen 27; Rettungskräfte treffen ein; die Evakuierung beginnt.

Der Knall kommt aus dem Transformator unter dem Zugboden. Dass dort die Stange auseinanderfällt, können die Gutachter „aufgrund der Charakteristik zweifelsfrei einem Ermüdungsbruch“ zuordnen. Das massive Gerät, verbaut unter dem Wagen, beginnt sich unkontrolliert zu bewegen; im Inneren reibt es an der Windungsisolation. Die Folge: ein Kurzschluss.

ICE-Brand bei Montabaur: 31 Millionen Euro Schaden

Die hinteren Wagen brannten weitgehend aus, der Gesamtschaden wird mit mehr als 31 Millionen Euro beziffert. 

Nun steigt schlagartig der Gasdruck im Trafokessel, was eine Buchse („Überspannungsableiter“) aus Gießharz brechen lässt. Der Druck entweicht, allerdings auch ein Großteil der 1640 Liter Öl, das als Kühlflüssigkeit dient. Es entzündet sich an einem neuerlichen Kurzschluss. Von Wagen 32 bleibt kaum etwas übrig, auch der folgende letzte Wagen brennt weitgehend aus.

Montabaur: Die Suche nach der Ursache des ICE-Brands

Auf all diese Erkenntnisse kamen die Gutachter, weil sie die Reste des Transformators systematisch auseinanderbauten – und ein zweites, unbeschadetes Modell aus einem anderen Zug ebenfalls.

Eigentlich bezeichnet der Hersteller die Trafos als wartungsfrei für die vorgesehene Lebensdauer von 30 Jahren. „Während dieser Zeit ist ein Ausbau oder Öffnen des Haupttransformators nicht vorgesehen“, heißt es in dem Gutachten. Doch schon vor dem verheerenden Feuer im ICE 511 hatte es Vorfälle gegeben, die Zweifel an dieser Vorgabe nährten – unter anderem Brände nach Kurzschlüssen im Haupttransformator im Juni 2005 während einer Betriebspause im Werk Frankfurt-Griesheim und im August 2009 auf der Strecke zwischen Leverkusen und Köln.

ICE-Brand: Gutachter fordern zahlreiche Konsequenzen

Die Deutsche Bahn hat laut Gutachten damit begonnen, die falsch hergestellten Stangen in den Transformatoren auszutauschen. Ferner kontrolliert sie unter anderem häufiger den Zustand des Öls und plant, auf eine Sorte umzustellen, die schwerer entflammbar ist.

Der Untersuchungsbericht der Bundesstelle fordert weitere Konsequenzen. Allen voran: ein Brandschutzkonzept, das ein Feuer am Haupttransformator überhaupt in Betracht zieht. Brandmeldeeinrichtungen sind in den ICE der dritten Baureihe nicht vorhanden. 

ICE-Brand: Deutschen Bahn nimmt Stellung zum Untersuchungsbericht

Die geborstene Buchse, die die Bahn zunächst in allen Zügen kontrollieren ließ, solle aus einem widerstandsfähigeren Material gebaut werden. Nachteilig sei auch, dass dieser Überspannungsableiter direkt am Trafo montiert ist – abweichend von anderen ICE-Baureihen, bei denen dieses Element auf dem Fahrzeugdach angebracht ist. Das schließe eine potenzielle Gefahrenquelle wie beim ICE 3 aus, sagen die Experten.

Auf Nachfrage der Frankfurter Rundschau teilt die Deutsche Bahn allgemein gehalten mit, viele der im Bericht „vorgeschlagenen Maßnahmen“ würden bereits umgesetzt. „Im Rahmen einer Vereinbarung mit dem Fahrzeuglieferanten Siemens ist der Austausch der Transformatoren der Züge bereits weit fortgeschritten.“

ICE-Brand bei Montabaur: Überraschung bei Untersuchung der Trafos

Bei der gründlichen Untersuchung der Trafos gab es übrigens noch eine Überraschung: Auf und zwischen den einzelnen Windungen im Inneren fanden sich Metallpartikel, die dort nichts zu suchen haben – beim Brandtrafo genauso wie beim Referenzgerät. Die Deutsche Bahn kündigt laut Gutachten an, dieser Sache ebenfalls auf den Grund zu gehen.

Die 180-Kilometer-Trasse zwischen Köln und dem Rhein-Main-Gebiet ist einer der wichtigsten Abschnitte im gesamten Netz der Bahn. Die Gleise sind das Bindeglied zwischen Süddeutschland und dem Ruhrgebiet, den Niederlanden und Belgien. Ein Video der Frankfurter Rundschau, entstanden aus einem der ersten wieder verkehrenden ICE, und Bilder im Internet zeigen, wie massiv das Feuer in ICE 511 die Schienen beschädigt hatte.

Von Michael Bayer

Der Untersuchungsbericht ist auch abrufbar unter FR.de/brandice

Die Deutsche Bahn nannte bereits zwei Monate nach dem ICE-Brand bei Montabaur erste Ergebnisse ihrer Untersuchungen. Damals hieß es, die Werkstätten sollen die Transformatoren der Schnellzüge besser kontrollieren.

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